Rut Brandt weiß, wie einsam das Leben an der Seite eines Kanzlers sein kann. Die Ex-Frau von Willy Brandt über endloses Warten, angebliche Affären und die Kunst zu lächeln, wenn einem gar nicht danach ist.

Einsames Leben als Kanzlergattin: Rut Brandt© stern
Ich muss vorausschicken, wir haben nie miteinander gesprochen. Es war für mich sehr, sehr schwer, die Nachricht von ihrem Tod zu begreifen. Wie kann so etwas möglich sein, habe ich mich gefragt. Ich hatte zwar von ihrer Krankheit gehört, aber ich wusste nicht, dass es so schlecht um sie stand.
Warum nicht? Die Wirklichkeit wäre natürlich nackt. Das geht ja wohl nicht. Für das, was Frau Kohl und ich darzustellen hatten, mussten wir gut gekleidet sein. Das hat sie gemacht, und das habe ich gemacht.
Natürlich musste man oft spielen und Dinge tun, nach denen einem überhaupt nicht zumute war. Manchmal waren die Auftritte aber wirklich ehrlich und nicht gestellt.
Nein, das kann ich nicht bestätigen. Trotzdem war ich den größten Teil meines Lebens mit Willy Brandt glücklich.
Natürlich wurde es schwierig, aber das ist ja längst vorbei.
Und ich schreibe weiter, dass ich mich dann vor den Spiegel gestellt und gesagt habe: "Ich bin ich, bin ich."
Das stammt aus einem norwegischen Märchen: Ein kleines Mädchen ist nervös und ängstlich, und dann spricht es sich vor dem Spiegel Mut zu. Natürlich hatte ich zuweilen Angst davor, so aufzutreten, wie man es von mir als Frau des Bürgermeisters, Außenministers oder Kanzlers erwartete. Das ist wahr. Ich glaube, dieser Erwartungsdruck lastet in solchen Situationen auf allen Frauen, vielleicht ja auch auf den Männern.
Das Gefühl, das kleine Mädchen zu sein, hatte ich jahrelang. Nach und nach habe ich gelernt, mit der anfänglichen Angst umzugehen. Und dann kommt auch noch Routine hinzu.
Nein, das glaube ich nicht. Komisch, einem Mann würde man nie so eine Frage stellen...
...doch die Kritik der Frau soll in den häuslichen vier Wänden bleiben.
Ich habe nie nach Macht gestrebt. Die Kategorie war mir fremd, schon aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. Doch ich muss klarstellen, dass Willy und ich selten Auseinandersetzungen hatten.
Das stimmt. Aber ich hatte meine Kinder. Doch diese Verhaltensweisen kommen in allen Familien vor. Das hat nichts mit dem politischen Amt zu tun.
So war es bei uns.
Ich kann dazu nur sagen: Sie tut mir leid. Das ist jedenfalls ein sehr deprimierender Satz.
Ich hatte viele Hunde, ich hatte Katzen, ich hatte Affen, ich hatte Papageien. Vielleicht ist es ja schön, wenn Tränen von einem Hund aufgefangen werden. Verstehen kann ich einen solchen Satz. Aber ich habe nicht geweint.
...das kenne ich.
...daran erinnere ich mich.
...ist auch mir bekannt.
Wenn ich allein war, musste ich nicht einsam sein. Ich konnte lesen, war mit Freunden zusammen. Seit Willys Tod habe ich meinen Freund Niels Nörlund wieder um mich. Ich kenne ihn seit 1947. Willy und ich haben ihn als Berichterstatter bei den Nürnberger Prozessen kennen gelernt. Überhaupt habe ich viel im Leben gelernt. Vor allem aber habe ich meine drei Kinder - sie waren und sind mein Leben.
Ich weiß wirklich nicht, ob ich mit meiner Leidensfähigkeit protzen kann. Wir haben über lange Zeit ein normales Leben geführt. Wenn Willy verreist war, habe ich nicht gelitten. Doch das sieht wahrscheinlich eine schwer kranke Frau anders.
...schrecklich. Das war, so stellte sich später heraus, vor der Enttarnung des DDR-Spions Günter Guillaume. Damals war es schon schwierig zwischen uns. Ich hatte manchmal eine Ahnung.
Ja.
An sich war ich gut befreundet mit den verschiedenen Sekretärinnen.
Das weiß ich heute nicht mehr. Es war halt so: Er sprach über solche Sachen nicht mit mir, und deswegen konnte ich mit ihm auch nicht darüber reden. Das ging eine Weile so - und dann lief es wieder so einigermaßen. Ich habe das dann verdrängt.
Ich glaube, ich hätte das nicht gemacht. Denn diese Gerüchte belasten einen auch, wenn sie vor Gericht verhandelt werden.
Sie sollen darauf bestehen, dass sie mit ihren Männern auch in Krisenzeiten offen reden können. Das gilt nicht nur für Kanzlerehen.
Die 83-jährige Rut Brandt lebt heute mit ihrem Lebensgefährten, einem dänischen Journalisten, abwechselnd in der Nähe von Bonn und in Norwegen.
Interview (vom Mai 2002): Klaus Wirtgen