Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Eine Stunde Sendezeit vergeudet

Es sollte ein Kräftemessen sein vor der Wahl in NRW. Doch das TV-Duell zwischen SPD-Landesmutti Hannelore Kraft und CDU-Herausforderer Norbert Röttgen kannte nur einen Verlierer - den Zuschauer.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

  Noch gucken sie sich mit einem Lächeln in die Augen: Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU)

Noch gucken sie sich mit einem Lächeln in die Augen: Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU)

Die Sendung des Westdeutschen Rundfunks (WDR) trug den Titel "Das Duell." Doch geboten wurde kein Zweikampf zwischen Hannelore Kraft (SPD) und Norbert Röttgen (CDU), es wurden lediglich 60 Minuten Sendezeit verplempert.

Man möchte gerne wissen, wie viele der Bürger in Nordrhein-Westfalen, die demnächst wählen gehen, sich das direkte politische Kräftemessen bis zum Ende zugemutet haben. Eine Verlustquote von 60 Prozent in den 60 Minuten könnte es durchaus gegeben haben. Wenn nicht sogar mehr.

Im Prinzip ging es ja um einiges. Hier die Landesmutti Kraft, ihr gegenüber Herausforderer Röttgen, der gerne für sich persönlich mit dem Satz Reklame macht: "Deutschlands beste Jahre kommen noch." Etwa dann, wenn er endlich auf Angela Merkels Stuhl säße. Dorthin zieht es ihn bekanntlich stärker als auf den Stuhl des Ministerpräsidenten in Düsseldorf.

Doch was haben die WDR-Moderatoren Gabi Ludwig und Jörg Schöneborn mit vereinten Kräften aus einer Konfrontation gemacht, die so spannend hätte sein können? Einen Totalschaden in Sachen politischer Journalismus produziert. Arme Landeskinder, die ihre Wahlentscheidung möglicherweise von diesem "Duell" abhängig gemacht haben, das nun wirklich keines war. Zu keiner Minute der einstündigen Sendezeit.

Was ihnen vor allem abverlangt wurde, war Sitzfleisch und Beherrschung des Zeigefingers, damit dieser nicht abschaltet. Denn geboten wurde pausenlos, was zu einer solchen Reaktion auf diese Wahlsendung verlockend einlud.

Die Augen rollen, das Kinn reckt sich

Zunächst eine Debatte über ein spezifisches Problem der Berliner Politik: Betreuungsgeld für Eltern, die ihre kleinen Kinder nicht in die Krippe schicken? Die SPD hält das für falsch und damit natürlich auch Frau Kraft. Röttgen, im modischen rosafarbenen Hemd mit Pünktchen-Krawatte, sieht hier sofort eine Chance, locker zu punkten. Seine Augen rollen aggressiv in Richtung der Konkurrentin, das markante Grübchen im Kinn, reckt er energisch in ihre Richtung. Natürlich ist er fürs Betreuungsgeld seiner in Berlin regierenden Parteifreunde, aber die Frage der Moderatorin, ob es auch für die Millionärsgattin zu zahlen sei, die ihre Kinder privat betreuen lässt, beantwortet er nicht. Dafür wird er von Kraft ausgelächelt.

Nächste Runde: Macht NRW zu viel Schulden? Klar doch, sagt Röttgen. Nein, sagt Kraft. Sie mache drei Milliarden neue Schulden, mithin 3,5 Milliarden weniger, als noch von ihrem CDU-Amtsvorgänger Rüttgers einst geplant. Und fügt listig hinzu, sie hätte noch mehr sparen können, hätte die CDU den reichen Hoteliers über die FDP nicht noch eine Milliarde in die Taschen eingedrückt. Röttgen antwortet mit zum Strich zusammengepressten Mund.

Politischer Kraft-Satz

Die Hälfte der Sendezeit ist vorüber. Das Duell erreicht einen Höhepunkt. Röttgen preist das Abkommen mit der Schweiz im Kampf gegen die Steuerhinterzieher als Geldmaschine an: Zwei Milliarden Euro flössen dadurch zusätzlich in die NRW-Staatskasse. Die Zahl kennt nur er, alle Experten legen sich so nicht fest, nicht einmal CDU-Bundesfinanzminister Schäuble. Noch bleibt den Steuerhinterziehern Zeit genug, ihr Schwarzgeld anderswo straffrei zu bunkern. Und ob das Abkommen jemals im Bundesrat eine Mehrheit findet, ist ungewiss.

Also wiederum keine Antwort für die Bürger, die am Bildschirm auf eine Antwort auf ihre Frage hoffen: Was passiert, wenn ich das Kreuzchen bei diesem Röttgen mache?

Besser wird es auch nicht, als sich danach die Debatte auf das Thema Mindestlohn verlagert. Da erkennt Röttgen eine Chance, Pluspunkte zu machen. Der Mindestlohn sei heute, sagt er mit Stolz im Gesicht, nur ein Problem, weil er unter SPD-Kanzler Schröder möglich gemacht worden sei. Doch Kraft zeigt Fachkenntnis im Detail: Mindestlöhne könnten auch in Zukunft nur möglich sein, wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften sich darauf einigten. Wenn nicht, dann bliebe auch der Stundenlohn von 6,40 Euro im NRW-Gartenbau unangetastet. Ihr Fazit, "dass der Gartenbauer davon seine Familie nicht ernähren kann", schluckt Röttgen unwidersprochen. Auch auf den politischen Kraft-Satz "bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt" fällt ihm nichts ein als energisches Kopfschütteln.

Lebenstraum vom Kanzleramt

Doch dann kommt sein Traumthema: Atomausstieg, von ihm persönlich durchgesetzt. Warum wird der Strom immer teurer, soll er erklären. "Das liegt nicht an der Energiewende", antwortet er. Und Kraft attackiert mit dem politischen Kernsatz aus dem Handbuch für politische Anfänger: "Sie rechnen sich die Welt schön." Die Moderatoren nicken brav. Denn jetzt bleiben ihnen noch eine Minute und 27 Sekunden vor dem Ende der Sendung für die wirklich spannenden Fragen des kommenden Wahltags.

Warum kommt Röttgen nur nach NRW, wenn er die Wahl gewinnt und Ministerpräsident wird, nicht aber als Oppositionsführer? Antwort: "Die CDU möchte dem Land dienen. Wir glauben, dass wir besser regieren können." Kraft, die immer mal wieder spekulativ als potenzielle SPD-Kanzlerkandidatin für die Bundestagswahl genannt wird, bekennt sich ohne Hintertür: "Mein Platz ist hier in NRW." Auf politische Inhalte legt sie sich indes noch einmal nicht fest: "Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt."

Wer gibt diesem Röttgen noch eine Siegchance nach diesem Auftritt - und sei sie auch nur klitzeklitzeklein? Hier eine Frau, die ernsthaft das wichtigste Bundesland regieren will. Da ein Mann, der erkennbar nur ein Sprungbrett sucht, das er benutzen möchte, um seinen Lebenstraum vom Kanzleramt näher zu kommen. Und überhaupt: Was machen diese beiden Politiker, wenn etwa die Piraten ihre derzeitigen Denkspiele in Sachen Koalition zum Einsturz bringen?

Piraten und FDP bleiben ausgeklammert

Fragen dazu gab es nicht. Ebenso wenig zum Umgang mit der Möglichkeit, ob in NRW vielleicht demnächst eine liberale Partei neuen Zuschnitts über die fünf Prozent kommt oder die Linkspartei rausfliegt und ein Zwang zu einer Großen Koalition besteht.

Zu dieser ganzen Sendung passt ein Satz wie maßgeschneidert, den der an diesem Abend so antwortlose Röttgen einmal wortflüssig formuliert hat: "Das eigentliche Verhängnis von Politik ist, wenn die Richtung, in der gesegelt werden muss, nicht mehr zu erkennen ist." So lief der ganze Abend.

Wer sich dieses Duell als Wahlhilfe versprochen hatte, sollte sich auch noch einen anderen Satz dieses Röttgen merken: "Ich bin wie ich bin!

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools

  • Hans Peter Schütz