Außenminister Joschka Fischer ringt im Untersuchungsausschuss um sein Amt - und das Überleben von Rot-Grün. In der Visa-Affäre verliert er die Aura des Unantastbaren. Ende eines Idols?

Ihm steht das Wasser bis zur Brille: Joschka Fischer hat sich durch sein Verhalten in der Visa-Affäre selbs in die Brdouille gebracht© Illustration: Wielan Smetek; Foto: Karl-Heinz Hug
Alle haben das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Manche meinen sogar zu spüren, dass etwas zu Ende geht. Dabei läuft auf den ersten Blick doch alles ganz normal: Der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland geht seinen Amtsgeschäften nach. Er empfängt den Außenminister von Argentinien und den von Guinea, und er hält im Konzentrationslager Sachsenhausen eine Rede.
Dann aber steht ein seltsam fahriger, unkonzentrierter Joschka Fischer im Bundestag. Er spricht zum China-Waffenembargo und sagt vergilbte Sätze wie "Meine Damen und Herren, der Europäische Rat hat beschlossen ..." Manchmal machen sie sich in den Reihen der Opposition ein wenig lustig über ihn.
Das hat es früher nie gegeben. Sie haben sich empört, haben ihn beschimpft - aber sie haben ihn nie ausgelacht. Etwas verschiebt sich, auch Fischer scheint es zu spüren.
Nach wildem Leben auf dem Hochplateau seiner Karriere angekommen, war Deutschlands Außenminister in den vergangenen Jahren zum Denkmal geworden. Eine Polit-Ikone der irgendwie anderen Republik: ungezähmt, aber doch machtbewusst. Dass er dazu auch noch mit Messer und Gabel essen konnte, wärmte sogar Konservativen das Herz. Fischer war unantastbar.
Doch seit er als Hauptfigur auftaucht im Skandal um massenhaften Missbrauch von Visa-Dokumenten an den deutschen Botschaften von Kiew, Moskau und anderswo, ist er antastbar geworden.
Warum tat er nichts gegen die abenteuerlichen Zustände an den deutschen Auslandsvertretungen? War es die Arroganz des Weltpolitikers gegenüber scheinbaren Details? Und warum schritten nicht wenigstens Fischers engste Mitarbeiter ein? Multikulti-Ideologie - oder einfach nur vorauseilender Gehorsam?
Am kommenden Montag wird er sich im Visa-Untersuchungsausschuss mit unangenehmen Fragen auseinander setzen müssen. Es geht um Kriminelle, Schleuser, Schwarzarbeiter. Um Menschenhändler und ukrainische Mädchen. Das Ganze wird im Fernsehen übertragen, live aus dem Ausschuss-Saal im Berliner Parlamentsviertel: High Noon im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Raum 3.101. Die Opposition wittert ihre Chance: Ohne Fischer wäre Rot-Grün so gut wie tot.
Ohne Fischer - das kann man sich irgendwie nicht vorstellen.
Wir haben seine Belehrungen ertragen und seine Turnschuhe in Hessen. Wir hielten ihn oft für einen Kotzbrocken, haben aber seine Attacken im Bundestag geliebt, und immer nahmen wir irgendwie Anteil - an seinem Dick- und Dünn- und dann wieder Dickwerden, an Liebesdramen und Marathonläufen. Fischer ist kollektive Geschichte. Ohne das beständige Dröhnen seines imposanten Egos ist diese Geschichte nicht vorstellbar. Es bildete so etwas wie das Grundrauschen der Republik - durchbrochen von spitzen Soli.
Das waren dann die besten Momente. Geht es mit ihm zu Ende, dann geht für alle etwas zu Ende.
Doch selbst wenn er die Sache überlebt, ist nicht klar, ob Fischer jemals wieder der Alte sein wird. Vielleicht ist seine Aura schon jetzt für immer verflogen.
Man sieht in diesen Tagen einen älter gewordenen, übergewichtigen Mann. Manchmal schnappt er kurzatmig-schmatzend nach Luft. Auf grünen Parteiveranstaltungen lässt er jetzt gern mal wieder die Krawatte weg. Er wirkt dann fast ein wenig liederlich. So, wie er eigentlich nie wieder aussehen wollte.
Fischer zerfließt geradezu in einer merkwürdigen Wohlbeleibtheit - als weiche jetzt gleichsam die Energie aus seiner politischen Kraftnatur. "Der Außenminister ist auch nur ein Mensch", hat die grüne Verbraucherministerin Renate Künast in diesen Tagen gesagt, um Fischers Fehler in der Visa-Affäre zu erklären. Nach Jahren grüner Überhöhung klingt das komisch, so irdisch: Der Außenminister. Nur ein Mensch.
"Ich war bei den Grünen lange Zeit Mittelstürmer, Linksaußen und Libero in einem", hat er vor Jahren gesagt. Es war immer anstrengend mit ihm. Aber es muss auch wahnsinnig anstrengend gewesen sein, Joschka Fischer zu sein.
Fassungslos verfolgen nun auch die Genossen im Kanzleramt und in der Fraktionsspitze der SPD die "schleichende Demontage" und den "Souveränitätsverlust" des einstigen Zugpferdes. Fischer gilt jetzt als Risiko - vier Wochen vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen.
Viel zu lange hat er die Affäre unterschätzt. In seinem Umfeld ist zu hören, dass er sich bis vor kurzem "praktisch nie ernsthaft damit beschäftigt hat". Und noch jetzt, in der zähen Aufarbeitung, wenn über "Aktenlage", "Eingangsjahre" und "Reiseversagungsgründe" zu reden ist, bekommt der Skandal aus seiner Perspektive schnell etwas Dürftiges, geradezu Mickriges. Für ihn, den Chefdiplomaten, den Geo-Strategen und Weltenretter, ist es eine Affäre unter seinem Niveau. Daher fällt es ihm so schwer, ein Verhältnis zu ihr zu finden.
Vor Wochen schon drängte ihn SPD-Chef Franz Müntefering zu schneller Aussage vor dem Untersuchungsausschuss: "Joschka, du musst in die Offensive kommen. Nur so wirst du das los."
Ganz allmählich gelingt es Fischer, die Sache mit Pathos aufzuladen und ihr so eine Größenordnung zu geben, an der er sich messen kann. Im Fernsehen erzählt er, wie kurz vor der Wahl 2002 im Auswärtigen Amt die Beamten mit CDU- und FDP-Parteibuch in Vorfreude auf einen Ministerwechsel "schon neue Möbel bestellten". Man sieht dann förmlich die schwarz-gelben Parteisoldaten vor sich, wie sie in einer Palastrevolte das Gebäude am Werderschen Markt entern und sich bis zur Ministeretage vorkämpfen könnten.
Immer wieder hat Fischer persönliche Krisen bewältigt, indem er das Geschehen um seine Figur zu einem Drama von historischer Dimension überhöhte. All das zeigt seine tief sitzenden, fast schon reflexhaften inszenatorischen Bedürfnisse - wie auch eine bewundernswerte Fähigkeit, sich an sich selbst zu berauschen.
Auf dem Höhepunkt der Affäre um seine Straßenkämpfer-Vergangenheit, losgetreten durch ein Bekenntnis im stern ("Ja, ich war militant"), konnte man ihn in einer Lufthansa-Maschine antreffen, deprimiert und wie betäubt von den öffentlichen Schlägen jener Wochen - aber irgendwie schon wieder ganz Fischer: "Das ist der groß angelegte Versuch, mich politisch fertig zu machen."
So findet er auch jetzt wieder zum Kämpfen zurück. Sogar eine Veranstaltung mit SPD-Abgeordneten, auf der er über "Deutschlands Rolle in der Welt" referieren sollte, ließ der Minister vergangene Woche absagen - angeblich, um Visa-Akten zu studieren. Wenn das stimmt, dann erreicht er tatsächlich langsam Betriebstemperatur.
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Stern
Ausgabe 17/2005