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"Merkel macht einen Wahnsinnsjob"

Schauspielerin Uschi Glas gilt als CSU-nah, kommt aber mit Seehofers Flüchtlingspolitik "gar nicht" klar. Ein Gespräch über Obergrenzen, Frauenrechte, Gutmenschen und Weihrauch.

Von Lutz Kinkel

Die bayerische Schauspielerin Uschi Glas

"Niemand will sich als 'Gutmensch' belächeln lassen": Schauspielerin Uschi Glas

Es gibt wohl keinen, der sie nicht kennt: Uschi Glas, 71. Seit einer kleinen Ewigkeit ist sie in Film und Fernsehen präsent, ihr Rollenverzeichnis reicht von "Winnetou und das Halbblut Apanatischi" bis "Fack ju Göhte 2".

Neben der Schauspielerei gibt es auch die Bürgerin Uschi Glas, eine, die sich sich in zahlreichen Organisationen sozial engagiert und in Talkshows  politisch Kante zeigt. Bislang galt Glas wegen ihrer konservativen Ansichten als CSU-nah - aber das scheint vorbei. Die Flüchtlingspolitik hat sie von der Partei entfremdet. Ein Gespräch.


Frau Glas, als Sie noch zur Schule gingen wurden Sie als "Neger" geschmäht. Wie kam das?

(lacht) Ja, ich hatte als kleines Mädchen schwarze Haare, einen richtigen Lockenkopf - und war im Sommer immer braungebrannt. Da hatte ich schnell den Spitznamen "Negerlein". Das war nicht nett gemeint.

Sie sind evangelisch - und im zutiefst katholischen Bayern aufgewachsen. War vermutlich auch nicht einfach.

Stimmt! Mein Vater war Franke, also Fast-Bayer, meine Mutter Schwäbin, die vom katholischen zum evangelischen Glauben konvertiert ist. Wir waren zwar keine Flüchtlinge, aber Außenseiter. Weil es noch keine evangelische Kirche gab, durften wir in der katholischen Spitalkirche unseren Gottesdienst und Kindergottesdienst feiern. Da habe ich als kleines Mädchen beobachtet, wie nach unserem Gottesdienst die Kirche mit Weihrauchschwenken ...

... symbolisch "gereinigt" wurde?

Ja! Ich habe mir damals wahnsinnig den Kopf zerbrochen, was an uns so falsch ist, dass die Kirche einen anderen Geruch kriegen muss, sobald wir gehen.

Haben diese persönlichen Erfahrungen Ihnen klar gemacht, was Ausgrenzung bedeutet?

Zu einer Minderheit zu gehören, nicht dabei sein zu dürfen, das tut  weh.

Sehen Sie deshalb die aktuelle Diskussion um Flüchtlinge kritisch?

Ich kann diese Debatte nicht leiden. Das Wort "Flüchtling" ist ja fast schon ein Schimpfwort. Alles wird über einen Kamm geschoren - dabei ist jeder ein Individuum, der es verdient, mit Respekt und Nächstenliebe behandelt zu werden. Mein Gott, wie viel Furchtbares haben diese Menschen zum Teil durchgemacht!

Zum Teil?

Natürlich gibt es Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen zu uns kommen. Aber die Flüchtlinge aus Syrien zum Beispiel sind vor dem Tod geflohen. Sich jetzt hinzustellen und zu sagen: Alle gehören abgeschoben, finde ich schrecklich. Wo soll ich sie denn hinschicken?

Viele Prominente haben Flüchtlinge privat aufgenommen - Sie auch?

Nein. Aber ich habe sehr viel Kontakt zu Flüchtlingsfamilien. Mit unserer Initiative "Brotzeit" liefern wir Frühstück in Schulen, in denen bis zu 100 Prozent der Kinder Migrationshintergrund haben. Und wenn ich sehe, wie sich die Kinder freuen, sobald es nach frischen Semmeln und Kakao riecht, wie sie langsam lernen, den Senioren zu vertrauen, die das Programm begleiten - da geht mir das Herz auf.

Keine Probleme mit den Kindern?

Ich habe noch keine einzige Beschwerde gehört, weder was Benehmen noch was Höflichkeit angeht. Im Gegenteil: Ich war gerade an einer Berliner Schule, dort sind hundert Flüchtlingskinder neu hinzu gekommen. Die Rektorin sagt, es sei fantastisch. Die Kinder sind so wissbegierig, dass sie sehr schnell am Regelunterricht teilnehmen können.

Viele Helfer, die sich um Flüchtlinge kümmern, werden neuerdings beschimpft. Ist Ihnen das auch schon passiert?

Na klar. Uns wird ständig vorgeworfen, wir würden die Eltern noch fauler machen. Die sollten gefälligst selbst für das Frühstück sorgen. Ich sage dann immer: Es hat doch keinen Sinn, wir kommen nicht in die Familien rein. Aber wir müssen uns um die Kinder kümmern. Mit leerem Magen lernt es sich schlecht.

" Gutmensch" ist das Unwort des Jahres 2015 geworden.

Zu Recht. Wir haben über 1000 Helfer, die sich engagieren - und niemand will sich als "Gutmensch" belächeln lassen. Das ist verletzend. Denn es klingt so, als wäre er zu bedauern.

Haben die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht die Debatte kippen lassen? War das der Wendepunkt?

Ja. Köln war eine Katastrophe - aber auch das Resultat von Fehlern, die Jahrzehnte alt sind. Wir hätten viel früher klar machen müssen: Das Grundgesetz steht über allem, auch über jeder Religion. Wir haben viel zu lange eine falsche Toleranz - wenn nicht Ignoranz - praktiziert. Sicher brauchen wir strengere Regeln. Sich aber jetzt hinzustellen und zu sagen: Siehste, das haste davon, Du hast die ja alle willkommen geheißen - das geht nicht. Wir müssen die Leute, die zu uns kommen, schon aufklären und belehren, dass die Gleichberechtigung der Frau ein hohes Gut ist. Das müssen sie halt lernen.

Die CSU glaubt nicht an Lerneffekte, sondern charakterisiert Flüchtlinge ausschließlich als Belastung. Wie kommen Sie damit zu recht?

Gar nicht. Natürlich wird es in Deutschland etwas ungemütlicher werden, weil wir uns alle anstrengen müssen. Aber am Ende werden die Zugezogenen ein Gewinn für uns sein. In Bayern schreien die Mittelständler nach Personal.

Also keine Obergrenzen und Grenzschließungen?

Wenn es sich um einen echten Flüchtling handelt, also jemanden, der vor Krieg und Verfolgung flieht, kann es keine Obergrenzen geben. Das sagt ja auch unser Gesetz. Solche Menschen müssen einen Platz bekommen. Aber nicht nur bei uns, sondern in ganz Europa.

Das klingt nach Angela Merkel. Die Kanzlerin aber wird gerade von der CSU massiv unter Druck gesetzt.

Das tut mir sehr leid und sehr weh. Die Kanzlerin kämpft an allen Fronten in Europa und macht einen Wahnsinnsjob. Sie hat es nicht verdient, dass man jeden Tag auf sie draufhaut. Ich habe wirklich Angst, dass sie irgendwann sagt: Jetzt reicht's, ich steig' aus.

Sie sind kein CSU-Mitglied ...

Nein.

Gelten aber als CSU-nah.

Ich mein': Die CSU macht das in Bayern schon gut. Aber die Marschroute, die die CSU in der Flüchtlingspolitik eingeschlagen hat, verstehe ich nicht. Ist das nur ein Machtspiel? Mir ist aber auch egal, wenn ich mit meiner Meinung anecke. Ich muss meinem Gewissen folgen und abends in den Spiegel schauen können. Es geht um Menschen, und nicht um Zahlen, die man beliebig hin und her schieben kann.

Haben Sie selbst als junges Mädchen schon Flüchtlinge erlebt?

Ja, natürlich. Und ich habe erlebt, wie man versucht hat, sie mitzunehmen. Meine Mutter hat Kaffeekränzchen ausgerichtet und alles geteilt, obwohl wir selbst kaum was hatten. Sie hat gesagt: Bei uns immer noch Platz für jemanden, der noch weniger hat als wir. Das geht schon. Diese Erfahrung habe ich mitgenommen.

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