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30. April 2008, 13:59 Uhr

Der Reformer mit Bodenhaftung

Mit seiner "Durch Deutschland muss ein Ruck gehen"-Rede ging Roman Herzog in die Geschichte ein. Zu Kopf gestiegen ist dem Alt-Bundespräsidenten der Ruhm bis heute nicht. Der Grund: seine "unstillbare Spottlust". stern.de zeichnet das Porträt eines politisch Unersättlichen. Von Hans Peter Schütz

Der Alt-Präsident Roman Herzog galt als "Präsident der Erneuerung"© Andreas Rentz/Getty Images

74 Jahre alt, eine Ämterfülle hinter sich, wie sie kaum ein anderer vorweisen kann und doch kein bisschen gravitätisch. Roman Herzogs bestes Kennzeichen: Bodenhaftung. Vor dem Abheben hat den siebten Präsidenten der Republik vielleicht seine von keinem anderen Bundespräsidenten erreichte Fähigkeit bewahrt, jederzeit neben sich treten zu können. Sich unprätentiös und selbstironisch zu kommentieren. "Unstillbare Spottlust" hat er selbst als seine größte Schwäche bezeichnet - und man möchte wetten, dass er darauf ordentlich stolz ist.

Kostproben. "Ich kann nicht lügen", sagt Herzog, "weil ich mir nicht merken kann, was ich früher gesagt habe." Weil der geborene Niederbayer seine barocke Figur nicht leugnen kann, räumte er Verwandtschaft zu Helmut Kohl stets fröhlich ein: "Wenn wir uns auf die Waage stellen, sieht man die Ähnlichkeit." Und mit robustem Selbstbewusstsein sagt der Mitverfasser des wichtigsten Grundgesetzkommentars "Maunz-Dürig-Herzog" über sich selbst: "Da steht einfach mehr drin als bei jedem anderen."

Leitmotiv seiner fünfjährigen Präsidentschaft war die "Erneuerung der Gesellschaft" in der globalisierten Welt. Den Stillstand der wirtschaftlichen Dynamik und die Erstarrung der Gesellschaft aufzubrechen, betrachtete er als seine Mission. Die Schlüsselrede für dieses Kernthema hielt der "Präsident der Erneuerung", der er sein wollte, 1997 im Berlin Hotel "Adlon".

Eine Welt im Aufbruch warte nicht auf Deutschland, warnte er. "Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen." Neben der Rede Richard von Weizsäckers zum vierzigsten Jahrestag der deutschen Kapitulation gilt die "Ruck"-Rede als nachhaltigste Rede eines Bundespräsidenten. Sie enthielt bereits alle Begriffe der politischen Reformdebatte von heute. Lähmung. Stagnation. Bürokratismus.

Auch im Ruhestand noch Lust an politischer Einmischung

Die Lust an der politischen Einmischung hat Herzog in den Unruhestand mitgenommen. 2003 gründete er den parteiübergreifenden "Konvent für Deutschland", zu dem sich führende Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft zusammen geschlossen haben, "um Deutschland wieder bewegungsfähig zu machen." Unter Herzogs Leitung erarbeiten sie Vorschläge zur Verbesserung politischer Entscheidungsprozesse, für mehr Bürgerbeteiligung und die Reform des Wahlrechts.

Im Mittelpunkt steht dabei derzeit die Reform des föderalen Systems, vor allem eine Neuordnung der Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern. Mitstreiter im Konvent sind neben anderen Klaus von Dohnanyi (SPD), ehemaliger Hamburger Bürgermeister, Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD), Rupert Scholz (CDU), Ex-Verteidigungsminister, Hans-Olaf Henkel, früher IBM-Chef sowie der Unternehmensberater Roland Berger.

Eiserne Faust als Lösung von Deutschlands Problemen?

Herzog lebt heute zusammen mit seiner zweiten Frau Alexandra Freifrau von Berlichingen, die er nach dem Krebstod seiner Frau Christine geheiratet hat, auf der Götzenburg im württembergischen Jagsthausen. Der legendärste Spross derer von Berlichingen war Ritter Götz, der sich die im Kampf verlorene rechte Hand durch eine eiserne Faust ersetzen ließ. Könnte sie ein Symbol dafür sein, was ein Deutschland brauchte, das sich auch in den Zeiten einer Großen Koalition nur mühsam in Bewegung setzt?

Roman Herzog schüttelt lächelnd den Kopf. Und weist ironisch daraufhin, dass selbst die eiserne Faust von Ritter Götz heutzutage nicht mehr hält, was der Name verspricht. Die Berlichingens haben das Erbstück nach dem 1. Weltkrieg an den weltberühmten Professor Ferdinand Sauerbruch ausgeliehen. Der wollte daran studieren, wie Handprothesen für die Kriegsopfer konstruiert sein müssten. "Als die Faust aus Berlin zurückkam", erzählt Herzog, "funktionierte sie leider nicht mehr. Der Professor hat sie irgendwie wieder falsch zusammengeschraubt."

Von Hans Peter Schütz
 
 
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