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17. November 2008, 21:31 Uhr

Was fehlt, ist Chancengleichheit

Die Kultusminister präsentieren an diesem Dienstag die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie - darüber dürfen sich die Sachsen freuen. Die Schüler aus dem ostdeutschen Freistaat schneiden am besten ab. Immer noch fehlt an deutschen Schulen aber die Chancengleichheit. Die soziale Herkunft entscheidet über die Qualität der Bildung.

Pisa, Studie, Bildung, OECD, Schüler

Die Naturwissenschaften standen bei der neuen Pisa-Studie diesmal im Fokus© Patrick Pleul/DPA

Die fehlende Chancengleichheit bleibt das größte Problem an deutschen Schulen. Dies wird auch im neuen Pisa-Bundesländervergleich deutlich, wie die Studie belegt. Verbesserungen machen die Autoren bei diesem Thema nur in Bayern und Rheinland-Pfalz aus. Klarer Gewinner des Tests ist dagegen Sachsen. Das Bundesland erreicht in allen drei Disziplinen den ersten Platz und verweist damit den bisherigen Sieger Bayern auf den zweiten Rang. Zugleich gibt es bei dem zum dritten Mal vorgenommenen Vergleich der Bundesländer weitere deutliche Verschiebungen. Vor allem die ostdeutschen Länder drängen stark nach vorn. Die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie werden an diesem Dienstag in Berlin offiziell vorgestellt.

Schwerpunkt der von der Kultusminister-Konferenz in Auftrag gegebenen Studie waren dieses Mal die Naturwissenschaften. Hier folgt hinter Sachsen und Bayern auf Platz drei Thüringen. Dahinter liegen Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz. In den Naturwissenschaften gelten die ostdeutschen Schulen traditionell als sehr leistungsstark.

Bei der wichtigen Disziplin Lese- und Textverständnis, die als Basisvorrausetzung für das Lernen gilt, das gleiche Bild: Die ersten drei Plätze belegen Sachsen, Bayern und Thüringen, danach kommen Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland. In der Mathematik schafft Baden-Württemberg hinter Sachsen und Bayern den Sprung auf Platz - gefolgt von Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg.

Bremen bildet erneut in allen drei Teildisziplinen das Schlusslicht. Es ist der dritte Pisa-Bundesländervergleich seit dem ersten Test im Jahr 2000. Das schlechte deutsche Abschneiden bei dem weltweiten größten Schulleistungstest der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hatte den Ruf nach umfangreichen Schulreformen ausgelöst.

Die letzten Ergebnisse, in der ebenfalls das naturwissenschaftliche Wissen 15-Jähriger getestet wurde, hatte die OECD vor knapp einem Jahr bekanntgegeben. Deutschland verbesserte sich damals um fünf Plätze auf Rang 13 von 57 Staaten, Spitze war Finnland.

Offiziell heißt der aktuelle Vergleich Pisa-E, eine Erweiterungsstudie zum weltweit größten Schultest. Sie gibt Aufschluss über die Leistungsfähigkeit der Schulsysteme in den 16 Bundesländern. Die Ergebnisse werden quer durch die Schularten nach den gleichen Standards verglichen wie bei der internationalen Hauptuntersuchung der OECD. Etwa die Hälfte der Testaufgaben betrifft Fragen aus den Bereichen Physik, Chemie, Biologie und Geowissenschaften. Jeweils ein Viertel der Textaufgaben stammt aus den Bereichen Lesen (Schwerpunkt 2000) und Mathematik (Schwerpunkt 2003).

Soziale Herkunft entscheidet über Schulbildung

Nach wie vor gibt es in Deutschland einen erheblichen Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und der Chance von Jugendlichen, ein Gymnasium zu besuchen, stellen die Autoren in der jüngsten Untersuchung fest. "Statistisch bedeutsame" Verbesserungen in diesem Bereich machen die Forscher nur in Bayern und Rheinland-Pfalz aus.

In Bayern war die Abhängigkeit des Gymnasialerfolgs von der sozialen Herkunft bei den beiden Vorgängerstudien im Vergleich zu allen anderen Bundesländern am meisten ausgeprägt. Rheinland-Pfalz hat in den vergangenen Jahren seine Ganztagsschulen erheblich ausgebaut und wird ab 2011 an mehr als jeder dritten Schule ganztägliche Betreuung anbieten.

Laut Pisa-Studie schwankt der Besuch des Gymnasiums von Jugendlichen aus der "oberen Dienstklasse" (Akademiker, Chefs) zwischen 47 Prozent (Bayern) und 63 Prozent (Brandenburg). Hingegen besucht von den 15-Jährigen aus Familien von ungelernten und angelernten Arbeitern nur zwischen 8 Prozent (Bayern) und 20 Prozent (Thüringen und Sachsen-Anhalt) ein Gymnasium.

Experten fordern mehr Hilfen für Risikoschüler

Die großen Lehrerorganisationen verlangen deshalb konkrete Verbesserungen an den Schulen. Nach jahrelangem Messen und Testen müssten endlich Taten folgen, forderte der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Ludwig Eckinger. Die Vize-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marianne Demmer, mahnte mehr Hilfen für Risikoschüler an. Demmer verwies darauf, dass auch nach dem dritten Pisa-Test 2006 jeder fünfte 15-Jährige in Deutschland auch einfache Texte nicht richtig lesen und verstehen kann.

An der zusätzlichen deutschen Bundesländeruntersuchung zum Pisa-Test 2006 nahmen weitere 57.000 Schüler an 1500 Schulen teil. Die Federführung lag beim Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) in Kiel.

DPA/AP/Reuters
 
 
KOMMENTARE (10 von 42)
 
nightmare_online (18.11.2008, 15:00 Uhr)
@djchrisi
Es gibt Untersuchungen das - bei gleichen Leistungen - Akademikerkinder 7x häufiger die Empfehlung fürs Gymnasium erhalten wie Kinder aus der Unterschicht. Schauen sie sich die Sätze von Hartz-IV-Empfängern für ihre Kinder (bzw. deren Bedarf für die Schule) an. Schauen Sie sich mal an, was heute Schulbücher so kosten, und vergleichen sie das mit den Einkommen der fast 25% der AN, die im Niedriglohnsektor arbeiten. Die Förderung von Kindern kostet - auch - Geld. Und die Unterschicht oft hat nicht mal genug, um die Basisausstatung der Kinder zu gewährleisten.
Von Krisensituationen, die eine besondere Förderung erfordern (z.B. Nachhilfe) will ich gar nicht reden.
Heute ist der Anteil der Kinder aus der Unterschicht, die studieren, nur noch halb so groß, wie in den 80ern.
Die Entwicklung in diesem Land ist völlig eindeutig. Und sie hat System.
Ich muss gestehen das ich bei dem, was ich hier in Teilen so lese, vor dem Hintergrund der völlig unbestreitbaren Fakten, dazu neige zu denken das es ohnehin keine Sinn hat, zu argumentieren. Schliesslich ist ein signifikanter Teil der User hier so vollkommen faktenresistent, das man sich das Ganze auch sparen kann. In D ist alles toll, und wenn irgendwas schief geht, ist immer derjenige schuld, bei dem es schief geht. Das ganze ist so dermassen lächerlich, da ist meine Katze garantiert deutlich aufgeschlossener gegenüber Fakten.
SethusCalvisius (18.11.2008, 13:38 Uhr)
Der eigentliche Skandal
ist nicht, dass wir in Deutschland keine Chancengleichheit haben, sondern dass, wie viele Kommentare hier zeigen, ein großer Teil unserer Bevölkerung das vollkommen in Ordnung findet.
Wer das Problem einfach leugnet, sollte mal die Augen aufmachen. Schon zu meiner Schulzeit wurden Akademikerkinder in der Schule ganz anders behandelt als Arbeiterkinder. Ich persönlich habe als Kind eines Professors keine Probleme damit gehabt, aber ich habe doch Augen im Kopf und habe gesehen, wie mit manchem umgegangen wurde. Unvergessen ist mir bis heute eine Notendiskussion, als ein Lehrer dem Arztsohn mit der Begründung "Er hat zwar viel gestört, aber sonst auch gut mitgearbeitet" eine Eins geben wollte und dem Arbeiterkind mit der Begründung: "Er hat zwar gut mitgearbeitet, aber auch viel gestört" eine Vier. (Ergebnis unserer Proteste war schließlich: die Vier blieb, aus der Eins wurde eien Zwei) Und das war beileibe kein Einzelfall.
aeternitas (18.11.2008, 13:37 Uhr)
Chancengleichheit?
Nun wenn die Eltern nach der 10. Klasse die Wahl haben entweder weiter zu zahlen (Gymnasium) oder ein kleines zusätzliches Einkommen für die Familienkasse zu bekommen, wie werden sie sich entscheiden, wenn sie das Geld bitter nötig brauchen?
Wenn die Eltern sich nun fürs Gymnasium entschieden haben und das Kind hat hinterher die Perspektive zu studieren für 4500 Euro Semestergebühren (Mindestsatz) + 54 Monatsmieten (wenn es kein Bafög gibt) + 54 Unterhaltszahlungen in der Regelstudienzeit von 9 Semestern,... oder wahlweise das Kind sein Berufsleben mit -30.000 Euros beginnen zu lassen, wenn ein Kredit aufgenommen wird, da zeigt sich schnell aus welchem Elternhaus man kommt. DAS SOLL GERECHT SEIN? Bist du reich, bleibst du es auch trotz Studium und danach erst recht, bist du arm, wirst du durchs Studium ärmer?
Gutverdiener werden diese Beträge zahlen ohne mit der Wimper zu zucken. Leute in finanziellen Schwierigkeiten werden es sich vielmals überlegen was sie tun sollen.
Zudem solltet ihr nicht nur vom asozialen Hartz4 Empfänger ausgehen. Lass ein Elternteil einen schweren Berufsunfall erleiden und Frührentner werden. Oder Eltern Ü 40 plötzlich arbeitslos werden (in fast allen nichtakademischen Berufen) und kurz darauf ist die finanzielle Not da.
Kindergeld wird auf Hartz4 angerechnet, um das "auszugleichen" zahlt die Regierung für Schulkinder 1. - 10. (!) Klasse einen kleinen finanziellen Ausgleich. Auf die Frage warum nicht für die Klassen 11 - 13 kam die Antwort: Weil die 10. Klasse der erste Abschluß ist, der die Erlernung eines Berufes ermöglicht. Alles was darüber hinausgeht ist Luxus (sinngemäß, wörtlich hörte sich das besser an) und über den "echten" ersten Abschluss Hauptschule wurde kein Wort verloren. Da war man sich wohl einig, dass das mit Beruf nicht viel werden kann. Also wenn ich das alles Chancengleichheit nenne, was ist dann für euch Ungleichheit? Wenn per Gesetz verboten wird Abitur zu machen???
bonzer (18.11.2008, 12:23 Uhr)
angleichung
selbst wenn man wollte, wie lange würde es dauern, das niveau bayerns oder sachsens auf die vergleichbare stufe in bremen zu hieven? und wieviele würden dabei hinten runterfallen, weil sie nicht mal einfachste dinge verstehen? ich mags mir gar nicht ausdenken. bis dahin hat sich deutschland (oder allg. europa) aus dem rennen um die besten köpfe und als wissenschaftsstandort verabschiedet.
sportartmakler (18.11.2008, 12:06 Uhr)
was ist eigentlich mit berlin
gabs da die fragebögen nur auf deutsch und keiner wußte was mit anzufangen? ernsthaft, warum wird in diesem und dem nächsten artikel dieser punkt nicht erwähnt? das läßt reichlich platz für spekulationen, sollen unbequeme wahrheiten totgeschwiegen werden?
Administrator (18.11.2008, 12:04 Uhr)
@MMSterling
Lieber MMSterling,
vielen Dank für Ihre Anmerkung. Sie haben Recht und wir bedanken uns für Ihre Aufmerksamkeit - zudem werden wir den Fehler umgehend beheben.
herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
vegefranz (18.11.2008, 11:43 Uhr)
Soziale Herkunft entscheidet über Schulbildung? - völlig unzutreffend
Fleiss, Begabung und Wille entscheiden über Schulbildung. die Legende von der sozialen Herkunft dient nur als Entschuldigung für Faule und Dumme "wuäh ich hatte nie eine Chance, deshalb MUSSTE ich Intensivtäter werden". Ein solcher Artikel ist höchst kontraproduktiv, da er die Bequemen weiter bequem sein lässt
Ernst_Derlage (18.11.2008, 11:42 Uhr)
Dass die soziale Herkunft
maßgebend ist für den Bildungsgrad, liegt doch auf der Hand. Es war auch noch nie anders. Wenn Eltern zu den "Besserverdienern" gehören, kann es ja auch daran liegen, dass sie ein paar Talente haben, die sie an ihre Kinder vererben.

Viele Hauptschulabbrecher sind nun mal nicht so wahnsinnig schlau oder wenig interessiert oder sie haben einfach das Pech, die falschen Eltern zu haben. Das sind alles Dinge, die sich nicht qua Verordnung beheben lassen. Diese ganze Gleichmacherei ist sinnlos. Jedes Volk hat eine Ober-, Mittel- und Unterschicht.
Ampelmann (18.11.2008, 11:37 Uhr)
Ähm.....
Also, ich komme aus Berlin, habe eine alleinerziehende Mutter und ich war auf dem Gymnasium, da ich ganz klar die erforderlichen Leistungen erbracht habe. Was jetzt Hartz IV Kinder wären, haben auf den Hinweis der Lehrer, dass Sie mit diesen Leistungen die Sie bringen nie einen Job bekommen gesagt "Dann leb ich halt von Sozialhilfe". Das ist das Problem! Wenn den Kindern von ihren Eltern nicht gezeigt wird, was im Leben wichtig ist um weiter zu kommen, dann wird das nichts. Und wer nicht die entsprechenden Noten hat, kommt halt nicht aufs Gymnasium. Bei allen in der Klasse war das gleich und vom Notendurchschnitt abhängig und von sonst nichts. Und ich hatte keine Nachhilfe und meine Mutter hat im Schichtdienst geabeitet und mir so oft es ging bei den Hausaufgaben geholfen oder wenigstens zugehört wenn sie was nicht wusste. Nur die Eltern die das mal lesen und Begreifen sollten lesen wenig oder nur Zeitungen mit großen Buchstaben. Die armen Kinder!
Cabrioforever (18.11.2008, 11:31 Uhr)
Chancengleichheit
Chancengleichheit gibts nicht, in keinem Staat, in jedem System gibts es Priviligierte und andere.
Es gibt immer nur Kinder mit mehr oder weniger Chancen, Studien in den neuen Ländern haben ergeben, das der prozentuale Anteil von Migrantenkindern, die das Abitur haben sogar höher ist als bei deutschen Kindern.
Manche müssen sich eben mehr anstrengen als andere, ja und ? Musste ich auch, als Arbeiterkind habe ich studiert, ich hätte sogar noch mehr Karriere machen können, aber mir reicht es. Wir brauchen doch auch Putzfrauen, Müllmänner und Erntehelfer und viele machen den Job gerne. Diese Personengruppe pauschal als Opfer unseres Bildungssystem zu bezeichnen, ist ein Indiz für Ungebildetheit.
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