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Der Unterschied von Wahrheit und Wirkung

Der Nazi-Vergleich erschlägt jede Debatte. Ob er in der Sache stimmt, ist egal. Das hat Wolfgang Schäuble gerade erfahren. Und er hätte es wissen müssen.

Ein Kommentar von Stefan Schmitz

  Geriet aufgrund eines Nazi-Vergleiches in die Kritik: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble

Geriet aufgrund eines Nazi-Vergleiches in die Kritik: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble

Da hockte Finanzminister Schäuble also mit Schülern zusammen und erklärte, was in der Ukraine drohe, wenn das Land kein Geld mehr habe, um seine Polizisten zu bezahlen. Dann breche das Chaos aus und die Russen könnten einmarschieren mit dem Vorwand, sie müssten ihre Landsleute schützen. Bis hierher alles altbekannt und keine Nachricht wert. Doch dann griff er zur ultimativen Keule: "Mit solchen Methoden", sagt er, "hat schon der Hitler das Sudetenland übernommen – und vieles andere mehr."

Direkt falsch ist nichts daran. Der Schutz der deutschen Bevölkerung im Sudetenland war tatsächlich der Vorwand der Nazis für die Annexion 1938. Aber darum geht es nicht. Schäuble ist 71 Jahre alt, der Profi schlechthin. Er hat erlebt wie Helmut Kohl dafür verprügelt wurde, dass er die PR-Fähigkeiten von Michail Gorbatschow mit denen von Goebbels verglichen hat. Er sah die SPD-Ministerin Herta Däubler-Gmelin über einen verunglückten Vergleich der Methoden Hitlers mit denen von George W. Bush stolpern. Er weiß genau, was ein Nazi-Vergleich bewirkt: Das Ende der sachlichen Debatte und den Beginn der Schlammschlacht.

Nazi-Vergleiche sind "Totschlagargumente"

Nazi-Vergleiche sind, wie es der Politologe Norbert Seitz nennt, zu dem "Totschlagargument" schlechthin aufgestiegen. Der Amerikaner Mike Godwin hat dazu eine nach ihm benannte Regel formuliert: "Godwin’s law". Es besagt, dass je länger eine Debatte etwa in einem Internetforum dauert, die Wahrscheinlichkeit, dass Hitler darin auftaucht, sich immer mehr an 100 Prozent annähert. Irgendwann kommt er bestimmt. Es ist zumeist der Moment, in dem man sich aus der Debatte verabschieden kann, weil alles gesagt ist.

Schäuble scheint das für einen Moment vergessen zu haben. Tatsächlich ist er nicht der Erste, dem die Analogie zu 1938 in den Sinn gekommen ist. Vor ein paar Wochen sagte ein führender deutscher Historiker zum Vorgehen der Russen in der Ukraine am Telefon: "Natürlich denkt man da an das Sudetenland. Nur sagt es keiner öffentlich. Ich auch nicht." Und das aus gutem Grund. Denn die Erinnerung an 1938 löst eine ganze Kette aus: Sie ruft Hitlers Weg in den Zweiten Weltkrieg in Erinnerung, den Überfall auf den halben Kontinent, die vielen Millionen Toten, den Holocaust. Dabei schwingt mit, dass die Welt Hitler habe in den Arm fallen müssen, als es vielleicht noch möglich gewesen sei.

Putin ist kein neuer Hitler

Wladimir Putin ist aber kein neuer Hitler. Natürlich hält ihn auch Wolfgang Schäuble nicht dafür. Aber er wird – wie viele andere – darüber nachdenken, was die Antwort auf das aggressive Verhalten Russlands sein kann. Und natürlich wird in Diskussionen fernab von Mikros und Kameras auch an 1938 erinnert. Nur taugen die historischen Parallelen nicht für einen schnellen Wirkungstreffer im Meinungskampf. Denn wenn sie verkürzt und vereinfacht werden, wird es falsch und gefährlich. Manchmal geht es eben um Politik und nicht um Geschichte.

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