Bitte wieder mehr Westpakete!

15. Dezember 2012, 16:09 Uhr

Was machen einsame Kolonialbeamte im Osten nach Feierabend? Sie hängen im Internet rum, gehen zum Psychiater und - wenn der Leidensdruck reicht - auch wieder nach Hause. Eine Hilfsaktion. Von Holger Witzel

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Sie kamen, regierten und gingen wieder: Sachsens Ex-Königspaar Biedenkopf.©

Bei der letzten ethnischen Säuberung meiner Facebook-Kontakte fiel mir auf, dass ich acht "Freunde" mit dem westdeutschen Bürgermeister meiner Heimatstadt teile. Auf mein Ultimatum "er oder ich" reagierten die meisten gar nicht. Immerhin zwei haben sich dann doch entschieden, wenn auch falsch. Vermutlich haben es diese Renegaten auch noch gut gemeint!

Es ist ein verbreiteter Irrtum, man könne einsamen Westdeutschen im Osten helfen, indem man Mitleid oder soziale Netzwerke vorgaukelt. Weil sie nichts anderes kennen, halten sie auch digitale Unverbindlichkeiten sofort für etwas Ernstes. Schlimmstenfalls stehlen sie barmherzigen Einheimischen nach Würde und Kindergartenplätzen auch noch deren kostbare Onlinezeit, verschicken Witzbildchen, was die Flachrate hergibt, und "liken" wahllos - ist das nur Appeasement oder schon Anbiederei? - selbst Seiten wie diese.

Die Biedenköpfe und ihre Ikea-Abdankung

Not und Heimweh müssen groß sein. Vor ein paar Monaten räumte sogar unser ehemaliges Königspaar still und leise seine Dresdner Wohnung und zog - anders als ursprünglich angekündigt - zurück an den Chiemsee. Erst hat es gar niemand gemerkt, dann flossen doch ein paar falsche Tränen in der "Bild"-Zeitung. Dabei haben die Biedenköpfe bis zu ihrer Ikea-Abdankung wirklich genug für Sachsen und befreundete Investoren getan. Mit über 80 müssen sie nicht auch noch dazu beitragen, dass die hiesige Bevölkerung statistisch immer älter, kränker und einsamer wird.

Schon vor Jahren fand eine Studie über "Innerdeutsche Migration und psychische Gesundheit" der Uni-Kliniken Leipzig und Ulm heraus, "dass ein höherer Anteil der Westdeutschen im Osten wieder zurück will." Die Wissenschaftler - natürlich auch vor Ort in Leipzig von Experten angeführt, denen solche Gefühle nicht fremd sind - erklärten das Phänomen vorsichtig so: "Vielleicht ist es Ausdruck dafür, dass alltagskulturelle Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschen nach wie vor hoch relevant sind und die Wiedervereinigung sehr viel begrenzter vollzogen ist als politisch dargestellt und erwünscht."

Ihr Ehen zerbrechen, sie leiden unter Depressionen und Mobbing

Deshalb hat es auch weniger mit der stalinistischen Attitüde einer "Patin" als mit Fürsorge einer Patentante zu tun, wenn Angela Merkel traurige Figuren wie Norbert Röttgen früher nach Hause schickt. Womöglich hätte der nach seiner Wahl auch noch die letzten Wurzeln in Nordrhein-Westfalen verloren. Schlimm genug, dass kranker Ehrgeiz in Berlin und den fünf anderen für die Karriere bevorzugten Bundesländern bereits dazu führt, das seinesgleichen, wie die ostdeutsche Psychotherapeuten-Kammer beklagt, doppelt so lange auf einen Termin warten müssen als zu Hause im Westen.

Die Patienten wohnen dort in eigenen Stadtvierteln, bleiben in bestimmten Restaurants unter sich. Häufig zerbrechen ihre Ehen - egal ob mit einheimischen Frauen oder an deren Reiz. Sie leiden unter Depressionen, Mobbing, allgemeiner Unbeliebtheit. Selbst multikulturelle Hotspots wie Berlin werden ihnen nach ein paar aufregenden Wochenenden am Anfang schnell zu anstrengend, so dass sie Clubs in ihrer neuen Nachbarschaft mit Klagen überziehen, bis diese schließen. Jeder versteht, dass sie lieber wieder Westerkappeln unsicher machen würden. Aber allein schaffen sie es nicht.

"Ich wohne im Osten. Ich fühle mich nicht wohl"

"Macht der Osten unzufrieden", fragt zum Beispiel ein verzweifelter Exilant auf dem Besserwisser-Portal "gutfrage.net" und beschreibt sein Problem so: "Seit einigen Jahren wohne ich im Osten. Allerdings fühle ich mich nicht wohl, habe keine sozialen Kontakte mehr und vereinsame zusehends. Könnte es da einen Zusammenhang geben?" Einige Hobbypsychologen antworten, dass hätte doch nichts mit Ost und West zu tun, er solle einfach "kommunikativer" sein, nicht den ganzen Tag vor dem Rechner hocken und so weiter. Nur zaghaft kommt der einzig wertvolle Hinweis, doch wieder nach Hause zu ziehen.

Dass es funktioniert, zeigt der Fall eines Rechtsextremisten, der nach seiner kriminellen Rädelsführer-Karriere in Mittweida/Sachsen nun wieder in seiner Heimat am Bodensee Nachbarn terrorisiert. Sogar der vorletzte Bundespräsident zog sich in sein hart erarbeitetes Häuschen in Großburgwedel zurück. Manche aber sammeln lieber weiter Immobilien an Potsdamer Seen und ärgern sich wie Günther J.", wenn der ostfriesische Bürgermeister ihrer Wahlheimat nicht wenigstens unter ihresgleichen für eine transparente Verteilung sorgt.

Leutet den West-Ossi heim

Andere singen so lange traurige Lieder wie der Kölner Clown Rainald G., bis man sie endlich für einen "Ossi" hält - zumindest westdeutsche Journalistinnen, die darüber in ostdeutschen Boulevardzeitungen schreiben. Dabei könnten man ihnen allen - mit etwas gutem Willen - ganz einfach heimleuchten.

Als unser Leipziger Olympiasieger Wolfgang Tiefensee noch Ost-Beauftragter war, erregte er noch einmal kurz Aufsehen, weil er sogenannte "Heimatschachteln" für junge Magdeburger packte. Vorher hatte man die mit "Mobilitätsprämien" zur Fronarbeit in den Westen gejagt. Nun sollte sie ein Ostpaket wehmütig an das Arbeitsamt zu Hause erinnern. Der Inhalt war so armselig wie die Idee: Ein paar Hallenser Pralinen, Knäckebrot und ein "Heimatmagnet" für den Kühlschrank in der Fremde. Eine Professorin der Hochschule Magdeburg-Stendal hatte sich das ausgedacht, nachdem sie in einer Studie festgestellt hatte, dass nicht nur Arbeitslose, sondern auch qualifizierte Arbeitslose abhauten, und schwafelte von einem "funktionierenden Netzwerk zwischen Abwanderern und der Region".

Auch die Ost-Heimatschachteln entstammen Westhirnen

Was das angeht, können Ostdeutsche tatsächlich noch viel lernen. Denn natürlich waren an dem von der Bundesregierung gesponserten Projekt "Heimatschachtel" vor allem westdeutsche Fachleute für ostdeutsche Mentalität beteiligt. Zufällig auch das Institut des Ehemanns der "Magdeburger" Professorin, der - wie sie selbst oder mein zweitbester Freund Ludger - aus Münster stammt. Ein Magdeburger Krimi, den zufällig einer ihrer westdeutschen Kollegen herausgibt, lag ebenfalls bei, außerdem ein E-Paper-Abo der "Magdeburger Volksstimme", die dem Hamburger Bauer-Verlag gehört...

Von der umständlichen West-Ost-West-Subvention einmal abgesehen, fand ich den Ansatz dennoch interessant. In umgekehrter Richtung würde sich sogar eine Untersuchung erübrigen, ob es wirklich die qualifiziertesten Kolonialbeamten sind, die sich mit Beschäftigungstherapien dieser Art die Wartezeit beim Psychotherapeuten oder bis zur Pensionierung verkürzen. Noch effektiver wäre allerdings, ihnen gleich ein Päckchen mit Pfälzer Leberwurst oder den "Westfälischen Nachrichten" zu packen. Noch heute!

Gebt dem Wessi eine Chance

Deshalb, bitte, liebe Westdeutsche: Wenn Ihr die Kosten der deutschen Einheit wirklich senken wollt - schickt Euren Landsleuten im Exil wieder mal ein Carepaket! Vielleicht kann man das - wie früher - sogar von der Steuer absetzen? Und ihr, liebe Landsleute hier: Ärgert sie nicht! Helft ihnen lieber beim Umzug - gebt Westdeutschen eine zweite Chance!

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Schnauze, Wessi!

stern-Reporter Holger Witzel, 46, liegt die deutsch-deutsche Völkerverständigung am Herzen. Der jüngste Sammelband seiner Kolumnen heißt "Gib Wessis eine Chance"

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