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2. April 2008, 16:15 Uhr

Biosprit-Pläne auf der Kippe

Die Klimaschutz-Strategie der Regierung wankt: Angeblich sollen weit über zwei Millionen deutscher Autos die geplante Biosprit-Beimischung nicht vertragen. In dem Fall will Umweltminister Gabriel die Verordnung stoppen. Jetzt warten alle auf konkrete Zahlen.

Die Beimischung von E-10 soll laut Umweltminister Gabriel erst kommen, wenn Zahlen belegen, dass weniger als eine Million Autos dadurch Probleme bekommen© Thomas Kienzle/AP

Es war einmal eine Regierung, die wollte das Klima schonen. Und es war einmal eine Autoindustrie, die wollte riesige Entwicklungskosten für neue klimaschonende Autos vermeiden. Da fanden beide zusammen einen Königsweg: Mit Biosprit im Tank die Umwelt schonen. Nun allerdings sieht es so aus, als hätte sich jemand gründlich verrechnet, und das könnte für alle Beteiligten mehr als peinlich werden. Von den rund 31 Millionen Benzinern in Deutschland verträgt nach bislang inoffiziellen Zahlen aus der Automobilbranche womöglich etwa jedes zehnte Auto Bioethanol nicht in den Mengen, wie sie ab 2009 beigemischt werden sollen. Folge wäre, dass bis zu drei Millionen Autofahrer an der Zapfsäule auf die superteure Sorte Super-Plus umsteigen müssten.

Gabriel will Notbremse ziehen

Hier hat Umweltminister Sigmar Gabriel nun die Hand an die Notbremse gelegt. Sollte sich eine Zahl von mehr als einer Million Autos bestätigen, werde die höhere Beimischung gestoppt, sagt er. Den meist nicht so gut verdienenden Besitzern der betroffenen älteren Wagen werde er die Zusatzlasten für den teuren Sprit nicht aufbürden. Gewissheit sollen die offiziellen Zahlen bringen, die Gabriel für den (morgigen) Donnerstag erwartet. Die Debatte über die politische Verantwortung und über die Zukunft der "Biokraftstoffstrategie der Bundesregierung" dürfte dann aber erst so richtig in Fahrt kommen.

Mit den Zahlen vertraute Experten sagten der Nachrichtenagentur Reuters, die im Verband der Automobilhersteller (VDA) zusammengeschlossenen deutschen Hersteller rechneten mit etwa 330.000 Autos, die den Sprit nicht vertrügen. Hinzu kämen allerdings noch über zwei Millionen betroffene Importautos. Unklar sei zudem, für wie viele Motorräder der Treibstoff schädlich sei. Das Umweltministerium wollte die Angaben nicht kommentieren. Es erwarte die Zahlen am Donnerstag, sagte ein Sprecher. Der Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK) erklärte hingegen, diese Woche sei wohl nicht mehr damit zu rechnen.

ADAC fordert Einführung erst für 2012

Umweltminister Gabriel sagte, die Verordnung für den Kraftstoff mit einer Beimischung von bis zu zehn Prozent Ethanol werde ohne verlässliche Daten nicht kommen. "Und wir werden sie nicht in Kraft setzen, wenn die Zahl eine Million Fahrzeuge übersteigt", sagte der SPD-Politiker den "Stuttgarter Nachrichten". Der ADAC hatte kürzlich gewarnt, mindestens drei Millionen Fahrzeuge würden sich für den Betrieb mit dem neuen Biosprit nicht eignen. Zudem müssten die Nutzer des neuen Biosprits draufzahlen, denn die Bioethanol-Beimischung erhöhe den Kraftstoffverbrauch. Der Automobilclub hatte daher gefordert, die Einführung des E-10 auf 2012 zu verschieben.

Die FDP spricht bereits von einem "Katastrophenkurs" der Regierung, die Linke vom Scheitern. Und auch der ökologisch orientierte Verkehrsclub Deutschland (VCD) fordert dringend eine Abkehr von der bisherigen Strategie. 2006 hatte die große Koalition ihr Biokraftstoffquotengesetz verabschiedet. Demnach sollen 2009 6,25 Prozent allen Diesels und Benzins vom Acker kommen, bis 2015 soll die Quote auf 8,0 Prozent wachsen. Hier wird mit Quoten nach Energiegehalt gerechnet. Damit dies umgesetzt werden kann, fehlt jetzt noch eine Verordnung mit Kraftstoff-Normen. Sie soll der Mineralölwirtschaft erlauben, bis zu zehn Prozent Biokraftstoff beizumischen (E10) - in dem Fall gerechnet nach Volumen.

EU-Strategie käme ins Wanken

Diese 10. Bundesimmissionsschutz-Verordnung will Gabriel nun gegebenenfalls stoppen. Damit wären allerdings auch große Fragezeichen an den Vorgaben des seit 2007 geltenden Quotengesetzes verbunden. Darüber müsste man womöglich "neu diskutieren", sagt Gabriels Sprecher Michael Schroeren. Dann käme aber auch die EU-Strategie zum Klimaschutz beim Autoverkehr ins Wanken.

Denn Brüssel hatte nach erheblichem Einsatz aus Berlin im Frühjahr 2007 beschlossen, einen Teil der Klimavorgaben für Autos mit Biokraftstoffen erfüllen zu lassen. Bis 2012 sollen Neuwagen im Schnitt nur noch 120 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstoßen dürfen. Die Hersteller selbst müssen aber nur auf 130 Gramm kommen. Die übrigen zehn Gramm sollen durch zusätzliche Veränderungen wie bessere Reifen oder Schmierstoffe erreicht werden, vor allem aber durch mehr Bio im Sprit. "Die Biokraftstoffstrategie der Bundesregierung ist in einem zweijährigen Prozess auch unter Einbindung der deutschen Automobilindustrie entstanden", erklärten Umweltministerium und Autoverbände gemeinsam im Februar.

Biosprit soll bei CO2-Minderung helfen

Der VCD formuliert es drastischer. Die Autoindustrie habe massive Lobbyarbeit geleistet, um "allzu große Anstrengungen bei der Effizienzsteigerung ihrer Modelle zu verhindern und gleichzeitig ihren Rückstand bei sparsamen Fahrzeugen zu vertuschen."

In jedem Fall kam es allen Befürwortern der Biokraftstoff-Strategie gelegen, dass die Umstellung auf E10 nahezu problemlos schien. "E10-Kraftstoff in fast allen Benzinern einsetzbar", verkündete der Verband der Automobilindustrie noch am 29. Januar. Man gehe davon aus, "dass in Deutschland nur circa 375.000 Fahrzeuge - und somit gut ein Prozent des gesamten Pkw-Bestandes - auf Super-Plus-Kraftstoff" umsteigen müsse. Zwei Wochen später hieß es dann in einer VDA-Mitteilung in einer ach so feinen neuen Nuance, es handele sich um "circa 375.000 Fahrzeuge deutscher Hersteller" - also ohne die betroffenen Autos unter rund zwölf Millionen Importfahrzeugen. Die Regierung hat sich nach Aussagen von Sprecher Thomas Steg darauf verlassen, dass 375.000 die Gesamtzahl ist - 250.000 deutsche und 125.000 ausländische Autos.

Verwirrende Zahlenspiele

Warum nun ausgerechnet unter den Importfahrzeugen mit einem Marktanteil von 40 Prozent so viele Unverträglichkeiten auftreten sollen, dass der Anteil der auf Biosprit allergischen Autos von einem auf zehn Prozent in die Höhe schnellt, können sich auch Experten nicht zusammenreimen. "Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen", sagt VCD-Sprecher Daniel Kluge. Nicht auszuschließen ist, dass einige Hersteller mit Blick auf Haftungsfragen nun doch noch mal ganz genau hinschauen. Steg drückte es so aus: Wenn nun höhere Zahlen genannt würden, müsse das wohl an neuen Erkenntnissen oder an neuen Sichtweisen der Hersteller liegen.

AP/Reuters
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
bR4iNST0RM (03.04.2008, 12:21 Uhr)
Oh weh!
@ andre1971gemany: Das ist ein sehr lobenswerter Gedanke, aber leider Utopisch.
„Unsere“ Vertreter leben schon lange in einer Parallelwelt, wo alle Autos mit Biosprit fahren können, jeder Bürger kein Problem mit kontinuierlicher Überwachung hat, es keine Staatsverschuldung gibt und die DB niemals zu spät kommt. Na ja, Hauptsache Berlin ist Sexy. (wer behauptet bloß so einen Schwachsinn)
Aurum (03.04.2008, 09:29 Uhr)
Die Biosprit Lüge
Seit längeren wird hier, wo ich lebe sogenanntes "Gasohol" an der Tankstelle angeboten. Es kam zu massiven Problemen bei vielen Fahrzeugtypen. Zwar ist die "Suppe" etwas billiger, dafür steigt aber der Verbrauch und dies nicht unerheblich. Auf jeden Fall tankt dieses Gemisch kaum jemand, denn wer kommt für das defekte KFZ auf?
Durch die Erzeugung von "Bio"-Sprit sind auch die Preise für Palmöl und Soja extrem gestiegen. Statt zum braten oder kochen, geht es jetzt ab in den Tank. Weitere Folge sind Monokultur auf den Feldern, sowie Verteuerung von Viehfutter(Soja).
An diesem Beispiel ist zu sehen, daß der Weg, welchen D. beschreiten will, wo anders auf der Welt schon "vor den Baum" gegangen ist. "Biosprit" ist ein Märchen für Politiker, dessen Ausgang in den Sternen steht.
gmathol (03.04.2008, 03:28 Uhr)
Um einen Liter Ethanol zu erzeugen muessen ca. 1,3 Liter herkoemmlichen Treibstoffs eingesetzt werden.
Einige Formen der Bio-Sprit Erzeugung sind unsinnig dazu gehoeren Ethanol und Raps-Diesel. Letzterer kann auch nur durch den Einsatz von massive giftigen Chemikalien stabilisiert werden.
Anders z. B. bei der Erzeugung von Biosprit aus Zuckerrohr wie in Brasilien, dort werden die Pflanzreste zur Erzeugung des Bio-Sprits verwendet.
Es gibt andere Alternative: Strom aus Solar und Wasserstoff aus Solar- oder Windenergie. Der Elektromotor als Antrieb fuer den PKW wird in einigen Jahrzehnten ueberwiegen.
chatman53 (02.04.2008, 22:23 Uhr)
Zu vernachlässigende Größe?
Warum will Gabriel erst bei mehr als 1 Million Autos, die das neue Gebräu nicht vertragen, von einer Umsetzung der Richtlinie absehen? Heißt das im Umkehrschluss, dass eine viertel oder eine halbe Million eine zu vernachlässigende Größe darstellen?
Immerhin dürfte der überwiegende Teil dieser Autobesitzer nicht zu denjenigen gehören, deren monatliches Gehalt sich im hohen vierstelligen oder sogar fünfstelligen Eurobereich bewegt und sich damit problemlos eine Umrüstung oder ein Neuwagenkauf finanzieren lässt.
Die entstehenden Mehrkosten für Super Plus sind durchaus geeignet eine Größenordnung zu erreichen, sich ernsthaft Gedanken über Sinn- oder vielleicht auch Unsinnhaftigkeit eines weiten Anfahrtsweges zur Arbeitsstelle zu machen.
Wenn es dann auch noch stimmen sollte, dass bei der Produktion der Rohstoffe für den Bio-Zusatz mehr CO2 produziert wird, als hinterher bei den Autos eingespart wird, kann es nur eine Entscheidung geben – ab mit dem ganzen Machwerk in die Mülltonne (natürlich umweltgerecht entsorgt)
Ereichle (02.04.2008, 21:06 Uhr)
Warum überhaupt in Autos füllen??
Warum verbrennt man die Bio-Kraftstoffe nicht in speziell dafür ausgerüstetetn Heizanlagen in denen bisher Öl verfeuert wurde?
In der CO2-Bilanz macht es überhaupt keinen Unterschied ob der Bio-Anteil in Millionen Ottomotoren oder die gleiche Menge - statt Heizöl - in Heizkesseln verbrannt wird.
Eine Familienkarre benötigt im Jahr etwa 1000 l Kraftstoff, die Heizung einer Schule etwa aber hunderttausende Liter. Veränderungen an den Anlagen - sollten sie denn nötig sein - müssten im Falle 2 nur an einer Anlange und nicht an tausenden (Motoren) vorgenommen werden.
Und dann: Sobald 10% Ethanol - sprich Brennspiritus - dem Benzin beigemischt sind fällt nach Normal auch das Super flach. Durch die Beismischung des Hochoktanischen Spiritus in pwimitives Normal werden dann Oktanzahlen erreicht die heute das Superplus NICHT erreicht nämlich über 100 ROZ.
Zwiebel68 (02.04.2008, 20:46 Uhr)
Umwelt ?
Möchte mal wissen, wo denn auch der Nutzen für die Umwelt sein soll, wenn Hunderttausende (oder Millionen?) höherwertigen Sprit als nötig tanken müssen (Normalbenzin will man ja auch abschaffen) oder unzählige "Gute Gebrauchte" vorzeitig den Geist aufgeben und ersetzt werden müssen, da versperrt der vermeintliche Nutzen für Staat und Wirtschaft wohl den Blick.
Sawadee (02.04.2008, 19:46 Uhr)
Einsicht ist der erste Weg zur Besserung.
Ich hoffe,daß unser Umweltminister wirklich so Konsequent ist und den Rückgrat besitzt,diesem Schwachsinn ein Ende zu bereiten.Denn wenn diese neue Biospritverordnung wirklich umgesetzt werden sollte,dann gute Nacht Deutschland.Dann werden die Spritpreise astronomische Höhen erreichen(was ja eigentlich schon der Fall ist),tausende Autofahrer werden den Weg in die Werkstatt suchen,um den irreparablen Schaden an ihrem Fahrzeug reparieren zu lassen,die Hungersnot in der Welt wird noch weiter steigen,weil das Getreide dann lieber für den Biosprit verwendet wird,was ja auch mehr Geld in die Kassen spült und außerdem werden noch mehr Wälder abgeholzt oder abgefackelt,um noch mehr Anbaufläche zu gewinnen.Verlierer sind dabei eigentlich alle,außer unsere Politiker,die auf noch höhere Steuereinnahmen hoffen dürfen und natürlich die Autokonzerne,die dadurch natürlich den Kauf von Neuwagen fördern will.Liebe Politiker,hört auf den ADAC und begrabt diesen Schwachsinn und zwar ganz schnell !!!!Die Nachteile sind viel zu groß.Die Idee war ja gut gemeint,aber bitte gebt auch zu,wenn ihr einen Fehler begangen habt.Wie war das nochmal mit dem Eid unserer Politiker "zum Wohle des deutschen Volkes zu regieren"?Politiker machen schon genug Mist und richten reichlich Schaden in der Mittelschicht an.Aber dieses Gesetz würde wirklich dem Ganzen noch die Krone aufsetzen.Nicht jeder verdient so gut,wie ein Politiker und kann locker die finanzielle Mehrbelastung wegstecken.
FlyingDutchman (02.04.2008, 18:26 Uhr)
War sowieso quatsch.
Man sollte einfach eine Biosprit Sorte zu einem günstigeren Preis zusätzlich anbieten. Wer umsteigen will und kann steigt um und es wird finaziel günstiger. Für die anderen bleibt es beim alten, aber beim nächsten Neuwagenkauf überlegt man vielleicht doch wo man Geld (und Sprit) sparen kann.
andre1971germany (02.04.2008, 17:39 Uhr)
wieder mal das übliche Chaos
Ich arbeite seit Jahren im öffentlichen Dienst. Mir fällt immer mehr und mehr auf, das wenn irgendwas umgesetzt werden soll (Gesetz, Richtlinie oder Verordnung), man nicht VORHER die Folgen durchdenkt.
Jedem Bundesminister steht ein ganzes Ministerium mit aberdutzenden teilweisen gut bezahlten Mitarbeitern zur Verfügung
Es wäre also durchaus mal möglich, VOR Planung einer Rechtsnorm diese mal auf die Umsetzbarkeit abzuklopfen!
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