Fälscher, Blender, Schwindel-Westler

1. November 2012, 15:16 Uhr

Hochstapelei scheint keine ostdeutsche Neigung zu sein. Oder fällt Karriere-Schummelei bei ihnen nur nicht auf, weil ohnehin niemand wichtige Posten bekleidet? Eine Evaluierung Von Holger Witzel

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Gebt Westdeutschen eine Chance: Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU)©

Na endlich, dachte ich vor ein paar Wochen, als auch mal ein "Leipziger Top-Chirurg" als "Schummel-Professor" entlarvt wurde, so zumindest die hiesigen Schlagzeilen. Der Mediziner soll sich Forschungsergebnisse für Fachartikel ausgedacht haben. Uni-Klinik und er, hieß es lapidar, hätten sich bereits "im gegenseitigen Einvernehmen" getrennt. Dann aber - wie schade - kam doch noch raus, dass der "Leipziger Top-Chirurg" gar keiner war, kein Leipziger jedenfalls: wieder nur ein liederlicher Professor aus dem Westen. Geboren in Saarbrücken, hatte er in Frankfurt am Main sein wissenschaftliches Handwerk gelernt und nach ersten, nun zweifelhaften Erfolgen in Mannheim, in Leipzig Karriere gemacht.

Wenige Tage später wurde ein – wie es in Nachrichten ähnlich vielversprechend hieß – "Brandenburger Ex-Minister" für Betrug, Steuerhinterziehung und falsche eidesstattliche Erklärungen verurteilt. Schon diese Straftaten legten leider nahe, dass der Jura-Professor vielleicht mal Minister war, aber eher kein originär Brandenburger. Und langsam muss man ja mal fragen, ob Ostdeutsche immer noch blöd genug sind, zum Beispiel Doktorarbeiten selbst zu schreiben - oder nur klug genug, sich nicht erwischen zu lassen? Sind sie tatsächlich ehrlicher oder landen sie - mit oder ohne Titel - nur seltener auf Posten, bei denen missgünstige Wortklauber genauer hinsehen?

Kein Abschreiber aus dem Osten

Mit Karl-Theodor zu Guttenberg fing die Hatz an. Dann gab die Tochter von Edmund Stoiber der Schummel-Plattform Vroniplag ihren Namen und den Doktortitel ab. Reihenweise folgten Politiker aus Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hamburg - und blieben meist auch ohne Titel auf Posten und Mandaten kleben. Die bei DDR-Dissertationen obligatorische Arbeit zum Marxismus-Leninismus von Frau Dr. Merkel aus Hamburg gilt seit ihrer Machtübernahme als verschollen. Nun haben Plagiatjäger erneut die Bundesforschungsministerin auf dem Schirm, ausgerechnet mit einer Arbeit über "Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernisse heutiger Gewissensbildung". Und wo kommt sie her?

Ihr ehemaliger Minister-Kollege in Sachsen - selbstredend auch kein Sachse, so viel Korrektheit muss sein - wurde gar von seinem Doktorvater in aller Öffentlichkeit "Scharlatan" genannt. Mir persönlich macht es zwar Freude, wenn ein ehemaliger Westprofessor über seinen West-Doktoranden klagt, der hätte "Sprengsätze in den Ellenbogen". Aber müssen die das unbedingt an der Uni Dresden austragen? Dort beließ man es peinlich berührt bei einer scharfen Rüge. Immerhin gehörte die Uni zum Einflussbereich des Kultusministers, bis der wenig später wegen drohenden Lehremangels im Pisa-Musterland zurücktrat. Wieso aber - und damit wieder zum Kern dieser lediglich populärwissenschaftlichen, von mir aus auch populistischen Hypothese - stammt kein verdächtiger Abschreiber aus dem Osten, selbst wenn man sie dort Scharlatan oder Minister nennt?

Scheinwelt im Westen

Richtig übel wird es, wenn sie neben Unvermögen oder Faulheit auch noch über ihre wahre Herkunft hinwegtäuschen. So ist stets von einer "Potsdamer" Honorarprofessorin die Rede, obwohl die ihren Doktortitel wegen "bewusster Irreführung" in Bonn zurückgeben soll. In Halle an der Saale wiederum klagt der Rektor über den ersten und einzigen Fall in der Geschichte seiner Universität, nachdem man einem Amtsleiter der Nachbarstadt Leipzig den Doktortitel entziehen musste. Laut Promotionsausschuss habe er "grob" gegen Standards wissenschaftlichen Arbeitens verstoßen. Dass er über diese Standards "nicht aufgeklärt wurde", wie er beteuert, hielt ihn nicht davon ab, selbst Abschlussarbeiten von Studenten zu betreuen. Nun wehrt er sich vor Gericht gegen die Aberkennung des Titels und die westdeutsch besetzte Uni-Leitung in Halle warnt eindringlich, alle Doktoranden "unter Generalverdacht" zu stellen. Vielleicht würde es ja in Zukunft schon reichen, die Herkunft der Anwärter und ihrer Doktorväter zu prüfen - oder einfach nur alle Westdeutschen unter Generalverdacht zu stellen?

Mehr als weniger zufällig stammt natürlich auch der Leipziger Jugendamtsleiter nicht aus den jugendlichen Bundesländern. Seine Dissertation handelt von irgendeinem Sanierungsgebiet in Ludwigshafen – also ganz in der Nähe von Mannheim, wo es schon der "Leipziger Top-Chirurg" nicht so genau nahm. Nur was treibt Westdeutsche dazu, sich etwas mehr Glanz vor dem Namen zu erschleichen? Warum muss sich jemand gelichzeitig wichtig und dermaßen lächerlich machen?

Vermutlich ist es nicht nur Eitelkeit, sondern auch die Scheinwelt, in der sie aufwuchsen. "Blender", heißt ein Sachbuch-Bestseller im Westen, der laut Verlags-Werbung "Luftpumpen und Schlipswichser" entlarvt, aber in ähnlich verständlichen Worten auch erklärt, "warum immer die Falschen Karriere machen". Ein Tiroler Skilehrer hat es geschrieben, was schon mal vorurteilsfrei für dieses Standardwerk spricht. Vielleicht eignet es sich in westdeutschen Schulen sogar zur Pflichtlektüre? Platz im Lehrplan müsste ja bald sein, seit sogar in der "Blechtrommel" Sätze auftauchten, von denen heute niemand sagen klar kann, wer sich im wilden Nachkriegs-Westen von wem inspirieren ließ. In der Schule fängt es jedenfalls an.

In der Schule fängt es an

Während unsere Kinder Jahr für Jahr mit Fleiß und noch mehr Glück um die Versetzung kämpfen, höre ich von westdeutschen Eltern immer öfter seltsame Begriffe wie "Nachteilsausgleich". Im Zweifel lassen sie ihre Kinder einfach von Zensuren in Mathe und Deutsch befreien. Manche können in der neunten Klasse noch nicht richtig lesen. Für irgendein Wald- und Wiesendorf-Abitur reicht es am Ende trotzdem immer. Ist das ein Wunder, wenn sie von Eltern und Lehrern nichts anderes kennen?

In Hamburg wird schon jetzt jede zweite Stunde Mathe von Lehrern unterrichtet, die nie Mathematik studiert haben. Für die Grundrechenarten sollte das bei geistig normal entwickelten Erwachsenen und Kindern trotzdem reichen. Dennoch gehört Hamburg zu den westdeutschen Provinzen, die beim letzten bundesweiten Grundschülertest im Rechnen besonders schlecht abschnitten.

Gebt Westdeutschen eine Chance

Solange sie später nicht gerade in Leipzig Amtsleiter werden oder als "Top–Chirurg" an Ostdeutschen herumschnippeln wie an fremden Doktorarbeiten, sollen sie doch! In Bayern praktizieren Ärzte ohne Approbation oder sonstige Befähigung schon jetzt erfolgreich, bis die Polizei in Einzelfällen, etwa im oberpfälzischen Neutsraubling, öffentlich vor ihnen warnt. Warum soll dort nicht auch einer wie zu Guttenberg wieder politische Verantwortung übernehmen? Nur bitte keine Minister oder Bandscheibenoperationen in Magdeburg mehr, wo ein falscher Arzt mit besten Referenzen des Uniklinikums Gießen und Marburg offenbar eine einheimische Patientin auf dem Gewissen hat.

Wenn sie nicht mehr unbedingt über "Gewissensbildung" spricht, kann meinetwegen sogar die Bundesbildungsministerin Job und Doktortitel behalten. Auf so etwas wie Gewissen kommt es im Westen - im Gegensatz zu Bildung - wirklich nicht mehr an: Gebt Westdeutschen eine zweite Chance. Zur Not auch ohne Titel oder auf dem zweiten Bildungsweg.

"Die Titelsucht ist heute in Deutschland genau so groß und gefährlich wie sie im Mittelalter gewesen ist."
Kurt Tucholsky

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Schnauze, Wessi!

stern-Reporter Holger Witzel, 46, liegt die deutsch-deutsche Völkerverständigung am Herzen. Der jüngste Sammelband seiner Kolumnen heißt "Heul doch, Wessi"

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