Ein Volk. Ein Deich. Ein Sandsack.

22. Juni 2013, 08:00 Uhr

Die regelmäßige Flutung Ostdeutschlands dient nicht nur dem westdeutschen Musterhausküchenfachhandel – sondern auch der deutschen Einheit. Eine Katastrophe. Von Holger Witzel

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Flut als Kriegsersatz: Soldaten und Zivilisten stemmen sich Schulter an Schulter gegen den Feind.©

Noch weniger als Assi, Wessi oder andere verharmlosende Abkürzungen, kann ich das Wort Flut für Hochwasser leiden. Sobald Pegelstände die Nachrichten beherrschen, bekomme ich sofort Lippenherpes wie sonst nur Kurgäste in Bad Lippspringe. Hochwasser ist braun und stinkt, tobt sich meistens im Osten aus - und von Beruf Schaulustiger zu sein klingt sowieso in jedem Fall amüsanter als es ist. Vor allem aber sehe ich dabei jedes Mal auch meine Felle als innerdeutscher Hetzer davonschwimmen.

Westdeutsche THW-Kolonnen verstopfen dann wochenlang sächsische Straßen. Die Sandsackmenschenketten in Halle oder Magdeburg sorgen für die Illusion, dort hätten alle alle Hände voll zu tun. Die Hotels sind mit evakuierten Pflegefällen ausgebucht und westdeutsche Fotografen lassen sich durch Dörfer in Sachsen-Anhalt paddeln. Von mir – denn einer muss ja angeblich die ganze Zeit knipsen. Wegen der Spenden!

Berichterstattung funktioniert wie jeder Medienporno

Spätestens nach der dritten Jahrtausendflut und 14 Tagen Liveticker wird das auch langweilig. Natürlich nicht für die Leute, die es regelmäßig live in ihrem Wohnzimmer haben - das wäre noch zynischer. Allein die immer gleiche Dramaturgie der "Flut“-Berichterstattung funktioniert wie jeder Medienporno: Erst fiebern alle tagelang neuen Höchstständen entgegen, dann treten nacheinander auf: Opfer, Helfer, Gaffer, Plünderer. Sobald mehr als zwei Bundesländer betroffen sind, machen sich auch Politiker im Hubschrauber ein Bild. Kurz vor Niedersachsen ist in der Regel Schluss und am Ende wird zwischen Spendengala und Versicherungstipp auch mal kurz diskutiert, ob man bessere Deiche bräuchte, mehr Platz für die Flüsse und so weiter. Bis zum nächsten Mal.

Das Schlimmste an Hochwasser aber ist, dass man in der akuten Phase so lapidar nicht darüber reden darf. Dass es kollektive Gefühle entfesselt, die das Herz wärmen und unnütze Spott-Kolumnen nicht dulden. Dass man sich angesichts der plötzlichen Massendynamik nicht mal traut, genau darüber ein gewissen Unbehagen zu äußern: Zum Beispiel, ob es wohl bei schönem Wetter verboten sei, hilfsbereit zu sein? Wo denn bei so viel Solidarität der Ost-West-Konflikt bliebe? Und warum es in Hitzacker und Lauenburg immer sofort Entwarnung gibt, sobald ein Damm in Sachsen-Anhalt bricht und sich das Wasser östlich der Elbe ausbreitet?

Reporter klingen wie Kriegsberichterstatter

"Die Flut“ ist inzwischen eine Art Ersatz für Krieg und Hunger geworden. Offenbar brauchen das Menschen hin und wieder, um "Mensch“ zu sein, wie es sinngemäß in der letzten Hochwasser-Hymne hieß. Soldaten und Zivilisten, die sich Schulter an Schulter gegen den Feind stemmen. Reporter, die vom Frühstücksfernsehen bis zu den Spätnachrichten knöcheltief im Wasser stehen und wie Kriegsberichterstatter klingen, wenn sie "Kampf und Opferbereitschaft tausender Freiwilliger" preisen. "Bis zur Erschöpfung" werden Ortschaften "gehalten“ oder "aufgegeben“. Noch Jahre später schwärmen "Veteranen“ über die Kameradschaft an der Elbe 2002 –wie Opa von irgendeinem Kessel vor Moskau. Bei ihren Partys am Deich bekommen junge Leute eine Ahnung davon, wozu Nationen notfalls fähig sind: Ein Volk. Ein Deich. Ein Sandsack.

Weil Defätisten in solchen Situationen schnell mit Schaufeln erschlagen werden, möchte ich auch nicht abseits stehen: Schon 1997 habe ich mir an der Oder extra ein paar gelbe Gummistiefel gekauft, um Westdeutschen möglichst menschennah Spenden aus dem Kreuz zu leiern. Dass die nicht ganz dicht sind, habe ich zur großen Elbe-Flut 2002 gemerkt. Nun stapfe ich darin wieder durch ostdeutsche Überschwemmungsgebiete und sehe fassungslos die Katastrophe hinter der Katastrophe: Selbst an ihrem Wochenende entrümpeln Helfer aus Hannover einer Oma in Sachsen-Anhalt das Häuschen. Freiwillige Feuerwehren aus ganz Westdeutschland pumpen immer noch sächsische Keller leer. Viele spenden ihren eigenen Sperrmüll oder Geld. Richtige Patenschaften sind da 2002 entstanden und jetzt wieder aktiv. Es ist beschämend: Wenn alle Dämme brechen, spielen Ost und West tatsächlich kaum noch eine Rolle - außer vielleicht bei der Frage, warum es in Bayern 1500 Euro Soforthilfe gab und in Sachsen nur 400 pro Person.

"Von mir aus könnt ihr in den Fluten ersaufen“

Aber wir wollen nicht kleinlich sein: Die Bedürfnisse sind eben immer noch verschieden. Und damit der Osten nicht wieder jahrelang dankbar sein muss, habe ich vorsichtshalber auch 20 Euro an Bekannte in Bayern überwiesen, ehemaligen Sachsen zwar, aber es ist ja nur eine Geste. Immerhin gaben die Laubendächer in Deggendorf auch ein paar dramatische Luftbilder für die schaulustige Presse her. Und so folgt das Hochwasser sogar dem Naturgesetz des Westens: Des einen Not ist des anderen Brot, die überschwemmten Gebiete in Sachsen-Anhalt nur Polder für die hübschen Landlust-Häuser südlich von Hamburg. Und da reden wir noch nicht von westdeutschen Baumarktketten, die mit 20 Prozent Rabatt für "Flutopfer“ immer noch 20 Prozent mehr Gewinn machen. Von Flutgewinnern wie de Maizière, der nur ein paar tausend Mann schickt, bis niemand mehr nach unbemannten Drohnen fragt. Auf der anderen Seite: Was wäre das westdeutsche Wirtschaftswunder ohne Weltkrieg gewesen? Der Aufschwung Ost ohne Mauer? Wo wären wir ohne solche Katastrophen? Womöglich ein Volk?

Zum Glück erliegen nicht alle dieser Solidaritätsduselei. Schon jetzt sollen die Schäden größer als 2002 sein, aber die Spenden weniger. Ganz Mutige sagen sogar, was sie wirklich von diesem "widerwärtigen Ossi-Pack“ halten: "Von mir aus könnt ihr in den Fluten ersaufen." In dieser aufgeheizten Stimmung zieht das natürlich sofort einen gesamtdeutschen Shitstorm nach sich, eine Flut Scheiße gewissermaßen. Aber egal, ob Frau S. aus M. das selbst bei Facebook postete oder "gehackt wurde“, wie sie beteuert: So viel innerdeutschen Hass – und ich weiß, wovon ich rede – muss man erst mal in so wenigen Zeilen unterbringen. Noch dazu in Hochwasserzeiten. Westdeutsche sind einfach in jeder Disziplin unschlagbar. Respekt - und Dank auch dafür!

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Schnauze, Wessi!

stern-Reporter Holger Witzel, 46, liegt die deutsch-deutsche Völkerverständigung am Herzen. Der jüngste Sammelband seiner Kolumnen heißt "Gib Wessis eine Chance"

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