Immer öfter wird auch für den Westen eine Art Solidaritätszuschlag gefordert. Völlig zu Recht, so wie es dort aussieht und die armen Menschen da leben. Allerdings sollten sie auch selbst etwas dafür tun: zum Beispiel arbeiten lernen. Von Holger Witzel

Hätten sich die Ossis nicht träumen lassen: Hinter dieser Mauer sieht's auch nicht rosig aus© Rainer Jensen/DPA
Da sitze ich nun in einem schäbigen Hotel in Peine und frage mich einmal mehr, was einem an diesem Westdeutschland noch vor ein paar Jahren so attraktiv vorkam. Eine gewisse Freiheit, klar, die D-Mark natürlich und der dicke Quelle-Katalog - all diese kurzfristigen Lockangebote, die es nun auch schon lange nicht mehr gibt. Aber sonst? Ich meine: Wollte ich jemals nach Peine? Sind wir dafür um den Leipziger Ring gelatscht?
Der Minibar-Kühlschrank brummt wie ein sowjetischer Panzer. Die Dusche kann nur kalt oder kochend und regelt das selbstständig. Bei der naiven Frage nach W-Lan lacht der Greencard-Inder an der Rezeption nur hysterisch auf. Vermutlich hat er sich selbst auch mehr vom Westen versprochen. Eine leere Batterie in der Fernbedienung fesselt mich schließlich vor eine Sendung namens Frauentausch, in der eine polnische Rheinländerin mit Putzfimmel per "Videobotschaft" über die Schlampenwirtschaft einer Hausfrau aus dem Allgäu schimpft. Und das alles für 80 Euro ohne Frühstück! 160 DM!! Mindestens 640 Mark Ost!!!
Oft und zunehmend lauter wird auch in den abgenutzten Bundesländern eine Art Solidaritätszuschlag West gefordert und immer, wenn ich mal wieder dort bin, bin ich unbedingt dafür. Es ist eine Schande, wie die Brüder und Schwestern da drüben leben müssen. Jeder Feldweg in Brandenburg hat weniger Löcher als beispielsweise die Autobahn 7. Rechts und links davon siechen verwahrloste Innenstädte vor sich hin. Ihre Fußgängerzonen sehen alle gleich aus. So etwas wie Denkmalschutz kann es noch nicht gegeben haben, als man die Häuser vor 30 oder 50 Jahren das letzte Mal renoviert hat. Adenauer-Charme oder 80er-Jahre-Schick, dazwischen nicht viel Leben, außer abends ein paar dunkle Gestalten, die vor Fastfood-Läden Streit suchen. Nach 21 Uhr ist auch in Peine nur noch Schmalhans oder McDonalds Küchenmeister. Und der Kebab-Mann hat seine Kaffeemaschine leider auch schon sauber gemacht…
Es lässt sich beruflich nicht immer vermeiden, dann muss ich da durch, aber nach solchen Ausflügen kommen mir die Industriebrachen von Bitterfeld tatsächlich wie blühende Landschaften vor. Und was es von dort zu berichten gibt, ist meistens auch nicht erfreulicher: Mal schickt man mich in ein altes Salzbergwerk bei Wolfenbüttel, wo die besten Atommüll-Experten Westdeutschlands an einer sicheren Endlagerung bastelten, bis die radioaktive Brühe aus den Wänden lief; mal in den Odenwald, wo die besten Pädagogen Westdeutschlands lange unbehelligt Internatsschüler vergewaltigten; mal nach Fürth zu Quelle, wo die besten Manager Westdeutschlands mitten im Zeitalter des Versandhandels den größten Versandhandel der Welt in die Grütze ritten. Nach ihren Millionen-Abfindungen war für tausende Mitarbeiter nichts mehr übrig und das Märchen von der sozialen Marktwirtschaft über Nacht vorbei. Dass viele SED-Genossen genau so fest und lange an die so genante "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" glaubten, tröstete leider niemanden.
Umweltsauereien, charakterlose Lehrer, kollektiver Selbstbetrug. So müssen Transitreisende früher auch die DDR empfunden haben. Und genau wie Tante Erika aus Stuttgart mache ich jedes Mal drei Kreuze, wenn ich die Grenze wieder hinter mir lasse. Von West nach Ost - allein dafür hätte ich mir vor 25 Jahren einen Vogel gezeigt. Wer konnte aber auch ahnen, dass der Todesstreifen zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachen so schnell seinen Schrecken verliert und sich dahinter ein neuer auftut, der mehrere hundert Kilometer breit über alle niedersächsischen Kleinstädte und westfälisches Ödland hinweg bis nach Holland reicht? Tante Erika empörte damals immer besonders, wie die Kommunisten das Land herunter gewirtschaftet haben. Inzwischen muss sie sogar in Baden-Württemberg einsehen, dass es auch ohne geht.
Vielleicht hätte man alle DDR-Bürger, bevor sie vor 20 Jahren die D-Mark wählten, erstmal auf eine kleine Rundreise in den echten Westen schicken müssen, in die Eigenheimsiedlungen von Bocholt oder an den Stadtrand von Ulm. Wir kannten dieses sagenhafte Land ja nur aus dem Westfernsehen oder von ersten Ausflügen zum Ku'damm und wussten noch nicht, dass die auch manchmal lügen. In Wahrheit riecht es weder in Ludwigshafen noch in Köln nach Intershop, sondern auch nur nach BASF, Oma-Parfüm oder Gosse. Im Odenwald gibt es noch nicht mal überall Handy-Empfang, gar nicht zu reden von HSDPA, wie das der smarte Ostzonen-Surfer gewohnt ist. Und wo, wenn nicht in Peine, bekommt man eine Ahnung davon, warum sich in dieser Gegend Bischöfinnen hemmungslos betrinken und ostdeutsch sozialisierte Tormänner verzweifelt vor Züge werfen?