Die große Koalition kämpft um ihre Existenz, die CDU schaut mit Furcht auf die Umfragen. Je länger das so geht, desto mehr rückt Roland Koch ins Zentrum. Er könnte Merkel nachfolgen. Von Stefan Braun

Roland Koch in seiner Staatskanzlei in Wiesbaden: immer recht freundlich, aber knallhart, wenn es drauf ankommt© Thomas Rabsch
Roland Koch in seinem Element. Am Rednerpult. Als Erklärer der Welt. Und das nicht irgendwo, sondern in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten.
Auftritt im Woodrow Wilson Center. Im Publikum sitzen Diplomaten, Regierungsberater, US-Wissenschaftler. Und am Pult steht einer, der frei redet, auf Englisch parliert, schnell reagieren muss und schnell reagieren möchte. Auf alles hat Koch eine Antwort. Koch, der Ökonom, zum Duell mit China: "Alle Märkte öffnen. Jeder Schutz verlängert nur die Schmerzen." Koch, der Transatlantiker, zum deutsch-amerikanischen Verhältnis: "Es ist dank Angela Merkel wieder entspannt und viel besser geworden." Koch, der Innenpolitiker, über die Große Koalition: "Es ist nicht einfach. Aber wir haben Erfolge. Wir lösen gerade die Budgetkrise." Wir? Noch Fragen? Danke. Der Mann will nicht ewig Ministerpräsident bleiben.
Und das spüren alle. Auch in Berlin. Gerade in diesen Tagen, da alles ins Rutschen zu geraten scheint. Der Streit um die Gesundheitsreform - eine Farce. Die ständigen Attacken der Unionsministerpräsidenten. Die Umfragen für die CDU - so schlecht wie zu Zeiten des Spendenskandals 2000. Existenzangst macht sich breit unter den Christdemokraten. Und Roland Koch rückt in eine besondere Rolle: Er wird zum Ersatzkanzler. Sollte die Kanzlerin scheitern, sollte die CDU auf dem Parteitag Ende November gegen sie rebellieren, weil sie die Große Koalition nur mit einem anderen Kanzler aushält, wäre Koch ihr Nachfolger.
Schon nach dem Fast-Wahldebakel vom 18. September 2005, als niemand zu sagen wagte, ob Merkel politisch überleben würde, war selbst unter ihren Vertrauten klar, dass nur Koch als Alternative infrage käme. Hildegard Müller in den Wochen der Koalitionssuche: "Wenn Merkel es nicht schafft, würden wir für Koch stimmen." Begründung: Er habe seine Loyalität zu Merkel und damit zur CDU bewiesen.
Ein Zustand, an dem sich nichts geändert hat. Im Gegenteil. So ist es überall im Regierungsviertel zu hören. Da mag Christian Wulff auf seine Sympathiewerte setzen, da mag der Rheinländer Jürgen Rüttgers mit dem größten CDU-Landesverband auf eine Sonderrolle pochen - zurzeit würde die Mehrheit der Parteispitze, der Fraktion, der Funktionäre und wohl auch der Basis für Koch stimmen. Thomas de Maizière, Merkels Kanzleramtsminister, schwärmte nach Bildung der Koalition vom "Architekten" Koch, der das Bündnis maßgeblich gestaltet habe. Einer aus der Fraktionsspitze: "Er hat sich entschieden. Er steht für Kompetenz, Stringenz, Loyalität zu unserer Sache."
Vorvergangenen Donnerstag in Berlin. Die Ministerpräsidenten der Union treffen sich zum Kaffeekränzchen. Seit Wochen zeigen sie der Koalition die Zähne. Kein Tag vergeht, an dem nicht einer von ihnen die Gesundheitsreform kritisiert. Heute werden sie die Kanzlerin treffen. Alle rechnen mit einer harten Aussprache. Angela Merkel ist "not amused" in diesen Tagen.
Doch es kommt anders. Und alle hören genau zu. Der Grund heißt Roland Koch. Er will nicht stänkern, er will Luft rausnehmen. Ausgerechnet er, einst der große Rivale, ein Meister der Kabale, hält eine Beschwichtigungsrede. Der Streit um die Gesundheit dürfe so nicht fortgesetzt werden. Die Kritik an der Reform müsse gezügelt werden. Niemand, so der Hesse, dürfe desavouiert werden. Auch die Kanzlerin brauche Spielraum.
Was passiert hier?, fragt mancher. Was macht der da? Spricht da noch einer von uns? Oder schon einer, der was anderes werden möchte? "Der will loyal wirken und zugleich den Chef geben", lautet bei den meisten die Antwort. Ja, den Chef geben. Aber nur dann, wenn er spürt, dass alle in der Union nein zu Merkels Politik rufen möchten. Geschickt ist Koch in diese Rolle geschlüpft, als es darum ging, Ende Juni höhere Steuern für die Gesundheitsreform zu verhindern. Merkels bisher schlimmste Niederlage.
Übernommen aus ...
Ausgabe 41/2006