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31. Juli 2011, 16:03 Uhr

Sprechen Sie westdeutsch?

Wenn Deutsche aneinander vorbeireden, brauchen sie nicht einmal Worte. Die Missverständnisse sitzen tiefer. Eine Coachingsitzung mit Buchautor Olaf Georg Klein.

 

© Picture-Alliance Autor und Coach: Olaf Georg Klein, Jahrgang 1955

Der Berliner Theologe, Philosoph und Kommunikations-Psychologe Olaf Georg Klein beobachtet die Verständigungsprobleme zwischen Ost und West seit 20 Jahren. In seinem Bestseller "Ihr könnt uns einfach nicht verstehen!" erklärte er viele Fallen und Irritationen und wird seitdem gern von West-Unternehmen engagiert, die mit Ost-Mitarbeitern besser klar kommen wollen - oder hier nur mehr verkaufen wollen. Nun bringt Klein mit Zeit als Lebenskunst den Besatzern auch noch die letzten Geheimnisse ostdeutscher Lebensart bei. Schon dafür musste ich ihn erstmal beschimpfen:

Sie Wessi-Versteher! Wieso müssen Sie denen alles verraten?!

Also ich würde mich eher als Moderator bezeichnen. Ich vermittele zwischen beiden Kommunikationskulturen.

Das ist doch auch schon ein typischer West-Begriff - Kommunikationskultur. Wir sind hier unter uns - Sie können Klartext reden.

Sie haben das Wort ja trotzdem verstanden. Es scheitert nicht an den Vokabeln.

Verstehe, sondern weil uns Westdeutsche nicht verstehen wollen…

Nein. Es liegt an verschiedenen Gesprächskulturen, hinter denen unterschiedliche Prägungen stecken. Engländer und Amerikaner zum Beispiel sprechen Englisch, haben aber jeweils andere Vorstellungen von Höflichkeit, Nähe oder Anerkennung und missverstehen sich daher oft.

Wir sollen uns also in Westdeutschland - nach nur 40 Jahren Trennung - behutsam wie im Ausland vorwärts tasten?

Ja. Ich würde die Frage sogar umdrehen: Wie konnten wir glauben, dass wir uns sofort verstehen würden? Deutschland war geteilt, in der BRD adaptierte man eher amerikanische Vorstellungen, etwa bei der Selbstdarstellung. In der DDR nahm man große Teile der - da sage ich es wieder - osteuropäischen Kommunikationskultur an. Das war kein bewusster Prozess, eher eine Abfärbung.

Vor allem war keiner auf den Clash dieser Kulturen vorbereitet. Wir wollten 1989 mit offenen Armen empfangen werden. Sie begrüßten uns mit Geld. Wessen Umarmung war eigentlich scheinheiliger?

Das ist mir zu wertend. Man merkte jedenfalls schnell, dass es unterschiedliche Kulturen gibt. Nehmen wir das Beispiel Freundschaft: In Amerika ist jeder dein Freund, schon nach zwei Minuten. Westdeutsche nennen Geschäftsfreunde und gute Bekannte so. Wenn ich aber im Osten jemanden als Freund bezeichne, habe ich mit ihm schon einiges durchgestanden. Das sind schlicht andere Gewichtungen - ganz wertfrei.

Anfangs hieß es immer, diese Probleme wären nach fünf Jahren verschwunden, dann hieß es zehn, inzwischen sind 20 Jahre um. Ich für meinen Teil habe mich damit abgefunden und sage lieber öfter mal Schnauze. Wie lange ist das noch nötig?

Es hängt eben von jedem Einzelnen ab, ob er das eher als Problem oder als Chance sieht. Aber dass es sich in den nächsten zwei, drei Generationen auflöst, glaube ich auch kaum.

Mir reichen zwei Minuten und ich weiß, wo jemand herkommt, vom Dialekt einmal abgesehen. Können Sie das auch?

Bei einem intensiven Gespräch schon. Bei Smalltalk vielleicht nicht immer. Aber interessant ist, dass es auch ohne Worte zu spüren ist. Bei meinen Seminaren treffen sich die Leute nach der Anreise zum ersten Kaffee und keiner weiß, wo der andere herkommt. Trotzdem stehen - nach ganz kurzer Zeit - immer die Westler und die Ostler unter sich.

Weil man es riecht - jetzt auch mal ganz wertfrei gefragt?

In gewisser Weise ja. Es ist ein Automatismus. Das zeigt, wie viel über Blickkontakt, Sprechgeschwindigkeit, Nähe und Distanz läuft, über Sympathie und Schwingungen. Im Seminar glaubt dann erstmal keiner, dass es irgendwelche Ost-West-Kommunikationsprobleme gibt: "Ach wo, spielt doch keine Rolle mehr, das ist doch längst vorbei …" Wenn ich sie dann daran erinnere, mit wem sie zusammen gestanden haben, ist das gar keinem aufgefallen. Es passiert also spontan, unbemerkt.

In Ihrem Buch fällt auf, dass Sie trotz aller Unterschiede Wertungen über typisches Ost- und West-Verhalten vermeiden. Warum?

Unterschiedliche Kommunikationskulturen zeigen immer nur einen Ausschnitt an Realität und verdecken einen anderen. Von daher wäre es Unsinn zu sagen, das eine sei besser oder schlechter.

Leider sind es ja oft nur diffuse Gefühle, die Unbehagen auslösen. Man kann es gar nicht immer in Worte fassen, was einen an Westdeutschen so stört. Vermutlich ist es einfach die Tatsache, dass die sich darüber nicht mal Gedanken machen …

Das stimmt nicht. Sie sind genau so verunsichert, wenn sie viel mit Ostlern zu tun haben oder dort arbeiten. Aber es gehört wiederum zu ihrer Kommunikationskultur, sich das nicht anmerken zu lassen. Manchmal fällt es ihnen erst nach Jahren wie Schuppen von den Augen, warum sie damals Probleme hatten. Auch vielen Politikern sind die Wähler im Osten nach wie vor ein Rätsel.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Klein über die Kommunikationsprobleme von Mann und Frau zu sagen hat und was er von nützlichen Vorurteilen hält

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Schnauze, Wessi!

stern-Reporter Holger Witzel, 43, schreibt über die ewigen deutsch-deutschen Missverständnisse. Seine satirischen Beiträge gibt es jetzt auch als Buch

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