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15. April 2010, 10:30 Uhr

Der Super-Präsident

Kein Bundespräsident wird bis heute so geliebt, keiner hat dieses Format, kaum einer ist Helmut Kohl so auf die Nerven gegangen. Herzlichen Glückwunsch zum 90sten, Richard von Weizsäcker. Eine Gratulation von Hans Peter Schütz

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Richard von Weizsäcker: "Eine moralisch-politische Instanz - sozusagen ein Präsident ohne Amt"© Jens Schlüter/DDP

Sein 90. Geburtstag? Wer Richard von Weizsäcker in diesen Tagen in Berlin begegnet, glaubt das nicht. Unlängst war er in der CDU-Zentrale, um den 80. Geburtstag von Heiner Geißler mitzufeiern. Da saß er in der ersten Reihe und blickte jugendlich frischer drein als Geißler. Vor sieben Jahren hat er - zum zehnten Mal! - das Sportabzeichen gemacht. Vermutlich würde er es auch heute noch schaffen. Und auch als Altpräsident, der er seit 16 Jahren ist, ist er immer noch Präsident. Sein Biograf Hermann Rudolph schrieb in diesen Tagen zu Recht von einem staunenswerten Phänomen: "Der Privatmann Richard von Weizsäcker blieb eine moralisch-politische Instanz - sozusagen ein Präsident ohne Amt."

Noch immer gelingt ihm, was während seiner zehnjährigen Amtszeit perfekt glückte: Diskussionen anzuregen, Perspektiven zu skizzieren, kurz - die richtigen Worte zur richtigen Zeit zu finden. Das hat ihn zur alle anderen Präsidenten überragenden Figur gemacht. Vergleichbar integrative Wirkung auf die deutsche Gesellschaft hatte allenfalls noch Theodor Heuss.

Unstrittig ist, dass von Weizsäcker, das sechste Staatsoberhaupt der Bundesrepublik, die bislang wichtigste Rede in der deutschen Nachkriegsgeschichte gehalten hat. Gehalten am 8. Mai 1985 - mit Blick zurück auf das Kriegsende am 8. Mai 1945.

"Spezialgewissenträger im Präsidentenamt"

Die zentrale Passage dieser Rede im Bonner Bundestag lautete: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung: Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft [...] Wir dürfen nicht am Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Kriege führte." Die deutsche Vergangenheit müsse angenommen werden, mahnte er. Das "Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung".

Das war eine ganz ungewöhnlich mutige Rede, zumal für einen Bundespräsidenten, der zu diesem Zeitpunkt noch sehr frisch in diesem Amt war. Viele schäumten vor Wut, natürlich die Vertriebenenfunktionäre, alle Rechtsausleger der Republik, aber Politiker der CDU/CSU. Franz-Josef Strauß beschimpfte ihn als "Spezialgewissenträger im Präsidentenamt". Schluss müsse sein mit der "ewigen Vergangenheitsbewältigung".

Und natürlich fehlten nicht die gehässigen Hinweise darauf, dass ausgerechnet einer diese Rede halte, der den Nazis vom ersten bis zum letzten Kriegstag treu als Soldat gedient habe. Einer, der viele im Widerstand zwar persönlich gekannt, doch den Weg dahin selbst nicht gefunden habe. Dessen Vater als Staatssekretär im Auswärtigen Amt Hitler zu Diensten war und sich dann von seinem Sohn Richard, damals noch Jurastudent, vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal verteidigen lassen musste. Es waren schwierige Tage für Richard von Weizsäcker. Er hat sie mit Bravour durchgestanden - und das war natürlich schwer für einen Mann, der jener Wehrmacht angehört hatte, die für viele Verbrechen der Nazis williger Helfer gewesen war. Aber wann sind jemals von einer Rede des Bundespräsidenten 650.000 gedruckte Exemplare nachgefragt worden?

Kohls Niederlage gegen von Weizsäcker

"Es allen recht zu machen, ist nicht möglich", gehört zur Lebensphilosophie dieses Mannes. Dieser Satz war auch stets die Maxime seines politischen Lebens. Der CDU-Politiker von Weizsäcker stand zum Zorn vieler Parteifreunde schon in den sechziger Jahren zum so genannten "Tübinger Memorandum", in dem sich prominente deutsche Wissenschaftler (darunter sein Bruder Carl-Friedrich) zur Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als polnischer Westgrenze bekannten. Immerhin war sein älterer Bruder Heinrich beim Überschreiten der polnischen Grenze in den ersten Kriegstagen gefallen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was Kohl seinem Schützling nie verzeihen konnte und warum von Weizsäcker fast aus der CDU geworfen wurde

"Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung"

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KOMMENTARE (10 von 26)
 
LaoLu (17.04.2010, 01:43 Uhr)
Horst Köhler
?
Kesserjockel (16.04.2010, 13:09 Uhr)
Lebt Horst Köhler noch?
Wer Verantwortung übernimmt, der muss auch Verantwortung übernehmen. "Lügen schaden dem Volk." Willy Brandt hat recht. Zur Abhilfe muss das Volk lügen. Alle Deutschen haben das Recht. Wahrheit! Eine geistig-moralische Wende blieb aus. Ganz im Gegenteil: Die politische Kultur wurde durch Machtversessenheit von zwei Volksparteien zerstört. 1992 warnte das Gewissen der Nation. Parteiübergreifende Empörung machten die Einheit perfekt.
Logine (16.04.2010, 09:52 Uhr)
Schönung
Wenn man R.v.Weizsäckers Lebenslauf studiert fragt man sich schon, wann der spätere Bundespräsident sein Gewissen entwickelt hat. Er war im Krieg an vorderster Front, hat Leningrad aushungern geholfen, sein Vater war Diplomat unter Hitler, er war Manager beim Hersteller von Agent Orange.
Sodann die "berühmte" Rede zum 8. Mai - der Versuch, eigene und kollektive Versäumnisse aus der Geschichte zu tilgen? Die von Weizsäckers gehör(t)en zu den "Eliten", die die deutsche Geschichte entweder mitverantwortet oder geduldet haben. Gegen Ende des WWII desertierte RvW - aus Einsicht oder Kalkül? - während die weniger Privilegierten den Kopf bis zuletzt hinhalten mussten.
Typisch auch die "artistokratische" Nähe zur mächtigen Kirche: Thron und Altar vereint, auch das hat D trotz vieler REligionskriege noch nicht überwunden.
LaoLu (16.04.2010, 02:15 Uhr)
Richard von Weizsäcker
wird von einer großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung als ein Glücksfall im Amt des Bundespräsidenten angesehen.

Auch bei einer großen Mehrheit gibt es immer auch eine Minderheit, die anderer Meinung ist.
Wie man an den letzten Postings sieht.

Auch Franz Josef Strauß, Inbegriff des nicht ganz sauberen deutschen Politikers (ich will ja nicht gelöscht werden mit meinem schönen Kommentar) gehörte zu den Weizsäckerhassern.
Dito (15.04.2010, 21:58 Uhr)
Er gehört zu der Geschäftsleitung der Firma Boehringer,
die Agent Orange und Agent Blue herstellten.

Ja, es ist das Zeug, daß man während des Vietnamkriegs großzügig verteilt wurde. Jetzt ledien die Menschen dort immer noch unter den Spätfolgen.

Ein herrlicher Präsident ! Aber seien wir ehrlich, wer von den hat nicht Dreck am Stecken ???
arniston (15.04.2010, 20:12 Uhr)
danke ! sie sind einfach toll
obwohl ein bänker in den usa ein loch im kopf hat,und sie nicht ...
sowas von mensch und politiker sucht man in deutschland mit der lupe.
sie sind ein held in ihrem auftritt und haben
deutschland genützt ohne ende, danke

mit ihnen bin ich stolz ein deutscher zu sein !!!


danke herr weizäcker !
dreicon (15.04.2010, 17:56 Uhr)
Na, ob da nicht die heimliche Sehnsucht
dr Deutschen nach Glanz und Adel eine Rolle spielt? So ein ganz klein wenig "von Gottes Gnaden im Präsidentenamt?

Wie dem auch sei, als BP hat er wirklich seine Berufung gefunden, und vorbildlich erfüllt.

Weniger als Regierender BM in Berlin! Sie sollten mal den alten Rudolf Vogel fragen, wieviel unerledigte Arbeit er ihm liegengelassen hatte.
janus55 (15.04.2010, 16:40 Uhr)
Er ist weder ein Superpräsident und er wird
auch nicht von mir geliebt, wie das angeblich die meisten Deutsche tun. Dieser Herr hat es IMMER sehr gut verstanden zu ALLEN Zeiten seinen Helm, Hut oder Hütchen in den Wind zu halten. Ist es ein Verdienst, daß er sich mit seinem Mentor Kohl angelegt hat, als dieser ihm nicht mehr nützlich sein konnte? Er und dieser Herr Geißler gefallen sich beide in der Rolle "gutes Gewissen der Nation". Aber immer nur dann, wenn sie persönlich keine Nachteile oder gar Repressalien befürchten müssen. Dazu gehört kein Mut!
undueberhaupt (15.04.2010, 16:27 Uhr)
@Stern
Hallo Stern, Sie haben eben gerade die Kommentarfunktion beim neusten Bericht über die vier toten Bundeswehrsoldaten gelöscht. Ich möchte mich recht herzlich darüber bedanken, das man bei Ihnen keine freie Meinungsäußerung mehr hat. Wir leben in einer DEMOKRATIE, aber das geht in Ihren Gehirnen anscheinend nicht rein.
Hamskibamski (15.04.2010, 14:30 Uhr)
Ja ja liebe Amis schaut mal her ! Wir hatten schon lange vor euch unseren eigenen Obama !
Unseren guten Richard von Weizsäcker. Wenn einer ein repräsentatives Amt wie das des Bundespräsidenten nahezu in Perfektion und würdevoll ausfüllen konnte, dann war es Richard von Weizsäcker.
Ansonsten, alles gute zum 90ten und noch viele gute Jahre.
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