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16. Juli 2007, 10:50 Uhr

Es muss Denkverbote geben

Es wird immer lauter um Wolfgang Schäuble. Seine Vorschläge zur Verschärfung der Anti-Terror-Gesetze haben sogar den Bundespräsidenten auf den Plan gerufen. Zu Recht. Denn es geht um unsere Verfassung - da sind auch Denkverbote erlaubt. Von Hans Peter Schütz

Köhler (l.) und Schäuble: Der Bundespräsident hat sich zu Recht in die Diskussion über die Forderungen des Innenministers eingeschaltet© Marcus Brandt/DDP

Es gibt kein Denkverbot, sagt Angela Merkel, und stellt sich damit schützend vor ihren Innenminister Wolfgang Schäuble, der die Republik mit Kaskaden immer neuer Gesetzesvorschläge für den Anti-Terror-Kampf überschüttet. Es ist sehr erstaunlich, wie leichtfertig sich manche Spitzenpolitiker in der Hitze der Diskussion äußern.

Würde und Leben jedes Menschen sind unantastbar

Daher muss sich die Bundeskanzlerin energisch erinnern lassen: Daran, dass sie ihren Amtseid auf das Grundgesetz geleistet hat. Und darin steht an erster Stelle der Satz, dass Würde und damit Leben jedes Menschen unantastbar sind. Zum Beispiel auch das Leben eines Osama bin Laden. Der Gedanke, dass sich deutsche Sicherheitsbehörden an einem wie auch immer gearteten Staatsmord beteiligen könnten, darf nicht gedacht werden. Die Verfassungsväter wussten genau, was sie taten, als sie den ersten Artikel der Verfassung formulierten und ihn unter den Schutz der Unabänderlichkeit stellten. Es muss Denkverbote geben. Die Verfassung ist kein Gummiband, das sich bei Bedarf nach Belieben dehnen lässt. Da muss auch die Kanzlerin klare Kante zeigen und nicht wie so oft hinter wolkigen Formulierungen verstecken, wo sie eigentlich persönlich in dieser Debatte steht.

Insofern hat sich Bundespräsident Horst Köhler jetzt zu Recht in die Diskussion über die unendlichen Forderungen Schäubles nach neuen Waffen im Kampf gegen den Terrorismus eingeschaltet. Wann denn dann, wenn nicht in diesem Fall? Schäuble ist einer der beiden Verfassungsminister. Es ist daher keine Petitesse, dass ausgerechnet er sich mit rechtsstaatlichen Ideen produziert, die wie der Staatsmord - vornehm umschrieben als "Targeted Killing" - die Verfassung außer Kraft setzen würden.

Der Innenminister ist kein Ersttäter

Der Innenminister ist auf diesem Terrain ja beileibe kein Ersttäter. Den Bundeswehreinsatz im Innern fordert er seit mehr als einem Jahrzehnt. Dann hat er salopp die Unschuldsvermutung in Frage gestellt, das Grundprinzip unseres Strafrechts. Seine Überlegung, ein von Terroristen gekapertes Flugzeug mit unschuldigen Passagieren notfalls abschießen zu lassen, hebelt den Rechtsstaat ebenfalls aus. Schäuble argumentiert jetzt mit dem Hinweis, er habe ja nur auf völlig ungeklärte Fragen hinweisen wollen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Schäuble hat auch gesagt, man müsse "solche Fragen möglichst präzise verfassungsrechtlich klären, und Rechtsgrundlagen schaffen, die uns die nötigen Freiheiten im Kampf gegen den Terror bieten".

Das ist der untaugliche Versuch Schäubles, die Kritiker einzulullen. Tatsache aber bleibt: Der Verfassungsschutzminister ist zumindest in diesen Punkten ein Verfassungsrisiko. Köhlers Intervention war daher absolut notwendig und sollte von den Kritisierten, zu denen sich auch die Kanzlerin rechnen muss, nicht mit dem abgelutschten Argument gerügt werden, es sei nicht Sache des Bundespräsidenten, sich ins politische Alltagsgeschäft einzumischen. Nur zu Erinnerung: Es geht hier um unsere Verfassung und nicht um die Höhe der Abwassergebühren. Der Präsident hat daher nicht nur das Recht, er hat auch die Pflicht, sich in eine fahrlässig von Kanzlerin und Innenminister geführte Diskussion mahnend einzumischen.

Schäuble muss auch in Schutz genommen werden

Es gibt nur einen Punkt in dieser rechtsstaatspolitischen Debatte, an dem Schäuble in Schutz genommen werden muss: Dass ihm immer wieder vorgeworfen wird, er sei nur deshalb in seinem sicherheitspolitischen Denken so radikal, weil ein Psychopath ihn zum Leben im Rollstuhl gezwungen habe. Das hat ihm schon vor Jahren einmal der SPD-Vorsitzende Hans Jochen Vogel vorgeworfen, mit der Bemerkung, der Rollstuhl habe Schäuble zynisch und verbittert gemacht. Das war schon damals eine Diskriminierung, die Schäuble zu Recht Vogel viele Jahre lang nicht verziehen hat. Diese Diskriminierung wird nicht besser dadurch, dass man sie nun erneut praktiziert.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 27)
 
Roy05441 (17.07.2007, 16:41 Uhr)
Mit dem denken ist das so eine Sache.
Bevor ich über einen Final-Schuss auf einen eventuellen Terrorverdächtigen nachdenke, muss ich zuerst im eigenen Lande dafür sorgen, dass hakenkreuztätowierte Glatzköpfe in Springerstiefeln und deren Sympathiesanten in Justiz und Verwaltung aus diesem Lande verschwinden.! (dabei kann es sogar eventuell gegen Parteigenossen gehen) Der innere Frieden ist mehr durch diese Brut gefährdet, als durch Terror aus dem Ausland.
Immerwenn ich in denletzten 30 Jahren einen Politiker zu diesem Thema schwätzen hörte, habe ich mir genüber einen Spiegel aufgestellt, um selbst jemanden zu haben, den ich verarschen konnte.!
Malt (17.07.2007, 08:29 Uhr)
@sjentzsch
Gegenfrage: Wie sollen die von Schäuble vorgeschlagenen Gesetzesänderungen den von Ihnen dargestellten Fall denn verhindern?
Spocks_Kommentar (16.07.2007, 20:51 Uhr)
Nicht Denkverbote - Denkergebnisse
@ sjentzsch
Hallo, es geht nicht um Denkverbote oder Denkerlaubnis, es geht um die Denkergebnisse und die liegen bei Schäuble in einem Bermudadreieck von Verfassungsfeindlichkeit, gottgleichem Größenwahn und Schwerverbrechen (das ist Mord nunmal) und deshalb sind sie nicht zulässig. Und damit der ganze Mann nicht.
Ich bin auch nicht dafür, daß jemand einen Jumbo, in dem Bayern München und der Papst sitzen, in das mit 80.000 Kindern besetzte Olympiastadion wirft.
Aber müssen wir dafür, daß das in den nächsten 10.000 Jahren vielleicht vorkommt eine standesrechtliche Erschießung Verdächtiger einführen?
OK, Schäuble ist verdächtig, die freiheitlich demokratische Grundordnung abschaffen zu wollen.
Fangen wir mit ihm an. Vielleicht begreift er dann. (das war sarkastisch und kein Aufruf)
goessnitzer (16.07.2007, 18:34 Uhr)
Also!
Umnieten geht doch eh!
Betonpaul (16.07.2007, 18:27 Uhr)
Erst denken....
@ sjentzsch (16.7.2007, 18:12 Uhr)
Wir wollen mal bei deinem Beispiel bleiben:
Wenn da einer steht, der sich in Anwesenheit von 1000 Menschen in die Luft jagen will, dann braucht es keine Gesetzesänderung. Da darf jeder Polizist (im Zweifelsfall sogar jeder Bürger) aus dem Gesichtspunkt der Notwehr bzw. des übergesetzlichen Notstandes heraus, einen solchen Menschen erschießen oder sonstwie kaltstellen.
Es stellt sich allerdings die Frage, ob man damit nicht genau das Gegenteil dessen erreicht, was man erreichen wollte.
Es gibt kein Patentrezept für jede Situation. Aber wir können uns so mit Gesetzen einmauern lassen, daß wir das Wort Demokratie für Deutschland vergessen können.
Willst du in so einem Land leben?
sjentzsch (16.07.2007, 18:12 Uhr)
Denkverbote
Natürlich ist es einfach einen anderen Vorschlag zu kritisieren, als eigene Vorschläge zu machen. Denn wie sehen die Vorschläge für die Situation aus, wenn wirklich mal ein Terrorist in der Eingangshalle steht und noch 1000 Leute drüber drin sind? Wollen wir dem Terrorist noch die Hand schütteln und ihm gratulieren, daß seien Würde als Mensch unantastbar ist? Was ist mit der Menschenwürde der 1000 Opfer in dem Gebäude, auch unantastbar?
Nicht, daß ich die Idee von Herrn Schäuble toll finde, aber ich habe hier noch keine alternativen Voschläge gesehen, was man in dieser Situation machen sollte.
Also, her mit den Vorschlägen.....
Betonpaul (16.07.2007, 16:51 Uhr)
Dirty Wolfgang
In seinen Spielfilmen wird Clint Eastwood als Dirty Harry immer von Vorgesetzten zurückgepfiffen und zur Schnecke gemacht, manchnal auch vom Dienst suspendiert.
Bei unserem Dirty Harry der Politik, der auch zuerst schießen will und dann erst fragen, was los war, vermißt man klare Worte seiner Vorgesetzten.Das mag damit zu erklären sein, daß sie in einem Land groß geworden ist, wo der Schießbefehl Alltag war und wo man Menschen einfach einmal verschwinden lassen konnte. Vielleicht hegt sie für diese Art der Problembeseitigung ja heute noch Sympathien.
Traurig genug, daß sich der Bundespräsident in die Diskussion einklinken mußte und die Dame und den Herren an ihre Verantwortung erinnerte.
Ob's was nützt? Ich glaub's nicht.
Spocks_Kommentar (16.07.2007, 16:28 Uhr)
Sicherheitsrisiko Schäuble
Richtig! Schäuble hat jeden Schutz verdient, als Bürger und erstrecht als Behinderter.
Aber als Innenminister nicht. Da muß er den normalen Anforderungen genügen, oder er darf den Job nicht machen.
Hans-Jochen Vogel hatte recht, es sei denn, Schäuble wäre schon immer so gewesen, auch möglich, das mögen andere besser wissen.
Aber egal wie, so einen Mann kann man nicht in eine Bundesregierung berufen, der gehört vom Verfassungsschutz beobachtet, denn er ist ein Verfassungsfeind und das nicht erst seit heute. Und wer sich mit ihm solidarisiert auch.
Entweder er wird von jetzt auf gleich entlassen, oder die ganze Regierung muß weg, zum Schutz der Bürger vor dem Staat.
Daß man das wieder sagen muß, sollte im Westen über 60 und im Osten 17 Jahre her sein, hat sich aber leider nicht geändert. Schade, Schäuble und Merkel sei dank.
Malt (16.07.2007, 15:02 Uhr)
Jaja!
@Dr.Zoidberg: Nennen Sie doch das Kind beim Namen: Nicht ausschalten, lequidieren, eliminieren, neutralisieren, kaltmachen etc.pp... dass, was Sie sich wünschen, ist STAATLICH LEGITIMIERTER MORD. Nichts anderes. Sie sollten froh sein, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, alle, die das GG ändern wollen, "auszuschalten". Wäre ich auf jedne Fall eher dafür.
Ansonsten kann ich dem Artikel nur recht geben: Wenn hier jemand versucht, unser GG zu ändern, ist das ein direkterer Angriff auf Deutschland als es jede Kofferbombe, jedes Flugzeug jemals sein könnte. Klar waren die Anschläge am 09/11 schlimm, aber wenn man mal alles in rechte Licht rückt, sind am 9/11 bei dem Anschlag aufs WTC 3022 Leute gestorben. Alleine letztes Jahr sind in den USA 11.000 Menschen durch legale Schusswaffen ums Leben gekommen. Im Irak sind seit Kriegbeginn 3.611 US Soldaten, 159 britische Soldaten, 7.202 irakische Soldaten und Polizeikräfte sowie unzählige Zivilisten getötet worden. Also wurden durch staatlich geschürrte Angst und dem Krieg gegen den Terror exobitant viele Menschen im Vergleich zu dem "bösen" Terror getötet. Tolle Statistik. Da stellt sich die Frage, gegen was man wohl eher vorgehen sollte.
Nebenbei: 2006 sind 5072 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen. Autofahren auch verbieten? Die Unfallverursacher am besten auch erschiessen? Ihr tut mir leid!
provocateur (16.07.2007, 14:56 Uhr)
Schäuble zur Räson gerufen. Gut so!
Puh, das war knapp. Ich dachte schon, der Herr Innenminister kommt mit seinen seltsamen Ansichten und Ideen durch. Doch nun endlich regt sich was unter der Rheumadecke aus Duckmäusertum und Interesselosigkeit, sowohl in der politischen Klasse als auch in der Meinungsbildung des Plebs. Immerhin, eins hat Schäuble geschafft: Auch solche Menschen auf die Barrikaden zu treiben, die sonst den Mund halten (dazu gehöre ich übrigens auch aus dem einen oder anderen Grund, wie ich offen zugebe). Nun, so hat jede Tat und jede noch so groteske Idee eines fehlgeleiteten Innenministers auch ihre guten Seiten. Übrigens: Wenn wir unsere Verfassung wegen einer angeblichen oder auch vorhandenen Terrorgefahr aushöhlen oder gleich ganz aufgeben, so haben die islamistischen "Kombattanten" doch schon einen großen Teil Ihres Wegs zur Errichtung eines "islamischen" "Weltgottesstaates" erreicht, ohne auch nur eine einzige Kofferbombe, einen Sprengstoffgürtel oder einen einzigen Lieferwagen zur Explosion gebracht zu haben: Unsere demokratischen, von der Verfassung geschützten, Grundrechte stehen den Gesetzen der Scharia ja diametral gegenüber. Bei aller Kritik, die man als Außenstehender aus einem anderen Kulturkreis an unserer dekadenten, an Charakterbilder Spätroms erinnernden, Lebensweise berechtigterweise äußern kann, genau so sollten wir uns die schützenswerten Aspekte unseres Zusammenlebens in dieser Gesellschaft vergegenwärtigen. Das war schon in der Antike nicht anders und da kommt die Demokratrie ja her: PENIS BONUS PAX IN DOMUS.
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