Ein Bischöfin kriegt Ärger mit der Politik, weil sie den Afghanistan-Einsatz kritisiert. Tausalz wird knapp. Ganze Banken gehen in Volksbesitz über. Hatten wir das nicht alles schon mal? Von Holger Witzel

Auch wenn sich Autos aus Pappe notfalls allein anschieben ließen, war früher nicht alles besser.© Jens Wolf/DPA
Der Winter, so spottete der ostdeutsche Volksmund gern, zählte neben Frühling, Sommer und Herbst zu den größten Feinden des Sozialismus. Man hatte ja keine Vorstellung, wie anfällig auch selbstbewusstere Gesellschaftsordnungen für Schnee und Eis sind: Nach allerlei Katastrophen-Warnungen wird das aktuelle Wetter inzwischen zwar wieder als "normaler Winter" abmoderiert - aber der Müll trotzdem nur sporadisch abgeholt. Tausalz und Schlitten sind knapp. Züge stehen still. Mein schöner neuer Mercedes schafft es seit Wochen kaum noch aus der Parklücke...
Und trotzdem: Auch wenn sich Autos aus Pappe notfalls allein anschieben ließen, will ich - um Gottes Willen - nicht sagen, dass früher alles besser war. Viel schlimmer: Es war genau so. Dieser Winter, ist eine Schande für die Demokratie. Und das nicht nur wegen der Streugut-Mangelwirtschaft.
Da spricht eine Bischöfin aus, was die Mehrheit im Land über den Krieg in Afghanistan denkt und wird dafür heftiger angefeindet als Deutschland je von einem Taliban. Sie muss zum Rapport bei der Regierung antreten wie DDR-Kirchenführer in den 80er Jahren, wenn ein paar Pfarrer und Jugendliche auf ihren Kutten "Schwerter zu Pflugscharen" forderten. Wie damals wird Afghanistan gerade mal wieder mit Bomben der gesellschaftliche Fortschritt beigebracht. Wie damals redet man zu Hause lieber nicht offen von einem Krieg. Wie damals hat man einer befreundeten Supermacht bedingungslos zu folgen... Wie? Man kann das nicht vergleichen? Andere Zeiten, andere Prioritäten? Gut, ein paar Unterschiede gibt es schon: Zumindest offiziell hat die DDR in Afghanistan nicht aktiv mitgemacht. Fingerabzugsübungen wie vorher im Kosovo waren damals noch für alle Deutschen unvorstellbar. Und immerhin, auch das muss man zugeben, war der Einmarsch fremder Truppen in Afghanistan für den freien Westen 1980 noch Grund genug, die Olympischen Spiele zu boykottieren. Wäre natürlich schade für unsere Biathleten, so kurz vor Vancouver. Allein die Taliban, so scheint es, bleiben sich treu und sind immer noch die Alten.
Leider kann man sich seine Erinnerungen nicht aussuchen, aber wahrscheinlich leiden viele ehemalige SED-Untertanen häufig unter ähnlichen Déjà-vus. Unter den sprachlichen Verrenkungen, wenn einem "teilverstaatlichte" Bankenkrisen oder "kriegsähnliche" Befreiungskämpfe vermittelt werden sollen. Wenn Tote und andere Kollateralschäden eines Systems so lange geheim gehalten werden, bis es nicht mehr geht und die Verantwortlichen die Verantwortung allein dadurch übernehmen, dass sie die Verantwortung abgeben. Nicht etwa wegen ein paar zivilen Opfern mehr oder weniger, sondern ausdrücklich nur wegen "Informationspannen". Honecker, so wissen wir heute, wollte die kleinen schmutzigen Details auch nie so genau wissen oder sie gingen auf dem Weg nach oben vorauseilend verloren. Und wenn eine Clique aus Politikern und Regierungsbeamten schon allein darüber entscheiden will, was ihr Volk wissen darf und was nicht, warum sollte sie dann nicht genauso selbstverständlich entscheiden wollen, wer Chefredakteur im staatlichen Fernsehen ist?
Es ist nicht schön, diese Muster überall wieder zu entdecken, aber auch nicht so schlimm. Wer das schon kennt, zuckt nur die Schultern. Nicht frustriert - das wird im Westen gern verwechselt - nicht einmal mehr enttäuscht, allenfalls ein wenig gelangweilt: Warum soll eine Ministerin nicht am Besten wissen, was ihre Untertanen im Internet sehen dürfen? Was soll die Aufregung, nur weil arbeitslose Faulpelze härter bestraft werden sollen? Wenn schon nicht mehr das "Recht auf Arbeit" gilt wie im Arbeiter- und Bauernstaat, so verstehe ich die Vorschläge aus Hessen, dann doch wenigstens die Pflicht dazu. Am Besten steckt man Hartz-IV-Schmarotzer gleich wieder wegen "asozialer Lebensweise" in den Knast (§ 249 DDR Strafgesetz), statt sie ständig umzubenennen. So kommt statistische Arbeitslosigkeit gar nicht erst auf. Hilft auch gegen Obdachlose und andere Aufmüpfige. Alles schon gehabt.