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2. März 2011, 10:36 Uhr

Aufstieg und Fall des fränkischen Freiherrn

Vom Nobody zum Beinahe-Kanzler und zurück. Kein Politiker ist wie Guttenberg in so kurzer Zeit auf- und wieder abgestiegen. Rückblick auf das politische Leben des One-Hit-Wonders. Von Niels Kruse

Guttenberg, Plagiat, Doktor, Verteidigungsminister, Wirtschaftsminister, CSU, Generalsekretär, Kundus, Gorch Fock, Affäre, Stephanie zu Guttenberg

Da bin ich: Freiherr von und zu Guttenberg sonnt sich im Glanz der Weltstadt New York© Gero Breloer/DPA

Der Erlöser erschien am 30. Oktober 2008, plötzlich und unerwartet. "Ich erwarte, dass Karl-Theodor zu Guttenberg ein argumentierender Generalsekretär sein wird, weil die Bevölkerung dieses Haudrauf nicht mehr so schätzt", sagte Horst Seehofer damals über seinen neuen Parteimanager. Das war eine glatte Untertreibung. Blafften bis dahin christsoziale Grobiane wie Franz-Josef Strauß oder Markus Söder den politischen Gegner an, schickte der CSU-Chef nun einen Jungspund in den Ring, auf den das Volk nicht mehr zu hoffen gewagt hatte: Einen Mann fürs Feine, jung, gut aussehend, eloquent, Spross einer adligen Familie, der im Anzug eine genauso gute Figur machte, wie im AC/DC-T-Shirt. Nur vier Monate später, der fränkische Freiherr hatte politisch nicht viel gerissen, wurde er von Kanzlerin Angela Merkel zum Wirtschaftsminister ernannt - und wechselte damit auf dem Highway to Berlin auf die Überholspur.

Einer seiner ersten Amtshandlungen im neuen Amt war ein klar formuliertes Nein inklusive Rücktrittsdrohung. Staatshilfen für den angeschlagenen Autobauer Opel werde es mit ihm nicht geben. Sollten die Kabinettskollegen anders entscheiden, werde er seinen Posten niederlegen müssen, sagte er im Mai 2009 - und schwamm damit gegen Meinungsstrom der breiten Öffentlichkeit und der Politik, die das Traditionsunternehmen durchaus mit Steuermitteln vor der Pleite gerettet hätten. "Er summt tapfer das Lied von der Insolvenz. Ein leiser Song, ohne Herz, aber mit Verstand", schrieb die Wirtschaftszeitschrift "Capital" damals wohlwollend. Im Interview mit dem "Focus" sagte zu Guttenberg: "Ich habe kein kaltes Herz. Das haben diejenigen, die politisches Kapital aus den Sorgen anderer schlagen." Jetzt, knapp drei Jahre nach seiner Ernennung zum CSU-Generalsekretär, den zweiten Ministerposten und einen Rücktritt später, stellt sich heraus: Seine Haltung sollte sein einziger politischer Erfolg bleiben, das Volk verliebte sich trotzdem unsterblich in das bayrische One-Hit-Wonder.

Der Antipolitiker, der treu dreinblickend Fehler einräumt

Jahrelang war Deutschland auf der Suche nach dem Superstar - gefunden wurde er ausgerechnet auf der Bühne des politischen Berlins. Und der Baron erwiderte die Liebe: Vom adligen Zuhause aus war er es gewohnt zu repräsentieren, Reden zu halten, sich unprätentiös zu geben - er gab den Menschen wonach sie solange gedürstet hatten: die aufrechte Figur, die ihr Fähnchen nicht in den Wind hängt, Freund klarer Worte, garniert mit bajuwarischer Selbstironie und dem Habitus des unbestechlichen, weil unabhängigen Freigeistes. Auch wenn er unglücklich agiert hatte, wie etwa im Fall der Kundus-Affäre, nahm ihm das Volk die Rolle des Antipolitikers ab, der treu dreinblickend Fehler einräumt. Er nahm als erster Großentscheider das Wort Krieg in den Mund als es um den Afghanistan-Einsatz ging, und wurde so die letzte Hoffnung all jener, die den Glauben an Anstand und Aufrichtigkeit in der von Niedertracht und Egoismen verseuchten Berliner Republik noch nicht aufgegeben hatten.

Was er seinem Volk zurückgab, war weniger eine klare politische Linie sondern eine Bilderflut, deren Ausmaß bis dahin unbekannt war für den biederen deutschen Politikbetrieb: Guttenberg im legeren Freizeitdress auf einem Rockkonzert, Guttenberg in Platz-da-jetzt-komm-ich-Pose auf dem New Yorker Times Square, Guttenberg mit Sonnenbrille und Tarnfleck bei den Jungs im Schützengraben, Guttenberg mit schusssicherer Weste am Hindukusch nebst Gattin Stephanie zu Guttenberg, geborene Gräfin von Bismarck-Schönhausen. Die jugendliche, attraktive Frau und Mutter zweier Töchter war sein Popularitätsturbo, das Sahnehäuptchen auf der ohnehin üppig dekorierten Herrentorte namens Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Vermutlich hätten es die beiden auch ohne seine politische Karriere in die Glamourblätter geschafft. Schon 1996 war ihr beider Erscheinen auf dem Debütantinnenball in Paris der "Gala" eine Erwähnung Wert. Als der Verteidigungsminister im Dezember vergangenen Jahres zusammen mit seiner Ehefrau Afghanistan besuchte, war die Truppe begeistert, doch SPD-Chef Sigmar Gabriel ätzte: "Bei dieser Reise hat nur noch Daniela Katzenberger gefehlt".

41 Prozent hätten den Baron direkt zum Kanzler gewählt

Seiner Beliebtheit hatte der Trip nicht geschadet. Im Gegenteil: Umfragen zufolge hatte die Mehrheit der Deutschen überhaupt kein Problem damit, dass Stephanie zu Guttenberg ihren Mann zum Truppenbesuch begleitet. Überhaupt: Wenn es nach dem Volk gegangen wäre, hätte der 39-Jährige schon längst den Weg zum Kanzleramt angetreten. Im Oktober 2010 fragte der stern: Wäre zu Guttenberg der bessere Kanzler? Zwar meinte die Hälfte der Befragten, sowohl er als auch Merkel würden sich nicht groß unterscheiden. Und: 41 Prozent hätten den Baron sogar direkt zum Kanzler gewählt, 40 Prozent die Amtsinhaberin.

Zweifellos verdankte der Umfragenkönig seine Beliebtheit der großflächigen medialen Unterstützung. Auch der stern würdigte den Mann im Sommer 2009 mit einem Titel. Vor allem aber auf die "Bild"-Zeitung war Verlass. In beispielloser Weise stellte sich das Boulevardblatt vor und hinter den Franken - Höhepunkt war eine kostenpflichtige Telefonabstimmung mit dem laut verkündeten Ergebnis: "Ja, wir stehen zu Guttenberg". Dass die Leser der Onlineausgabe mehrheitlich gegen den Verteidigungsminister gestimmt hatten, wurde angesichts der Begeisterung fast vergessen zu erwähnen. Es war auch diese "enorme Wucht seiner medialen Betrachtung", die den Minister zum Rücktritt bewogen habe, sagte zu Guttenberg in seiner Rücktrittserklärung. Eine mediale Betrachtung, zu der er viel beigetragen habe, wie der Verteidigungsminister nicht vergaß zu erwähnen.

 
 
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