Zur mobilen Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere Darstellung
auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
Startseite

Die Frau, die alles richtig macht

Der Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz ist ein Wunder gelungen. Malu Dreyer hat die Landtagswahl furios gewonnen und das Amt behalten. Klar, dass ihre SPD-Genossen nun völlig aus dem Häuschen sind.

Von Ulrike Posche

Malu Dreyer hat die Augen geschlossen und lächelt, hinter ihr ein Poster mit ihrem Namen in Großbuchstaben

Malu Dreyer hat's geschafft

Sie ist jetzt natürlich die Königin. Klassenbeste, Überflieger, Heldin. Die Ministerpräsidentin Malu Dreyer hatte vor Wochen in allen Umfragen noch weit hinten gelegen. Dann aber hat sie in einem fast usainbolthaften Sprint auf der Zielgeraden ihre hoch gehandelte Herausforderin Julia Klöckner abgehängt. Und alle, die je an ihr zweifelten, dazu. Gewonnen!

Dreyers Geheimnis

Das Besondere an Malu Dreyer, 55, ist, dass sie selbst nicht einen einzigen Moment zweifelte. Nicht an sich, und nicht an ihrer Politik. Sie ist sich ihrer Klasse bewusst. Und sie hat allen Grund dazu. Die Regierungschefin des Landes Rheinland-Pfalz ist überzeugt davon, die richtigen und besseren Konzepte für die Menschen und deren Zukunft zu haben. Für die Einheimischen, wie für die Flüchtlinge. Für die Schulen, wie für die Straßen. Für die medizinische Versorgung, wie die mit schnellem Internet.

Sie hat sich durch nichts und niemanden beirren lassen. Einmal entschieden, immer entschieden. Einmal geheiratet, immer verliebt. Einmal roter Hosenanzug, immer roter Hosenanzug. Seit Ewigkeiten geht sie zum selben Friseur. Sie ist kein wankelmütiger Mensch. Sie redet den Leuten nicht nach dem Mund. Und genau das ist Malu Dreyers Geheimnis: Dass sie für ihre Sachen steht. Immer. Man muss schon ein ziemlicher Depp sein, um das nicht zu spüren, wenn man ihr persönlich begegnet.

Eine freundliche Magnolie aus Stahl

Dabei ist es gar nicht so leicht für sie, zu stehen. Jeder im Land weiß, dass die zierliche Frau gehandicapt ist. Sie leidet seit 20 Jahren schon an einer unheilbaren Nervenkrankheit. Multiple Sklerose. Aber, selbst wenn sie manchmal bedauert, dass sie nicht mehr auf hohe Berge klettern und Rennrad fahren kann wie ihre Gegnerin; selbst wenn sie gelegentlich auf einen Rollstuhl angewiesen ist - ihr Leid trägt sie nicht nach außen.

Sie ist eine dauerlächelnde Magnolie aus Stahl. Ein freundlicher Disziplin-Bolzen. Eine, die mit knöchernem Charme jeden um den Finger wickelt. Den Winzer an der Mosel, den Firmenchef im Westerwald oder, wie neulich bei einer Preisverleihung in Mainz, den Sänger-Poeten Sven Regener von "Element of Crime". Ihre innere Motivation, so sagte sie, habe ihr für ihren ersten Wahlkampf als Amtsinhaberin unerklärliche Kräfte verliehen. Es war als wäre sie in einen Zaubertrank gefallen.

Malu for Chancellor?

Nun werden die ersten euphorisierten Parteifreunde natürlich darüber spintisieren, ob die gebürtige Lehrerstochter und gelernte Juristin nicht gleich Kanzlerkandidatin der SPD werden müsse. Eine mit Helden-Aura und Wahlsieger-Gen könnte die Partei ja gut gebrauchen. Eine, die das Genossen-Völkchen endlich aus dem 24-Prozent-Verließ führen könnte. Malu Dreyer will von solchen Plänen nichts wissen. Sie will ihr Land weiterregieren. Mehr nicht. Manche sagen nun, sie habe mit ihrem Wahlsieg ganz beiläufig auch Sigmar Gabriel gerettet. Bei einer Niederlage hätte der glücklose Parteivorsitzende nämlich zurücktreten müssen. Hätte, hätte, Fahrradkette.

"Leben Sie eigentlich hier?"

Als Malu Dreyer ihrer Konkurrentin vor zwei Wochen beim TV-Duell gegenüber saß, da brauchte sie nur einen einzigen Satz, um Julia Klöckner für den Rest des Wahlkampfs auf den hinteren Platz zu verweisen. Die CDU-Politikerin hatte ihre Erlebnisse mit Imamen, die ihr nicht die Hand gäben, mit Burka-Trägerinnen im Mainzer Schwimmbad und muslimischen Flüchtlingsmännern, die von Frauen kein Essen annähmen, geschildert. Da konterte die Landesmutter mit entgeistertem Spott: "Ich frage mich manchmal schon: Leben Sie eigentlich in Rheinland-Pfalz?" Der Satz schlug ein. Julia Klöckner, die sehr gern in Berlin, also auf Bundesebene mitmischt, entglitt ebenfalls für einen Moment das große Strahlen.

Die CDU-Vorstandsvize hatte ihren gesamten Landtagswahlkampf zu einer Abstimmung über den richtigen Weg in der "Flüchtlingsfrage" gemacht. Und auch Malu Dreyer hat bei ihren Auftritten über das Thema, das die Menschen am meisten bewegt gesprochen. Über die Flüchtlinge, die Rheinland-Pfalz aufnimmt; und diejenigen, die Rheinland-Pfalz wieder zurück schickt. Komischerweise klang es dann immer so, als stehe Dreyer loyal hinter dem "Wir schaffen das"-Mantra der Bundeskanzlerin, während Klöckner ihr mit eigenen Konzepten, Plänen und Entwürfen ständig in den Rücken fiel.

Die Allesrichtigmacherin

Malu Dreyer ist eine überzeugte Sozialdemokratin. Sie hat Haltung und den Mut, diese auch dann zu verteidigen, wenn es schwierig wird. Die Kritik an ihrer Weigerung, sich drei Tage vor der Wahl mit AFD-Leuten zum Diskutieren ins Fernsehen zu setzen, ließ sie einfach abtropfen. Und nach der blödsinnigen Elefantenrunde aus CDU, SPD, Linken, Grünen, FDP und AFD, zu der sie ihren Stellvertreter entsandt hatte, schrieben die Zeitungen, die abwesende Ministerpräsidentin wäre die eigentliche Siegerin des Abends gewesen.

Sie hatte offenbar instinktiv alles richtig gemacht. Malu Dreyer war sich immer sicher, die Beste für den Job zu sein. Sie wollte die Dinge, die sie in drei kurzen Jahren auf den Weg gebracht hat, zu Ende führen. Irgendwie haben die Menschen im "Land der Reben und Rüben" wohl im letzten Moment gespürt wie ernst es ihr damit ist. Schon als Kind hatte Marie Luise Dreyer einen eisernen Willen und die Gabe, ihn durchzusetzen. Heute, in der Zeit der Ungewissheiten, bauen die Wahlbürger auf Politiker mit innerem Kompass. Merkel, Kretschmann, Dreyer. Drei verschiedene Parteien, ein und derselbe Politikertypus.

Malu, breit' den Mantel aus

Denn das Leben ist rau. Die Welt ist in Unordnung. Aber Malu macht alles wieder schlicht. So haben die Pfälzer auf den letzten Metern wohl gedacht. So haben sie gewählt. Man muss prompt an das Kirchenlied denken, das sie in den Sonntagsgottesdiensten im Mainzer Dom singen. Im Refrain heißt es: "Patronin voller Güte, uns alle Zeit behüte."

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools