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21. Dezember 2007, 14:25 Uhr

Europäisches Tohuwabohu an der Grenze

An insgesamt 86 deutschen Grenzübergängen sind um Mitternacht die Passkontrollen weggefallen. Die Bewohner von Städten wie Frankfurt oder Zittau feierten, wie die Grenzwächter am Tor eines vereinten Europa arbeitslos wurden. Aus Frankfurt (Oder) und Zittau berichtet Sebastian Wieschowski

Kanzlerin Angela Merkel, Georg Milbradt, sächsischer Ministerpräsident, der portugiesische Premierminister Jose Socrates und EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Baroso in Zittau© Marcel Mettelsiefen/Getty Images

Hunderte Zittauer wollen direkt an der Grenze mitfeiern, wenn die polnische und tschechische Nachbarschaft näher an Deutschland heranrückt. Schlagbäume sollen fallen, Grenzkontrollen aufgegeben werden. Doch bevor sich die Menschen über die neue Freizügigkeit an der Oder freuen dürfen, müssen sie vor einem Maschendrahtzaun ausharren. Dicht drängen sie sich an den engmaschigen Zaun, der den Grenzübergang an der Friedensstraße sichern soll. Denn am großen Feiertag wurde die Grenze für normale Bürger erstmal dicht gemacht, das Volk in die zweite Reihe gestellt.

Zu den wenigen, die in Zittau gegen 9 Uhr die Erweiterung des Schengen-Raumes hautnah erleben dürfen, gehören Bundeskanzlerin Angela Merkel und Gäste aus dem Ausland. Zwei prominente Portugiesen gehen äußerst unterschiedlich mit dem eisig strengen sächsischen Winter um: EU-Kommissionspräsident Barroso hustet sich immer wieder in die Faust und drückt seinen schweren Wintermantel an den Körper, der portugiesische Ministerpräsident und EU-Ratspräsident José Sócrates hat dagegen ganz auf eine Jacke verzichtet und stellt sich tapfer mit Sakko in die Kälte.

Verkehrsschild für Barroso

Im Hintergrund dudelt eine Bundespolizeikapelle die Europahymne herunter, Schulkinder wurden mit Europaschals in die erste Reihe der Wartenden gestellt. Alles soll nach einem großen Festtag aussehen, doch viel mehr als grenzstädtische Normalität haben die Zittauer Zaungäste nicht zu bieten. Kein Wunder, denn anderswo sind die Grenzkontrollen bereits seit Mitternacht abgeschafft. Deshalb verteilt Angela Merkel warme Worte, begrüßt die wartende Menge mit einem schwerfälligen "Guten Morgen erstmal", spricht von europäischer Normalität. Dann folgt das obligatorische Gruppenfoto. Gemeinsam wollen Merkel und ihre Gäste den Schlagbaum anheben - doch die Kraft reicht nicht, ein letztes Mal brauchen sie die Hilfe des Grenzpolizisten, der die weiß-rote Blechschranke hochfährt. Sachsens Ministerpräsident Milbradt überreicht Barroso noch ein Grenz-Verkehrsschild, dann ist die Zeremonie vorbei. Polen und Tschechien sind ganz nah an ihren deutschen Nachbarn heran gerückt, doch Feierstimmung sieht anders aus.

Party in Frankfurt

Die europäische Megaparty fand einige hundert Kilometer nördlich um Mitternacht statt: Auf der Stadtbrücke zwischen Frankfurt an der Oder und Słubice begrüßten mehrere tausend Frankfurter ihre polnischen Nachbarn im gemeinsamen Schengen-Raum, sie stießen mit Bier und Wodka an, hoben deutsche und polnische Fahnen in die Luft und lagen sich singend in den Armen - Szenen, die an den Fall der Berliner Mauer erinnerten.

Es herrschte ein europäisches Tohuwabohu mit deutsch-polnischen Wortfetzen, das ohne viel Pathos auskam: Zwar hatten sich auch in Frankfurt ein paar lokale Würdenträger versammelt, um einen Grenzbaum zu beseitigen, allerdings mit etwas mehr Phantasie. Die weiß-rote Stange wurde kurzerhand abgeschraubt, kurz darauf schossen Feuerwerkskörper in den Himmel. Mittendrin im Partygetümmel: Frankfurts Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU) und Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU), die sich zuvor in das letzte Auto gesetzt hatten, das deutsche und polnische Beamte kurz vor Mitternacht an der Stadtbrücke kontrollierten. "Heute ist Europa vollendet", schwärmte Junghanns, eingehüllt in den Rauch des Feuerwerks, am Übergang auf der Stadtbrücke.

Auch die Polizisten, die ihren Dienst an der Grenze nun aufgeben müssen, feierten mit: "Ich sehe das alles mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Es ist ein historischer Moment, der mich schon sehr berührt. Aber ich freue mich auf neue Aufgaben", sagte der Bundespolizist Andre Wehlendorf. Er und seine Kollegen patrouillieren ab sofort gemeinsam mit polnischen Kollegen im Umkreis von 30 Kilometern um die Grenze.

Zuvor haben sich Grenzer und Frankfurter Bürger gemeinsam auf den großen Tag eingestimmt. Viele seien ein letztes Mal am Übergang vorbeigekommen, berichtet Wehlendorf, außerdem hätten einige Passanten den Abbau der Kontrollhäuschen und Grenzschilder sehr interessiert beobachtet. Von Angst vor mehr Kriminalität sei am Abend nichts zu spüren gewesen, meint der Bundespolizist. Im Gegenteil - die einzigen Demonstranten, die in der Nacht in Frankfurt aufliefen, wollen dass Polen noch näher an Deutschland heranrückt: "Hier soll ein Bus fahren" stand auf ihren Plakat, darunter: "Für eine grenzüberschreitende Buslinie."

 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
JackintheBox (22.12.2007, 20:44 Uhr)
Na endlich!
Das wurde auch Zeit. Ich, seit 10 Jahren mit einer Polin zusammen und im Gegensatz zu wohl den meisten der Angsthäschen hier im Forum (interrailer und marquis natürlich ausgenommen) sehr oft zu Gast in Polen, bin froh, das Zusammenwachsen Europas erleben zu dürfen.
Und wenn ich mir die Grenzregion so ansehe, dürften bald die Polen eher Angst um ihre Häuser und Autos haben als umgekehrt. Nehmt Euch ein Beispiel an den Polen: weniger jammern, mehr arbeiten. Ja - das meine ich genau so und nicht anders.
ganzbaf (21.12.2007, 21:23 Uhr)
Toll...
...statt Grenzkontrollen jetzt überall verdeckte Spitzel und "Schleierfahndung" für alle....)-:
Freiheit wird doch nur vorgetäuscht, der vollumfängliche Spitzelstaat kann sich so bestens legitimieren.
Gut für sie, Herr Speckschwein...;-P
Marquis (21.12.2007, 18:13 Uhr)
Ohje
ein Ende "hat" & "nicht" vor dem Krieg
natürlich
Marquis (21.12.2007, 18:06 Uhr)
Keine Panik,
es wird alles gut. Daß die Warterei an der Grenze endlich eine Ende ist auch schön.
War denn einer von den Bedenkenträgern hier mal in Polen - ich meine vor dem Krieg;)
interrailer (21.12.2007, 17:35 Uhr)
Liebe Kommentatoren
da bisher noch kein positiver Beitrag zum Artikel geschrieben wurde, sah ich mich nun doch gezwungen, einen eigenen Account anzulegen. Ich leben nun seit 16 Jahren an der Grenze zu Polen. Ich habe Freunde diesseits und jenseits der Oder. Heute morgen bin ich mit dem Auto über die Autobahn von Berlin aus in meine Heimat gefahren und habe dabei spontan beschlossen, das Schengener Abkommen gleich auszutesten. Als ich durch die leergefegten Grenzabfertigungsanlagen fuhr hatte ich feuchte Augen. EUROPA wächst zusammen, ob das nun allen Recht ist oder nicht. Die Vorteile überwiegen definitiv die Nachteile. Der wirtschaftliche Austausch mit den neuen Beitrittsländern ist in den letzten Jahren explodiert. Alle profitieren davon, auch wir West- und Zentraleuropäer. Kulturell findet vieles gemeinsam statt. Dass dieser Schritt auch Probleme mit sich bringt ist nicht wegzudiskutieren, aber diese Probleme werden sich relativieren und sind überdies nicht größer als bei den Beitritten unserer südeuropäischen Nachbarn. Vor über 60 Jahren tobte zwischen uns ein grausamer Krieg und heute ist es möglich einfach nach PL zu gehen und in Frieden das zu tun, was immer man möchte. Es ist eine der größten Errungenschaften unserer Zeit. Es ist daher an der Zeit, dass auch der letzte Skeptiker sich aufmacht, Europa und seine Menschen zu entdecken, so wie es der Autor eines anderen Artikels auf stern.de vorschlägt. Politiker haben die Rahmenbedingungen geschaffen, nun sollten wir sie umsetzen. Es ist ab heute möglich von Krakau nach Paris zu fahren, ohne auch nur einmal an einer Landesgrenze anhalten zu müssen. Das ist fantastisch und wird sich hoffentlich nie mehr ändern.
Kinski (21.12.2007, 16:49 Uhr)
Volkes Meinung gibt es nicht !
ich möchte betonen das ich weder gegen die Eu bin noch etwas gegen die Polen habe. Ich habe etwas dagegen das unsere Regierung entgegen allen Warnungen (sogar von polizeilicher Seite)und Vorbehalte der Bevölkerung die Grenzen öffnen. Wir werden doch nie gefragt ob bei der Eu Verfassung oder der Masseneinwanderung oder dem öffnen der Grenzen entgegen aller Warnungen der Sicherheitsbehörden. Es wird in einem Tollhaus enden wie man in unseren Großstädten schon sehr schön beobachten kann. Die Menschen wollen das alles nicht aber das ist unseren Polikern wenn es deutlich sagen möchte 'SCHEISS EGAL' ! Unsere Kinder werden das alles ausbaden und können einem nur noch Leid tun !!
Nur weiter so !
Kinski (21.12.2007, 15:53 Uhr)
Quittung wird folgen
Bei den nächsten Wahlen wird die Quittung folgen. Die großen Volksparteien werden Ihr blaues Wunder erleben. Dann wird das Geschrei groß sein und die Schuldigen sind dann wieder andere ! Nur noch zum k....n !
Das Maß des erträglichen ist schon längst überschritten !
Mule (21.12.2007, 15:16 Uhr)
Unsere Politiker
Haben Die Herren Schäuble und Milbradt zu hause schon ihre Zäune erhöht oder beißende Hunde engagiert?
Unser Freund ist gebürtiger Pole, ist aber seit über 20 Jahren Deutscher und grauselt sich jedes Mal, wenn er zu seinen Verwandten nach Polen fährt, ob er auch mit dem eigenen Auto wieder nach Hause fahren kann oder ob es schon auf dem Weg nach Rußland oder sonstwo ist. Die Polizei in Grenznähe sieht dieses freudige Ereignis auch mit differenzierteren Augen!
Kinski (21.12.2007, 15:15 Uhr)
Typisch
Niemand wird gefragt - Polizei schlägt Alarm - alles wird ignoriert. Die Zeche haben die Bürger zu zahlen ! Wann hört das endlich auf das wichtige Enscheidungen einfach gegen den Willen der Bevölkerung durchgeboxt werden ?
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