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Ein historisches Ereignis für Deutschland

Im Dreiländereck in Zittau wird der Wegfall der Passkontrollen und die Ausweitung des Schengen-Raums gefeiert. Deutschland und Polen rücken nach Jahren des gegenseitigen Fremdseins näher zusammen, ob das den Nationalisten dies- und jenseits der Oder nun passt oder nicht.

Von Sebastian Christ

Im äußersten Nordosten Deutschlands gibt es einen Ort, der einen Teil seiner Geschichte seit heute überwunden hat. Zwischen dem deutschen Ort Ahlbeck auf Usedom und der polnischen Stadt Swinemünde verläuft eine Grenze aus Stalins Zeiten, die schon bald kaum mehr fühlbar sein wird. Sichtbar war in den vergangenen Jahren trotz aller politischen Streitigkeiten vor allem ihr Verfall. In dicken, unregelmäßigen Röllchen hatte sich der Stacheldraht an den Sicherungsanlagen vor Rost zusammengekräuselt, abgeplatzt von den Befestigungen, ohne Halt, nicht reparierbar.

Die Betonpfosten, an denen er einst aufgespannt war, standen nackt in der Landschaft. Sie wirkten nutzlos, wurden nur noch meterweise von einzelnen Stolperdrahtbahnen umschlungen. In der Mitte, im Niemandsland, zog sich eine straßenbreite Sandgrube, die regelmäßig mit einem Rechen durchzogen wurde, damit man Fußspuren sehen kann. Ob hier nun deutsch-polnische Picknickveranstaltungen stattfinden, oder die Kinder vom Strand hoch laufen und Sandburgen bauen - das interessiert ab heute niemanden mehr.

Der Beitritt der osteuropäischen Länder zum Schengener Abkommen ist ein historisches Ereignis für Deutschland. Die Bundesrepublik und Polen rücken nach Jahren des gegenseitigen Fremdseins automatisch näher zusammen, ob das den Nationalisten dies- und jenseits der Oder nun passt oder nicht. Die deutsch-polnische Freundschaft lebt schon seit Jahren vor allem von den Menschen, die sie pflegen. Die Mehrheit der polnischen Bevölkerung ist pro-europäisch, genauso wie in Deutschland. Das wird oft übersehen, weil Teile der polnischen Politik bis zur Abwahl von Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski (PiS) den Volkswunsch nach guten Beziehungen zu Europa geflissentlich ignorierten.

Die Mehrheit ist pro-europäisch

Es ist ohnehin eine historische Lehre der Nachkriegszeit, dass vor allem der persönliche Kontakt internationale Nähe schafft. Schon deswegen verankerten einst Charles de Gaulle und Konrad Adenauer im Élysée-Vertrag den Jugendaustausch als ein Kernprojekt für den Aufbau von guten Beziehungen. Es hat sich ausgezahlt. Und seitdem das Schengener Abkommen an Deutschlands Westgrenzen gilt, soll es Jogger geben, die ihre morgendliche Bahn durch zwei oder gar drei Staaten ziehen. Ohne das alte Grenzregiment gehen Menschen aus Nachbarstaaten selbstverständlicher miteinander um.

Der schlagbaumlose, unsichtbare Grenzübertritt ist deswegen das subversivste Mittel gegen rechtes Besitzstandsdenken. Das gilt für die verirrten Ostgebiets-Träumer in Deutschland wie für die notorischen Barrikaden-Auftürmer in Warschau. Und der Beitritt Polens zum Schengener Abkommen fällt zudem in eine Zeit, in der sich auch die Politik anschickt, die alte Vorreiterrolle in Sachen Aussöhnung wieder übernehmen zu können. Mit Donald Tusk regiert nun ein Ministerpräsident, der nie mit antieuropäischen Tiraden auffällig geworden ist. Nach den Jahren der Zwillingsherrschaft ist Tusk der Hoffnungsträger für Deutschen und Polen, die sich ein besseres Verhältnis zwischen beiden Staaten wünschen.

"Ich will in einem freien Polen sterben"

Ein Indiz dafür: Selbst der fast 86-jährige Ex-Außenminister Wladyslaw Bartoszewski mischt wieder aktiv in der Politik mit. Er war einer der wenigen, die sich über die komplette Dauer der PiS-Regierung gegen den außenpolitischen Kurs der Kaczynskis aussprachen. Im Wahlkampf polterte er gegen die Zwillinge: "Ich will in einem freien Polen sterben." Bartoszewski, der noch als junger Mann am Warschauer Aufstand gegen die Nazi-Besatzung teilnahm und später als Geschichtsprofessor auch an einigen süddeutschen Universitäten lehrte, gilt als die wichtigste Symbolfigur in der deutsch-polnischen Aussöhnung. Er ist jetzt außenpolitischer Berater von Donald Tusk.

Gleichzeitig regiert in der Bundesrepublik mit Angela Merkel eine Kanzlerin, der es nicht in den Sinn käme, Russlands Präsidenten Wladimir Putin als "lupenreinen Demokraten" zu bezeichnen. Gerhard Schröder hatte sich durch seine Moskau-affine Außenpolitik und seinen postpolitischen Gasprom-Job nicht unbedingt viele Freunde in Polen gemacht.

Ein Chance für beide Seiten

So fügen sich die historischen Wechsel wie ein Puzzle zusammen. Mit ein wenig Spätzündung hat Angela Merkel nun die Chance, ein offenes Ohr in Warschau zu finden. Auch wenn Lech Kaczynski als polnischer Präsident weiterhin die Leitlinien der Außenpolitik mitbestimmen darf.

An den Grenzen können Deutsche und Polen spätestens seit heute das tun, was Politiker eigentlich schon seit Jahren tun sollten: Sie treffen sich und lernen sich kennen. Sie erfahren über die Geschichte und Bräuche des anderen und lernen den Nachbarn zu verstehen und zu respektieren. Das ist es doch, was den Beginn jeder Freundschaft ausmacht. Auch den Neubeginn. Oder?

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