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28. August 2011, 13:41 Uhr

Der Höllenfürst von Magdeburg

Ein Hauch von "Yes we can selber" wehte durch Sachsen-Anhalt, als der neue Ministerpräsident antrat. Doch wie in Prag oder Kairo war auch der Magdeburger Frühling nur eine Illusion Von Holger Witzel

 
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Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff ist gern Ostdeutscher - hier gedenkt der dem Bau des Antifaschistischen Schutzwalls© DPA

Kein vernünftiger Mensch in den ostdeutschen Kolonien interessiert sich noch für Politik und so hatte auch ich den Namen Haseloff nie gehört, bis er es kurz vor seiner Wahl mit einem einzigen Spruch sogar in die hiesigen Leitmedien wie Bild, RTL oder MDR schaffte. Vorher hatte er damit schon die sogenannten Überregionalen der alten Welt erschreckt. Dabei ging es weder um den Atomausstieg von Sachsen-Anhalt, noch um Neonazis in Magdeburg. Der Spitzenkandidat der CDU hatte lediglich auf die Frage eines westdeutschen Journalisten geantwortet, wie er sich die Hölle vorstelle - und zwar so: "Wenn da nur lauter Wessis drin wären.“

Gut, dachte ich erst, da spielt ein Verzweifelter Blockflöte aus Angst vor der PDS, SED oder wie die gerade heißen die Ost-Karte. Das reicht schon für ein bisschen Empörung im Westen und ein paar Stimmen mehr in Halle. Doch dann legte der Mann – schon gewählt, also gewissermaßen ohne Not - noch einmal nach und erklärte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Vorzüge der "ostdeutschen Frau“. Sie sei "unkompliziert“ und "nüchterner“ als West-Frauen und setze durch ihre "Diktaturerfahrung andere Prioritäten“, etwa beim Einkauf von Fleisch. Außerdem hämmerte er den Reporten noch ein paar Worte ins Merkheft, die ebenso gut "Schnauze Wessi“ hätten lauten konnten, zum Beispiel: "Die Geschichte müssen wir selbst schreiben, das kann kein Historiker aus Bielefeld.“ Oder den - für einen nach eben diesen Ritualen gerade frisch gekürten Regierungschef - zumindest ziemlich lässigen Satz: "Die gesamte Welt der politischen Rituale im Westen ist uns nach wie vor fremd.“ Ich war beeindruckt.

Wessi-freie Ministerien!

"Sehr geehrter Herr Dr. Haseloff“, schrieb ich gleich am nächsten Tag in einer E-Mail an ihn: "Hiermit möchte ich mich als Regierungssprecher bewerben.“ In aller Kürze schilderte ich meine Erfahrung aus "20 Jahren Agitation und Propaganda für westdeutsche Massenmedien“. Mit deren "Niederträchtigkeiten“ sei ich bestens vertraut, zudem "demokratischer Quereinsteiger“ wie er. Vor allem aber – Stichwort "Hölle” - verstünde und spräche ich seine Sprache. Zum Beleg hängte ich ein paar verlinkte Arbeitsproben zu dieser Kolumne an und bat ihn dringend, seine "westdeutsch sprechenden Sprecherin und am Besten auch gleich alle Minister und Staatssekretäre mit Migrationshintergrund“ nach Hause zu schicken. "Lassen Sie uns gemeinsam“, so endete ich, "aus gedemütigten Ostdeutschen wieder selbstbewusste Menschen und aus dem Land der Frühaufsteher ein echtes Morgen-Land machen!“

Die westdeutschen Beamten in den Magdeburger Ministerien hatten vermutlich schon aufgeatmet, als sich sein Vorgänger Böhmer ("Der Ossi hatte immer was zu lachen, und wenn es nur über Wessis war.") in den Ruhestand verabschiedete. Wer konnte auch ahnen, dass der neue in dieser Himmelsrichtung noch mehr poltern würde als „der Alte“. Ich sah sie schon zittern vor unserem eisernen Besen. Glasnost und Perestroika, ethnische Säuberungen in Ministerien, freie Posten für meine arbeitslosen Freunde. Möglicherweise war es aber auch ein taktischer Fehler, das gleich beim ersten Kontakt anzuregen und eben diese Leute haben meine Bewerbung unterschlagen. Vielleicht fand Haseloff auch meine Grußformel „¡No pasarán!“ zu pathetisch. Jedenfalls habe ich bis heute – nach sechs Monaten! – nicht mal eine Eingangsbetätigung erhalten. Selber Schuld!

Ein Berechtigungsschein für Wessis

Ohne meine Hilfe ist es um Reiner Haseloff inzwischen leider wieder ruhiger geworden. Seine provokanten Sätze, so ruderte er gar zurück, seien aus dem Zusammenhang gerissen, die „Wessi-Hölle“ nur Ironie gewesen, höchstens das Fegefeuer . Und wenn ich das schon höre, bin ich eigentlich froh, dass ich im Überschwang der Gefühle nicht gleich beim Klassenfeind gekündigt habe. Hier kann ich wenigstens schreiben, was ich will. Das hat zwar in erster Linie auch nichts mit Presse- sondern allenfalls mit Narrenfreiheit zu tun. Aber so lange die Klicks stimmen, halten sich meine westdeutschen Chefs weitgehend an die Empfehlung in der Überschrift oder stellen einfach ein über die Maßen albernes Ampelmännchen-Quiz daneben, um die alltäglichen Menschenrechtsverletzungen in den besetzen Gebieten zu relativieren.

Echter Widerstand sieht anders aus. Da mache ich mir nichts vor und bei ostdeutschem Bier oft genug Gedanken mit Freunden. Neulich hatten wir die Idee, eine Art Berechtigungsschein einzuführen, den Westdeutsche stets bei sich tragen müssen, wenn sie hier Grundstücke kaufen oder große Reden schwingen. Aber weil den ihresgleichen in den Rathäusern ja praktisch selbst ausstellen müssten, haben wir diese Überlegung ebenso schnell wieder verworfen wie die geschmacklose Schnapsidee eines Erkennungszeichens an der Kleidung. Mein bester Freund Thomas schwadroniert gern darüber, wir müssten den Spieß einfach mal umdrehen und bei ihnen alles aufkaufen, heimlich ihre Posten besetzen, das Land übernehmen, wenigstens erstmal bei uns. Wie Haseloff eben oder diese MDR-Gauner mit den veruntreuten Millionen. Partisanen in Nadelstreifen, Regierungssprecher, Bürgermeister - aber dann? Wer von uns geht schon freiwillig nach Bayern oder Hamburg? In den Odenwald womöglich, vielleicht noch mit Familie – bei den Schulen dort!

Ostdeutsche Ministerpräsidenten? Fehlanzeige!

Außerdem: Ein Regime von innen zu verändern, es gewissermaßen mit den gleichen Waffen zu schlagen, hat noch nie funktioniert. Spartacus und die Verschwörer vom 20. Juli haben mit dem Leben dafür bezahlt. Dass sie die Partei durch Eintritt und Mitgliedbeiträge nur reformieren wollten, dient ehemaligen SED-Genossen bis heute als Ausrede. Und wenn ich daran denke, mit was für Leuten ich in Magdeburg am Kabinettstisch gesessen hätte. Hölle! (Hölle! Hölle!)

Die gleichen dunklen Mächte haben es verhindert. Zum Glück! Natürlich wurde ein Niedersachse Regierungssprecher. Er hat eine altgediente Journalistin aus Bremen abgelöst, die nun nach 20 Jahren Karriere im Osten ihr Gnadenbrot in der Sächsischen Staatskanzlei bekommt und damit wahrscheinlich auch noch die Legende nährt, hier hätten Frauen bessere Chancen. Bis auf vier SPD-Minister, offenbar gleichermaßen Zugeständnisse an den Koalitionspartner und die Menschen, die einmal das Volk sein wollten, stammen alle anderen Minister aus Niedersachsen oder Westfalen. Gar nicht zu reden von Staatssekretären und wer in Magdeburg sonst noch ohne Berechtigungsschein Posten blockiert. Nach Haseloffs Vorstellungen muss es die Hölle sein. Er ist zwar ihr Chef, also praktisch der erste christliche Höllenfürst, aber irgendein Historiker aus Bielefeld oder Stuttgart wird eines Tages bestimmt herausfinden, dass er trotzdem nicht der erste CDU-Ministerpräsidenten-Teufel ist.

Von Holger Witzel
 
 
Schnauze, Wessi!

stern-Reporter Holger Witzel, 43, schreibt über die ewigen deutsch-deutschen Missverständnisse. Seine satirischen Beiträge gibt es jetzt auch als Buch

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