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11. Juli 2005, 16:39 Uhr

"Wir kommen wieder"

In zehn Jahren sieht SPD-Vordenker Erhard Eppler Rot-Grün wieder an der Regierung. Im stern-Interview sprechen er und der Grüne Daniel Cohn-Bendit über Erfolge und Fehler von Rot-Grün, warum die Koalition scheiterte und wiederkommen wird.

Die rot-grünen Vordenker Erhard Eppler und Daniel Cohn-Bendit© Dorothee van Bömmel

Herr Eppler, wenn Gerhard Schröder Sie um Rat gefragt hätte, hätten Sie ihn darin bestärkt, die Vertrauensfrage zu stellen?

Eppler: Ich hätte zunächst gestutzt. Einen Tag später hätte ich ihm vielleicht gesagt: Von mir aus, probiere es. Das ist auch nicht gefährlicher, als abzuwarten.

Zwischen Pest und Cholera hätten Sie sich also für die Pest entschieden?

Eppler: Ich respektiere den Mut. Die Entscheidung ist wichtig für unsere Demokratie. Ob es gut für die Partei ist, weiß ich nicht. Darüber reden jetzt die Leute, die es nie gut gemeint haben mit der SPD.

Herr Cohn-Bendit, Ihr Freund Joschka Fischer hält die Neuwahlen für Harakiri. Sie auch?

Cohn-Bendit: Es geht hier nicht um Harakiri. Ich kann über den Graben springen oder hinein fallen - die Chancen stehen bei 50 Prozent. Es geht um die Frage: Erhält die SPD jetzt mit Schröder mehr Stimmen oder wenn sie ein Jahr später mit einem anderen Kandidaten antritt? Ich kann das nicht beantworten. Sicher ist, so konnte es nicht weitergehen.

Sie glauben, dass die SPD im nächsten Jahr ohne Schröder angetreten wäre?

Cohn-Bendit: Ich weiß es nicht. Fest steht: Rot-Grün hat die gleichen Schwierigkeiten wie die französische und die italienische Regierung, beides rechte Regierungen. Alle stehen vor der Frage: Wie kann man die notwendigen Reformen so begleiten, dass die Menschen mitziehen? Anscheinend hat noch niemand die Antwort gefunden.

Eppler: Mich erinnert das an eine Geschichte mit meiner ältesten Tochter, als sie drei Jahre alt war.

Cohn Bendit: Das ist sehr lange her!

Eppler: Ich war damals Lehrer. Eines Abends beim Laternenumzug sagt sie: "Papa, hol mir den Mond herunter!" Und ich erkläre ihr, warum ich das nicht kann. Am nächsten Abend bat sie einen meiner Schüler: "Hartmut, hol mir den Mond herunter, mein Vater kann es nicht!" So ähnlich ist es jetzt auch: "Angela, hol uns den Mond herunter, der Gerd kann es nicht!" Das kann nur dazu führen, dass die Leute in zwei, drei Jahren sagen: "Die können es alle nicht!" Vielleicht kommt dann die Stunde der Demagogen.

Meinen Sie Lafontaine?

Eppler: Ich halte ihn jedenfalls nicht für einen Überzeugungstäter, sondern für einen um sich selbst kreisenden Narziss. Er bietet eine nationale Alternative zur marktradikalen Globalisierung, von der er wahrscheinlich selbst weiß, dass sie nicht realisierbar ist. Aber das kommt an, und das ist ihm das wichtigste.

Cohn-Bendit: Er ist nicht nur populistisch. Er versucht im Zeitalter der Globalisierung, eine Politik der deutschen nationalen Identität zu verkaufen. Das ist kein Spiel. Lafontaine will eine links-nationale Wende.

Mehr links oder mehr national?

Cohn-Bendit: Nachdem mir alle Leute gesagt haben, guck doch mal in sein Buch, habe ich das getan. Es ist abenteuerlich, was da drin steht. Und dass er bei seiner Rede in Chemnitz von "Fremdarbeitern" gesprochen hat, ist kein Zufall.

Lafontaine sagt, da sei er bewusst falsch verstanden worden.

Cohn-Bendit: Lafontaine hat in seinem Buch volle zwei Kapitel der Bedeutung der Sprache gewidmet. Er schreibt selbst, niemand gebraucht Begriffe, ohne sie zu meinen. Ich sage euch, Leute, das ist der deutsche Haider, Projekt 18 der FDP mal andersherum, aber genauso autoritär und nationalpopulistisch daherkommend.

Laut stern-Umfrage käme die neue Links-partei auf elf Prozent. Glauben Sie, dass Rot-Grün überhaupt noch eine Chance hat, die Wahl zu gewinnen?

Eppler: Ich stelle fest, dass ein großer Teil der Medien den Deutschen einredet, dass Rot-Grün keine Chance mehr hat.

Rot-Grün redet sich das auch selbst ein.

Eppler: Mein Unteroffizier beim großdeutschen Kommiss hat gesagt, man hat schon Gäule kotzen sehen. Es könnte auch sein, dass den Deutschen diese Grabgesänge langsam so überzogen vorkommen, dass sie doch anders wählen. Man muss sich fragen: Was passiert, wenn die neue Regierung all die Erwartungen auch nicht erfüllt? Dann wird es kritisch im Lande. Dann haben wir keine Parteienkrise, sondern vielleicht sogar eine Staatskrise.

Cohn-Bendit: Ich habe mir mal den Spaß gemacht und aufgelistet, was der CDU via Medien so alles vorgeschlagen wird. Eines ist klar: Einige dieser politischen Großdenker werden enttäuscht sein. Das passt alles nicht zusammen. Es ist schizophren. Alles, was Rot-Grün hätte machen müssen, wird jetzt auf Angie projiziert: "Angie wird es packen!" Die Debatte ist völlig irrational.

Daran ist Rot-Grün aber nicht unschuldig.

Cohn-Bendit: Ein Beispiel: Rot-Grün wollte die Eigenheimzulage und die Pendlerpauschale abschaffen. Das hat die CDU im Bundesrat blockiert. Jetzt will auch sie diese Kürzungen und niemand fragt: Was hat es Deutschland gekostet, dass man diese Gelder, die für Investitionen in Bildung und Forschung dringend gebraucht wurden, nicht hatte? Wo war da die Staatsverantwortung der CDU?

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 28/2005

Der grüne Opa: Erhard Eppler Der 78-jährige Mitautor des SPD-Grundsatzprogramms gilt als Urvater von Rot-Grün und als schlaue Eminenz der Partei. Der frühere Entwicklungshilfeminister (1968 bis 1974) und engagierte Christ setzte in den 80er Jahren das Nein zu Nachrüstung und Atomkraft durch und brachte die SPD auf Öko-Kurs. Ein Parteiamt besitzt Eppler seit 1991 nicht mehr, aber jede Menge Autorität. Er verteidigte den Kosovokrieg und die Agenda 2010 und sicherte Schröder so zweimal die Mehrheit auf Parteitagen.

Der rote Dany: Daniel Cohn-Bendit Der 60-Jährige hat einen langen Weg hinter sich: Der Sohn eines vor den Nationalsozialisten nach Frankreich geflüchteten jüdischen Anwalts begann seine Polit-Karriere 1968 auf den Pariser Barrikaden, schlug sich später an der Seite von Joschka Fischer im Frankfurter Straßenkampf. Gemeinsam mit Fischer brachte der Oberrealo die Grünen gegen die ParteiFundis auf rot-grünen Kurs, erst in Hessen, dann im Bund. Heute führt der Eintracht-Frankfurt-Fan die Fraktion der Grünen im Europaparlament an.

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