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Wer ist der neue Herr der Stasi-Akten?

Er brachte als Regimekritiker die SED-Führung mit mutigen Aktionen gegen sich auf, jetzt erhält er den wohl wichtigsten Posten zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte in der Bundesrepublik: Der ostdeutsche Journalist Roland Jahn wird im kommenden Jahr neuer Stasiakten-Beauftragter der Bundesregierung und tritt damit die Nachfolge von Marianne Birthler an.

Der frühere DDR-Oppositionelle Roland Jahn wundert sich noch immer, dass sein Einsatz gegen das SED-Regime nun mit einer Erinnerungstafel in Berlin-Kreuzberg gewürdigt wird. "Das ist symbolisch für alle, die vom Westen aus die Oppositionellen in der DDR unterstützt haben. Das waren nicht so viele", meint Jahn. Gegen seinen Willen war der aus Jena stammende Bürgerrechtler im Juni 1983 aus der DDR abgeschoben worden. Nun schließt sich der Kreis: Der 57- Jährige wurde vom Bundeskabinett als neuer Chef der Stasi- Unterlagenbehörde und Nachfolger von Marianne Birthler vorgeschlagen.

"Ich stehe für Transparenz", sagte er kürzlich der Nachrichtenagentur dpa. Er wolle sich zu dem Job aber erst äußern, wenn der Bundestag über seine Person entschieden habe. Seit Jahren bemühe er sich, das Thema Aufarbeitung ins Fernsehen zu bringen.

Der Ostdeutsche war den DDR-Oberen schon früh ein Dorn im Auge. In Jena (Thüringen) engagierte er sich in Oppositionsgruppen. Der Student der Wirtschaftswissenschaften flog 1977 von der Uni, nachdem er gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestiert hatte. Zur "Bewährung" musste er als Transportarbeiter bei Carl Zeiss Jena malochen. Doch auch damit war er nicht kleinzukriegen: Jahn protestierte weiter und unterstützte auch öffentlich die polnische Gewerkschaft Solidarnosc.

Mehrmals wurde er festgenommen und von Polizei und Stasi verhört. Wegen "öffentlicher Herabwürdigung der staatlichen Ordnung" wurde der Oppositionelle im Januar 1983 zu 22 Monaten Gefängnis verurteilt. Es gab internationale Proteste - nach einigen Wochen kam Jahn frei. Doch der Dissident ließ das SED-Regime weiter nicht in Ruhe - zusammen mit anderen gründete er die Oppositionsgruppe Friedensgemeinschaft Jena, die mit eigenen Transparenten bei DDR-Demonstrationen auftrat - bis er gewaltsam aus der DDR abgeschoben wurde - gegen seinen Willen und in einem abgeschlossenen Bahnabteil.

Vom Westen aus machte Jahn unbeirrt weiter und unterstützte zusammen mit dem ebenfalls abgeschobenen Autor Jürgen Fuchs die zurückgebliebenen Bürgerrechtler in der DDR. Auch im damaligen West- Berlin wurde er von der Stasi bespitzelt. Doch Jahn sorgte dafür, dass der Einsatz der DDR-Opposition in westlichen Medien vorkam. Zuerst als freier Journalist, dann als Redakteur des ARD- Fernsehmagazins "Kontraste" produzierte er kritische DDR-Reportagen. Seit 2006 ist er bei dem RBB-Magazin stellvertretender Redaktionsleiter.

Jahn hatte auch seinen Anteil daran, dass mit Hilfe einer geschmuggelten Kamera Bilder der Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 mit zehntausenden Demonstranten im West-Fernsehen ausgestrahlt werden konnten. Viele DDR-Bürger fühlten sich so ermutigt, ebenfalls auf die Straße zu gehen. 1998 wurde Roland Jahn mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt.

Jutta Schütz, DPA (mit DAPD/AFP)
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