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3. Juni 2007, 17:01 Uhr

Party statt Tränengas

Am Tag danach versucht Rostock Normalität zu leben. Dort, wo gestern die Schlacht tobte, gibt es Würstchen und Bier. Doch die Angst vor neuer Gewalt sitzt tief. Von Manuela Pfohl und Florian Güßgen

Am Tag nach den schweren Krawallen hat sich die Lage deutlich entspannt© Philipp Gülland/stern.de

"Foto kostet fünf Euro", sagt der Punker und grinst. Für einen Euro mehr würde er auch noch das Victoryzeichen machen. Vor dem Auto, das ausgebrannt im Hafenviertel steht und auf dessen Fahrersitz ein Pappschild liegt. "No G8" steht drauf. Einige Kameras haben schon draufgehalten. Geiles Bild, finden die Leute. Von einem Kameramann hat der Punker ein Bier gekriegt. "Sowas erlebste nur einmal. Das is echt cool." Rostock am Tag danach.

Aufgerissene Straßen, abgebrannte Müllcontainer, zerstörte Telefonzellen und eingeschlagene Scheiben. Vor der kleinen Kneipe am Hafen, die der schwarze Block gestern "platt gemacht" hat, liegen Pflastersteine und zerbrochene Bierflaschen. Unweit davon sitzen Polizisten auf einem Mauervorsprung. Frühstücken. Die ersten Spaziergänger kommen. "Oh Gott, was ist denn hier passiert." Die Polizisten haben keine Lust, es ihnen zu erklären.

Bloß nicht an gestern denken

Ingrid Model (68) mag an das Drama eigentlich auch nicht erinnert werden. Den ganzen Tag war sie gestern unterwegs. Sie sagt: "Nur meckern über die Welt ist doch spießig. Man muss schon auch was tun." Deshalb ist sie im Protestzug mitmarschiert, hat sich über die friedliche Demo gefreut und über die vielen Leute. Und jetzt? "Alle Welt redet nur noch von den Ausschreitungen und dem schwarzen Block". Heute Morgen hat sie sich einen Pott Kaffee gekocht in ihrer Wohnung draußen im Neubaugebiet. Sie hat den Deutschlandfunk angeschaltet und die Bilanz von heute gehört. 433 verletzte Polizisten, davon 30 schwer. 128 festgenommene Demonstranten, zehn Leute, die ein Gerichtsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung und schweren Landfriedensbruchs bekommen. Drei ausgebrannte Autos. "Einfach furchtbar", sagt sie und: "Vielleicht hätte ich mehr tun müssen."

Schon im vergangenen Jahr, als die Lage bei der großen Maidemo in Rostock zu eskalieren drohte, ist sie in den schwarzen Block gegangen, hat mit den Leuten geredet. "Und tatsächlich habe ich es geschafft, in meinem Bereich Ruhe reinzukriegen." Dieses Mal hat es nicht geklappt. Ein Mädchen, das einen Pflasterstein in der Hand hielt, hat sie vergeblich versucht zu überreden, ihn nicht zu werfen. "Die war so voller Hass." Einen Jungen hat sie gefragt, warum er sich vermummt hat. "Ich hab gesagt, das sieht doch furchtbar gefährlich aus." "Das ist ja auch die Absicht", hat er geantwortet und für einen Moment sein Tuch abgenommen. "Ein ganz junges, pickliges, pubertierendes Gesicht. Als ich das gesehen hab, war mir klar, der braucht die Vermummung, das gibt ihm ein Gefühl der Stärke, sonst traut der sich in keine Gruppe." Monty Schädel, 39, und Organisator der Rostocker Großdemo, war auch mittendrin, als die Steine flogen. "Die Gewalttäter, die dafür verantwortlich sind haben in keinster Weise meine Sympathie.“ Die Autonomen pauschal zu verurteilen, hält Monty Schädel für falsch. Er hat wie immer seine blaue Trainingsjacke an. "Shalom" steht drauf.

Bruzelnde Bratwürste statt fliegende Steine

Er meint das ernst. "Wenn wir uns nicht gemeinsam darauf verständigen wollen, Menschen mit einzubinden und davon zu überzeugen, dass es andere Wege als die Gewalt gibt, können wir es eigentlich gleich bleiben lassen." Den ganzen Tag wird er mit den anderen Gruppen die nächsten Protesttage diskutieren, organisieren und vielleicht schafft er es auch in den Stadthafen zum Konzert zu kommen.

Am Tag danach riecht es auf dem Platz, wo gestern die Schlacht tobte, schon wieder nach Party statt nach Tränengas. Auf dem Schwenkgrill brutzeln die ersten Bratwürste, demnächst macht die Schmalzbäckerei auf. Es gibt Fischbrötchen und Bier. Aus den Boxen der Bühne dröhnen erste Riffs. Zur Probe. Gleich wird Jan Delay im Rahmen der Veranstaltung "Move against G8" hier aufspielen. Ein Musiker mit Gipfelkritik. Seit gestern klingt das noch ein Stück verdächtiger.

Im Fernsehen haben sie die Zuschauer aufgefordert, abzustimmen, ob die Demonstrationen gegen G8 nach den Rostocker Ausschreitungen verboten werden sollten. In der Rostocker Innenstadt haben sich noch ein paar Geschäfte verbarrikadiert. Die Angst vor neuer Gewalt sitzt tief.

Ingrid Model hofft, dass es nicht soweit kommt. Sie hat noch viel vor in der Gipfelwoche. Morgen beispielsweise geht sie zur Demo am Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen. Da, wo es 1992 die großen Nazi-Krawalle gab, wollen die Protestler eine gerechtere Welt für alle fordern. Mahnung an die Staatschefs, die ab Mittwoch nach Heiligendamm kommen.

Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) hofft, dass es friedlich bleibt. Er hat es satt, dass seine Stadt immer wieder nur mit Bildern der Gewalt zu sehen ist. Oben am Himmel kreisen Hubschrauber, Polizeisirenen heulen auf. Vor Mc Donalds gibt es eine Sitzblockade. Im Stadthafen tanzen ein paar Leute. Am Tag danach.

Von Manuela Pfohl und Florian Güßgen
 
 
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