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Merkels neuer Sisyphos

Wolfgang Schäuble hätte es bequemer haben können. Zum Beispiel im Amt des Bundestagspräsidenten. Stattdessen bekommt er das Schlüsselressort Finanzen. Porträt eines Politik-Besessenen.

Von Hans Peter Schütz

Die Frage aller Fragen an Wolfgang Schäuble ist: Warum tut er sich das an? Seit 37 Jahren ist er im Bundestag, er ist der dienstälteste aktive Abgeordneter; eigentlich sollte es nur ein vorübergehender Ausflug in die Politik sein, als er 1972 für die Junge Union kandidierte und gewann. Bleibt er die volle Legislaturperiode im Parlament, und davon ist auszugehen, schließt er zum bisherigen Rekordhalter auf. Zu Richard Stücklen, CSU, der es auf 41 Mandatsjahre gebracht hat. Doch Stücklen saß nicht im Rollstuhl, war kein "Krüppel", wie Schäuble sich selbst zu nennen antut.

Warum also?

Am 12. Oktober 1990 schoss ein Psychopath auf Schäuble, seitdem ist er vom dritten Halswirbel abwärts gelähmt. In den langen Monaten nach seiner Rückkehr aus der Klinik fiel die Antwort auf die wichtigste Frage. Im Keller seines Hauses, gebaut an einem Steilhang im badischen Städtchen Gengenbach, versuchte er zum ersten Mal seit seiner Kindheit wieder Geige zu spielen, um den Fingern ein wenig Beweglichkeit abzuzwingen. Sein Rollstuhl kippte nach hinten um und er lag hilflos am Boden und konnte sich nicht verzeihen, dass er es nicht schaffte, sich alleine wieder aufzurichten. Und er weinte vor Zorn über sich.

Schäubles Lebenssinn

Denn im Gegensatz zu seiner Frau hat Schäuble nie den Wunderglauben an sich heran gelassen, es könne sich wieder zum Besseren wenden. Ingeborg Schäuble: "Ich habe gedacht, dass wir eine Verbesserung seines Zustandes erreichen könnten, wenn er mehr Zeit hätte für sich und seinen Körper." Eines Tages akzeptierte das Ehepaar die Situation. Ingeborg Schäuble schlug ihrem Mann vor, mit der Politik Schluss zu machen. Ein Professor oder ein Richter, so hatte sie sich ihren Ehemann sowieso immer vorgestellt.

Der Rollstuhl ließ die Familie noch näher zusammen rücken; immer war eines der drei Kinder in der Nähe des Vaters. Zuweilen hat sich Ingeborg Schäuble selbst in den Rollstuhl gesetzt, um als "Fußgänger", wie Querschnittsgelähmte Menschen nennen, die auf zwei Beinen stehen können, zu lernen, wie die Welt von unten aussieht. Doch Wolfgang Schäubles Antwort war: "Wenn man mir die Politik nimmt, nimmt man mir den Sinn meines Leben." Ingeborg Schäuble hat diese Antwort akzeptiert, schweren Herzens.

"S'isch wie's isch."

So wie sie ihren Mann immer akzeptiert hat, vor und nach dem Attentat - allerdings mit offenem Visier. Dass Schäuble als wichtiges Mitglied der "Kampfgruppe Kohl" geradezu verbissen für dessen Kanzlerschaft in den siebziger Jahren kämpfte, beobachtete sie mit Distanz. Als die Frage zu beantworten war, ob ein Mann im Rollstuhl Kanzler werden könne, sagte sie mutig: "Nein, denn da habe ich große Bedenken." Klar sei, dass er den Job stemmen würde, aber das Bild eines Kanzlers im Rollstuhl sei nicht leicht zu vermitteln.

Weshalb hat sie sich nicht energischer eingemischt, als er sein politisches Leben an der Seite Kohls ohne jede Rücksicht auf sich selbst fortsetzte? "Ich und meinen Mann dirigieren? Da kennen sie meinen Mann nicht." Der brummt gerne in schwierigen Lagen "es kummt, wie's kummt" oder murmelt "s'isch wie's isch."

Die Geschichte von Sisyphos

Schäuble war einer der zum wichtigsten Wegbereiter Helmut Kohls und sein bester Machtverteidiger. Selbst als dessen Führungsschwäche offenkundig war, stand er an seiner Seite - mit unerschütterlicher Loyalität. Zwei Jahre vor dessen Abwahl 1998 sagte er noch: "Kohl ist unsterblich." Natürlich wusste er dies zu diesem Zeitpunkt längst besser, wollte selbst unbedingt Kanzler werden. Aber Kohl stürzen wie Herbert Wehner einst Willy Brandt? Nein, er konnte es nicht. Er verglich seine Position mit der des Sisyphos. Immer wieder sich mühen, die aufgebürdete Last nach oben zu tragen, "das ist ein Stück weit mein Politikverständnis."

Dafür ließ er sich von Kohl als Kanzleramtsminister schikanieren, bürdete sich das Innenministerium auf, das keine Popularität verspricht. Auf die Frage "Sind sie denn ein politisch Besessener?" antwortete er: "Ich bin überhaupt nicht besessen, sondern ich bin ein Mann, der um die Verantwortung eines Innenministers weiß." Ein Knecht, der im Kampf gegen den Terrorismus den Rechtsstaat beschneidet? Seine Antwort: "Der Rechtstatt beschneidet überhaupt nicht Freiheit, sondern er bemüht sich, die Freiheit zu schützen."

Merkels Bauernopfer

Viele mögen sich wundern, dass Angela Merkel nun das Schlüsselressort Finanzen mit Schäuble besetzt. Das Ressort, das über ihren Erfolg und Misserfolg in den nächsten vier Jahren entscheiden wird. Sie weiß nur zu gut, dass er vielfach Grund hat, ihr im Rückblick böse zu sein. Sie hat aktiv an seinem Sturz als CDU-Chef mitgewirkt, weil sie wusste, dass er im Getümmel um Kohls Schwarzgeldaffäre im Bundestag einmal nicht bei der Wahrheit geblieben war. Damit brachte sie ihn um seine letzte Chance, doch noch Kanzler zu werden.

Ausgerechnet den Mann holt sich Merkel in ihr wichtigstes Ministerium, der in ihrem politischen Schachspiel mehr als einmal das Bauernopfer geben musste. Den sie um Partei- und Fraktionsvorsitz brachte. Dessen Kandidatur als Spitzenkandidat der Berliner CDU sie hintertrieb. Den sie als Spielmaterial im Poker um das Amt des Bundespräsidenten hemmungslos benutzte.

Merkels Risiko

Doch der Badener besitzt aus der Sicht Merkels eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er kann bis zur Selbstbeschädigung loyal sein, auch gegenüber Partnern, die - wie einst Helmut Kohl - diesen Charakterzug rücksichtslos zum eigenen Vorteil ausbeuten. Einen Loyaleren hätte Angela Merkel nicht finden können.

Schäuble hätte, wenn er Anspruch erhoben hätte, Bundestagspräsident werden können. Aber das wollte er nicht. Ihn interessieren strategische Partnerschaften weitaus mehr als protokollarische Ehren. Für die Kanzlerin steckt ein gewisses Risiko in Schäubles Berufung - Loyalität hin, Loyalität her. Sie hat jetzt an der Schlüsselstelle des Kabinetts einen Minister, der völlig unabhängig von ihr denkt.

Weshalb hat sich Schäuble darauf eingelassen? Was tut er seiner Familie damit an? Was treibt ihn? Ingeborg Schäuble gibt eine sehr menschliche Antwort: "Jedes Leben ist lebenswert, wenn es bewusst sein kann. Für meinen Mann ist das Leben sehr lebenswert. Für uns alle ist es ganz wichtig, dass er da ist. Aber ich denke, auch für ihn ist es ganz schön."

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