Ortstermin Mecklenburg: G8-Gegner richten Camps ein und verbrüdern sich mit den lokalen Bauern. Attac hat eine DDR-Platte bezogen, ein Rostocker bietet vor der Tür Gasmasken an. Und überall ist die Polizei. Die alles weiß und alles kontrolliert. Eine Reportage von Kuno Kruse

Gegen den Kapitalismus: Christen blocken die Zufahrtsstraße zum G8-Tagungsort Heiligendamm© Christian Irrgang
Bauer Klaus-Uwe Wißotzki von der Agrar-AG ist froh, dass er die Kühe noch von der Weide geholt hat. "Sonst wären sie womöglich in der Suppe gelandet." Alle lachen, Dorfbewohner und Anti-G8-Camper. Es ist Spaß. Seit Stunden sitzen sie auf Holzbänken bei Bier und veganischem Eintopf. Das Meer glänzt in der Abendsonne. Die Besuchergruppe aus dem 300-Seelen-Gemeinde Wichmannsdorf hat "richtige Freude" an der Führung durchs G8-Camp auf ihrem frisch gemähten Hoppenberg. "Die ganze Wiese so schön bunt," sagt einer der Alten mit Bügelfalte. Zirkuswagen und Zelte, Holzwohnmobile auf LKW-Oldtimern, eine "Volxküche" mit ihren den Riesenkesseln. Etwas fremd waren sie den Mecklenburgern anfangs schon, diese Wendländer mit ihren Rasta-Haaren und Ringen durch den Nasen, viele barfuß. "Aber wie flink sie das Gemüse schnippeln." Und: "Es ist doch schön, dass sich immer noch Menschen finden, die sich engagieren."
Fließend Wasser, Strom, Komposttoiletten hinter Schilftüren mit Seeblick, und nun auch noch ein selbst gelegter DSL-Anschluss, den das nahe Wichmannsdorf noch immer nicht bekommen hat. "Perfekt," staunt die junge Besucherin mit der Gabbana-Brille aus dem Seebad Kühlungsborn.
"Alles Routine", sagt ein Camper, "genau wie das Demo-Verbot. Das haben wir im Wendland jedes Jahr. Gut, dass das hie einmal zur Sprache kommt."
Noch ein paar Flaschen Rostocker Pils und die Bauern mit den Kraftpranken und die Nickelbrillenträger aus dem Widerstand sind sich eins in der Skepsis gegenüber dem G8-Gipfel. Und dass das Seebad Heiligendamm sowieso nichts ist für das gemeine Volk. "Zehn Euro die Tasse Kaffee, und dann wirst Du vom Rasen vertrieben." Die Themen gehen nicht aus. Ökoland- oder Flächenbau, das irrende Wild, dass wegen des Zauns seine Pfade nicht mehr findet, das Brauchwasser von den Duschen im Camp. "5000 Liter?" Einer der Bauern winkt locker ab. Er verspricht: "Morgen bringe ich Euch den großen Jauchewagen." Was hatten "die Medien" für Furcht vor diesen G8-Gegnern verbreitet! Die Nachrichten waren voll vom bevorstehenden Ansturm der Krawallmacher. Die Ostseezeitung kolportierte Gerüchte über eine mögliche Lahmlegung der Wasser- und Stromversorgung der Stadt Rostock durch G8-Gegner. Und die Versicherung der Polizeiführung, niemand brauche die Stadt zu verlassen, notfalls würden vor jede Tür zwei Beamte gestellt, konnte nicht jeden in der Region beruhigen. Hatte die Polizei nicht selbst auf Handzetteln empfohlen, Warenauslagen, Möbel und Schlösser zu sichern?