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14. November 2008, 14:22 Uhr

Türkei liefert Terrorverdächtigen aus

Der mutmaßliche Terrorhelfer Atilla Selek, der seit November 2007 in der Türkei im Gefängnis sitzt, wird nach Informationen von stern.de nach Deutschland ausgeliefert. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 23-jährigen Ulmer vor, als Mitglied der so genannten "Sauerland-Gruppe" Anschläge in Deutschland mitgeplant zu haben. Von Martin Knobbe und Rainer Nübel

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Atilla Selek gilt als wichtiger Unterstützer der so genannten Sauerland-Gruppe, die einen Terror-Anschlag in Deutschland geplant hatte© AP Photo/DHA

Die "Sauerland-Gruppe" um die deutschen Konvertiten Fritz Gelowicz und Daniel Schneider sowie den Türken Adem Yilmaz plante laut Anklage der Karlsruher Bundesanwaltschaft im vergangenen Jahr Terroranschläge auf US-Einrichtungen in Deutschland. Die jungen Männer hatten sich zwölf Fässer Wasserstoffperoxid beschafft und in einer Ferienwohnung im sauerländischen Oberschledorn damit begonnen, Sprengstoff herzustellen. Im September vergangenen Jahres nahm sie die Polizei dort fest.

Atilla Selek wird verdächtigt, als Mitglied der Terrorzelle in der Türkei 26 Zünder für die Sprengsätze beschafft zu haben. Nach Ermittlungen des Bundeskriminalamts (BKA) soll er sich außerdem im Juni 2006 in Pakistan in einem Terrorcamp der "Islamischen Jihad Union" (IJU) aufgehalten haben.

Anwalt bestätigt Auslieferung

Am 6. November vergangenen Jahres ist Selek im türkischen Konya verhaftet worden. Seitdem sitzt er dort im Gefängnis. Wie Seleks Anwalt, Manfred Gnjidic, auf stern.de-Anfrage bestätigte, wurde er von der Bundesanwaltschaft jetzt darüber informiert, dass Selek am 20. November nach Deutschland ausgeliefert und einen Tag später dem Haftrichter vorgeführt werde. Der türkische Kassationsgerichtshof hatte am 29. August dieses Jahres bestätigt, dass er einer Auslieferung zustimme.

Die Beweislage gegen den gelernten Lackierer ist allerdings nicht in allen Punkten eindeutig, wie aus Ermittlungsunterlagen des BKA hervorgeht. So lässt sich offenbar nicht zweifelsfrei nachweisen, dass tatsächlich Selek die Zünder beschafft hat. In der Kommunikation zwischen dem Deutsch-Türken und Mitgliedern der "Sauerland-Gruppe" war zwar von einem "Angebot" die Rede. In einem BKA-Vermerk vom Herbst 2007 wurde jedoch festgehalten, eine Verbindung zwischen dem durch Selek arrangierten "Angebot" und den Zündern könne "nicht konkretisiert" werden.

Gegen Selek wurde in den vergangenen Jahren bereits mehrmals ermittelt, unter anderem wegen Volksverhetzung, wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz und wegen der Anwerbung für den Jihad. Am Silvesterabend 2006 war Selek außerdem beobachtet worden, wie er mit seinem Ulmer Freund und Glaubensbruder Fritz Gelowicz und einem weiteren Bekannten auffallend langsam zwei US-Kasernen im hessischen Hanau umfahren hatte. Die Behörden vermuten, die drei Männer wollten die Kasernen für einen möglichen Anschlag ausspähen.

"Was soll ich machen"

Selek war dann, Anfang 2007, von seinem Wohnort Ulm in die türkische Stadt Konya gereist, hatte sich dort niedergelassen und geheiratet. Aus der Türkei schrieb er am 9. Juli 2007 seinem Freund Gelowicz eine Mail: "Und sonst, was kann und soll ich machen? Ich komme mir vor, als hätte ich dich allein gelassen - weil am Anfang alles durcheinander war. Darum sag immer, was ich tun kann, auch wenn du mich rufst, komm' ich - hast du verstanden?" Gelowicz antwortete: "Vergiss das, bleib wo du bist." In einer anderen Mail soll Selek mitgeteilt haben, dass er nur noch zur Weiterleitung von Spenden zur Verfügung stehe. Die Ermittler vermuten, dass Gelowicz über Selek auf verdeckte Weise mit der IJU-Führung in Pakistan kommunizierte.

In polizeilich abgehörten Gesprächen mit den beiden anderen Mitgliedern der "Sauerland-Gruppe", Adem Yilmaz und Daniel Schneider, hatte Gelowicz wiederholt von einem "Muaz" gesprochen. "Dem geht's gut, der isch in der Türkei." Die Ermittler gehen davon aus, dass mit "Muaz" Atilla Selek gemeint ist. Daniel Schneider hatte Seleks Telefonnummer unter dem Namen "Muad" in seinem Handy gespeichert. Die Ermittler verweisen außerdem auf angebliche Kontakte zwischen Selek und dem 26-jährigen Somalier Ahmed H. aus Ludwigshafen. Bei diesem habe sich Selek immer als "Muaz" gemeldet.

Glaubwürdigkeit von V-Mann erschüttert

Wie seriös diese Informationen sind, ist allerdings fraglich. Sie dürften zu einem großen Teil von einem V-Mann des Landeskriminalamtes Rheinland-Pfalz stammen, der auf Ahmed H. angesetzt war. Die Glaubwürdigkeit dieses V-Mannes ist erschüttert, seitdem die Polizei auch gegen ihn selbst ermittelt: Er wird verdächtigt, zusammen mit Ahmed H. drei georgische Autohändler umgebracht zu haben. Derzeit findet der Prozess vor dem Landgericht Frankenthal statt. Die Akten des V-Mannes hat das Mainzer Innenministerium für den Prozess allerdings sperren lassen. Darin dürften auch Informationen über die "Sauerland-Gruppe" und Atilla Selek enthalten sein.

Atilla Selek selbst hat gegenüber Angehörigen der deutschen Botschaft, die ihn im türkischen Gefängnis besucht haben, mehrfach auf seine schnelle Auslieferung gedrängt. Er plante offenbar auch schon den genauen Ablauf seiner Reise. Er würde gerne mehrere religiöse Bücher mit nach Deutschland nehmen, sagte er seinen Besuchern. Falls er dadurch Übergepäck habe, wolle er die begleitenden BKA-Beamten darum bitten, die Bücher mit in ihr Gepäck zu nehmen.

Von Martin Knobbe und Rainer Nübel
 
 
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