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​Opa arbeitet weiter!

Rente mit 63? Nein Danke! Die meisten gut Qualifizierten wollen weiter arbeiten, zeigt eine neue Studie. Doch viele Unternehmen sind darauf nicht vorbereitet.

Viele ältere Menschen können sich vorstellen, ihre Rente hinauszuzögern und länger zu arbeiten

Viele ältere Menschen können sich vorstellen, ihre Rente hinauszuzögern und länger zu arbeiten

Matthias Weiss fürchtet, sein Unternehmen wolle ihn loswerden. Kommende Woche wird er 61 Jahre alt. Er arbeitet als Direktor beim Technologiekonzern Oracle. "Amerikanische Unternehmen mögen ältere, teure Mitarbeiter nicht", sagt er. "Die sind dem Jugendwahn verfallen." Er rechnet damit, dass man ihm eine Abfindung anbieten wird.

Dabei würde er gern bis 65 arbeiten, sogar übers Rentenalter hinaus. Er fühle sich nicht alt, sagt er. 3000 Kilometer Rennrad fährt er im Jahr. Im Urlaub besteigt er 7000 Meter hohe Gipfel im Himalaya. Er kann sich vorstellen, noch mit Ende 60 ein, zwei Tage die Woche Projekte zu betreuen oder Nachwuchskräfte zu schulen.

Zu fit für die Parkbank

Aber seine Firma bietet keine Programme für Ältere an. "Es ist schlimm, dass erfahrene Mitarbeiter nicht wertgeschätzt werden. Wir werden wie Ressourcen behandelt, wie Laptops. Wenn wir zu alt sind und zu teuer, werden wir ausgetauscht." Matthias Weiss ist Teil einer Rentnergeneration, die sich zu fit fühlt, um nur noch im Garten zu arbeiten.

Viele Unternehmen sind darauf nicht vorbereitet. Und auch die Politik hat versäumt, Modelle für Arbeit im Alter zu fördern. Stattdessen führte die Große Koalition die Rente mit 63 ein. Nun zeigt eine neue Studie: Den Wünschen vieler Arbeitnehmer entspricht das nicht.

Das Alter wird zum Projekt

Den meisten gut Qualifizierten über 50 Jahren geht es danach wie Matthias Weiss. Sie wollen auch im Rentenalter weiter arbeiten. Über 90 Prozent können sich vorstellen, mehr als einen Tag pro Woche ins Büro zu kommen, ergab eine Studie der Bosch-Gruppe mit der Unternehmensberatung Mediaaccess unter älteren Beschäftigten mit mindestens Abitur. 60 Prozent der Befragten sind sogar bereit, drei Tage oder mehr zu arbeiten.

Zwanzig Millionen Babyboomer erreichen in den kommenden zwei Jahrzehnten das Rentenalter. Mit der neuen Lebensphase beginnt für viele die Sinnsuche. Schon jetzt überschwemmen Ratgeber den Markt: "Überleben im Ruhestand", "Wenn der Wecker nicht mehr klingelt" oder "In Rente: Der größte Einschnitt unseres Lebens". Das Alter wird zum Projekt, das gemanagt werden muss. Über drei Viertel der älteren Arbeitnehmer möchten laut Studie für ihre Arbeit weiter entlohnt werden.

Keine Lust auf Langeweile

Vor allem für Frauen ist das wichtig, ihre Rente ist im Durschnitt nicht mal halb so hoch wie die der Männer. Doch Geld ist nicht alles. Fast die Hälfte der Befragten sagt, es sei ein schönes Gefühl, noch gebraucht zu werden. Sie wollen "Erfahrung weitergeben", es sei schade, "wenn das Wissen verloren gehen würde". Mehr als jeder Zehnte gibt schlicht an: "Ohne Arbeit wäre mir langweilig." 

Bislang arbeiten vor allem Selbstständige und mithelfende Angehörige über das Renteneintrittsalter hinaus. Für Angestellte gilt nach ihrem 65. Geburtstag: Entweder sie schieben mit Zustimmung des Arbeitgebers ihren Rentenbeginn auf; dann erhöht sich ihre spätere Rente. Oder sie verdienen sich zur Rente etwas dazu; das müssen sie voll versteuern.


Starrer Rentenbeginn nicht  zeitgemäß

Experten wie der Demografieforscher Axel Börsch-Supan halten den starren Rentenbeginn längst für nicht mehr zeitgemäß. Länder wie Schweden oder Norwegen haben statt einem festen Rentenalter einen "Rentenkorridor" eingeführt. In Norwegen zum Bespiel können Beschäftigte zwischen dem 62. und dem 75. Lebensjahr frei wählen, wann ihr Ruhestand beginnt.

Großbritannien hat die verpflichtende Altersgrenze ganz abgeschafft. Zum Entsetzen von Wirtschaft und Wissenschaft stellte sich die Große Koalition mit der Rente ab 63 gegen die demografische Entwicklung. Um die Kritiker zu besänftigen, versprach Arbeitsministerin Andrea Nahles, die Übergänge zumindest ein bisschen zu erleichtern. Rentner sollen künftig unter anderem mehr hinzuverdienen dürfen. Derzeit arbeitet die Koalition an einem Gesetzesentwurf.

Machen, was geht

Thomas Lutze-Rodenbusch, 60, freut sich darüber. Der Lehrer will auch später, im eigentlichen Ruhestand, Projektklassen an seiner Waldorfschule unterrichten. "So verlottere ich nicht", sagt er. Sein Vorbild sei seine Schwiegermutter, eine Bäuerin. Die stand zwar irgendwann nicht mehr auf dem Feld, die Kühe und Schweine hat sie aber trotz Parkinson bis ins hohe Alter gefüttert. Sie machte, was ging. Irgendwann kochte sie nur noch. Lutze-Rodenbusch sagt: "Die Arbeit ist ein Nagel, der einen im Leben festhält." 

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