. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
18. April 2009, 16:00 Uhr

Die Schicksalsgemeinschaft

Auf Wolfgang Schäuble wurde geschossen. Oskar Lafontaine wurde beinahe erstochen. Im stern sprechen die zwei Spitzenpolitiker erstmals gemeinsam darüber, wie die Attentate ihr Leben verändert haben.

Wolfgang Schäuble, Oskar Lafontaine, Spitzenpolitiker, Attentat, Interview

Politisch trennen sie Welten, doch sie teilen eine Grenzerfahrung: Wolfgang Schäuble (CDU) und Oskar Lafontaine (Die Linke)© Volker Hinz

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn es die Attentate auf Sie nicht gegeben hätte? Gäbe es heute, Herr Schäuble, eine Große Koalition mit Ihnen als Kanzler und Oskar Lafontaine als SPD-Außenminister?

WOLFGANG SCHÄUBLE: Das glaube ich, ehrlich gesagt, nicht. Ich glaube nicht mal, dass die beiden Attentate die Wahlergebnisse damals beeinflusst haben. In meinem Wahlkreis habe ich ein paar Prozent Stimmen mehr bekommen, aber sonst - nein.
OSKAR LAFONTAINE: Die Frage zielt eher darauf ab, ob wir beide ohne das Attentat eine andere Laufbahn genommen hätten. Das kann man nicht ausschließen. Diese Grenzerfahrung hat unser Leben beeinflusst und verändert, auch das politische Leben.

Hadern Sie mit dem Schicksal?

SCHÄUBLE: Nein. Ich habe merkwürdigerweise nie gehadert. Ich sagte mir immer, es war ein Unfall, so etwas kann passieren. Man glaubt gar nicht, wie anpassungsfähig der Mensch ist. Wenn ich mir vorher überlegt hätte, ich müsste mal im Rollstuhl sitzen - um Gottes willen! Völlig unvorstellbar! Ich war zuvor in meinem Leben nie im Krankenhaus, außer bei meiner Geburt. Heute hat die Vorstellung, ins Krankenhaus zu gehen, sogar etwas Tröstliches an sich. Ich meine das jetzt gar nicht so fromm. Aber der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat mal gesagt: Der Mensch kriegt immer so viel Kraft, wie er braucht - aber erst dann, wenn er sie braucht.
LAFONTAINE: Ich hatte keine Veranlassung zu hadern. Bei mir machte sich bald das Gefühl breit: Du bist glücklich davongekommen.

Die Attentate auf Sie im Vereinigungsjahr 1990 sind kurz hintereinander passiert, im April und im Oktober. Haben Sie Ihre Schicksale innerlich mal verglichen?

LAFONTAINE: Ja, ich schon. Ich habe Wolfgang Schäuble Ende November 1990 im Krankenhaus besucht. Wir haben uns lange unterhalten. Auch später habe ich mich immer wieder damit auseinandergesetzt: Wie würde es dir gehen, wenn es dich so erwischt hätte wie Wolfgang Schäuble? Ich war dankbar, dass meine Verletzung weitaus geringere Folgen hatte.

Herr Schäuble, Sie sitzen seit dem Attentat im Rollstuhl. Oskar Lafontaine hat von der Messerattacke eine lange Narbe am Hals. Haben Sie jemals gedacht, der Lafontaine hat es glücklicher getroffen?

SCHÄUBLE: Nein, überhaupt nicht. Das wäre ein unsinniger Gedanke.
LAFONTAINE: Ich dagegen hatte Wolfgang Schäuble gegenüber fast so etwas wie ein schlechtes Gewissen, obwohl es völlig unangebracht war. Das ist ja auch die Frage der Theodizee: Warum bist du davongekommen, während es anderen viel schlechter geht?
SCHÄUBLE: Ich habe mich das nie gefragt: Warum ich? Wenn Sie Opfer eines Unfalls werden, können Sie doch nicht allen anderen böse sein, die nicht auch Opfer des Unfalls geworden sind.

Aber der Gedanke "Warum gerade ich?" ist doch zutiefst menschlich.

SCHÄUBLE: Ich habe darüber nachgedacht, warum ich kaum psychische Schwierigkeiten hatte, den Unfall zu verarbeiten. Vielleicht lag es daran, dass ich das Glück hatte, politisch weitermachen zu können. Ich kenne inzwischen viele Rollstuhlfahrer mit ihren ganz unterschiedlichen Geschichten. Darunter sind einige, die ihren Beruf verloren haben und ganz auf sich selbst zurückgeworfen sind. Politik ist ja eine Leidenschaft. Sie hat mir sehr darüber hinweggeholfen, in mancher Beziehung vielleicht zu sehr.

Wie meinen Sie das?

SCHÄUBLE: Einige Physiotherapeuten sagten, ich hätte mich ein bisschen mehr um meine Rehabilitation kümmern sollen. Aber dafür, dass ich mit meiner Lähmung seit 18 Jahren im Rollstuhl sitze, habe ich mich doch ganz gut gehalten.

Haben Sie manchmal noch die Bilder von damals vor Augen?

LAFONTAINE: Nein.
SCHÄUBLE: Ich erinnere mich gut daran, Herr Lafontaine, wie Sie mir erzählten, dass Sie noch lange traumatische Erinnerungen an die Minuten nach dem Messerstich hatten. Sie waren ja bei Bewusstsein und bekamen mit, wie enorm viel Blut Sie verloren.
LAFONTAINE: Ja, genauso war es. Ich habe das bei vollem Bewusstsein erlebt. Mir war klar: Kommt nicht bald Hilfe, dann ist das dein Ende.

Sie hatten keine Todesangst, Herr Schäuble?

SCHÄUBLE: Nein. Ich war ja von einer Sekunde auf die andere weg. Ich kann mich nur noch erinnern, dass ich dachte, das muss ein Schuss sein. Ich meinte, das Mündungsfeuer gespürt zu haben. Es war ja ganz nahe, nur 10 oder 20 Zentimeter von mir entfernt. Aber dann war alles weg. Ich bin erst fünf Tage später wieder aus dem Koma aufgewacht. Und dann begann ein neues Leben.

Haben Sie heute noch Ängste, die Sie auf die Erlebnisse zurückführen?

LAFONTAINE: In Versammlungen ist diese Angst unbewusst immer da. Die Erinnerung ist stets präsent. Eine Zeit lang bin ich in eine Menschenmenge immer mit dem Gedanken gegangen, es könnte wieder passieren. Innerlich war ich darauf eingestellt, dass ich bereit sein muss. Hätte ich nur so gemacht (Lafontaine hebt den Arm), dann hätte mich das Messer nicht getroffen.
SCHÄUBLE: Ich habe keine Angst. Ich habe andere Probleme. Mit dem Rollstuhl bin ich nicht so flexibel. Wenn ich aus meinem Zeitplan komme, kann ich das nicht mehr aufholen. Sie, Herr Lafontaine, könnten dann einfach schneller gehen. Das schaffe ich nicht. Ich gerate nur an einem einzigen Punkt wirklich unter Stress: Wenn ich in Zeitnot bin. Aber Angst? Merkwürdigerweise keine. Vor Jahren hat sich bei einer Wahlkundgebung ein betrunkener Mann mit einem Hirschfänger oder Ähnlichem genähert ...

... da hieß es in den Nachrichtenagenturen sofort: Wieder ein Attentat auf Schäuble.

SCHÄUBLE: Ja, völlig übertrieben. Dabei habe ich von dem Vorfall zunächst gar nichts mitbekommen. Mir war aber, als ich von den Meldungen erfuhr, sofort klar, dass sich meine Familie große Sorgen macht. Eine meiner Töchter, die zu der Zeit in Amerika war, rief gleich meine Frau an: "Was ist mit Papa?" Meine Frau wusste von nichts. Die Ängste in der Familie sind immer noch da. Ich selber bin in diesen Dingen nicht so arg sensibel.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 16/2009

  zurück
1 2 3
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Jugendorganisation Schäuble verbietet rechtsextreme HDJ

Kampf gegen Neonazis: Innenminister Wolfgang Schäuble hat die "Heimattreue Deutsche Jugend" verboten. Die rechtsextreme Organisation sei vor allem wegen ihrer Ferienlager gefährlich, weil dort Jugendliche mit rassistischem Gedankengut geimpft würden. Einen neuen Versuch, die NPD verbieten zu lassen, lehnt Schäuble dagegen ab. mehr...

Rot-rote Bündnisse Lafontaine stellt SPD Bedingungen

Oskar Lafontaine erteilt der SPD eine Absage. Der Partei- und Fraktionsvorsitzende der Linkspartei hat rot-rote Bündnisse in den Ländern vorerst ausgeschlossen, solange die Sozialdemokraten die Bedingungen diktieren wollen. Erst wenn die SPD bereit sei, auch einen Ministerpräsidenten der Linkspartei zu unterstützen, sei sie für Lafontaine ein "ernstzunehmender Partner". mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe