Wenn Deutsche aneinander vorbeireden, brauchen sie nicht einmal Worte. Die Missverständnisse sitzen tiefer. Eine Coachingsitzung mit Buchautor Olaf Georg Klein.
Der Berliner Theologe, Philosoph und Kommunikations-Psychologe Olaf Georg Klein beobachtet die Verständigungsprobleme zwischen Ost und West seit 20 Jahren. In seinem Bestseller "Ihr könnt uns einfach nicht verstehen!" erklärte er viele Fallen und Irritationen und wird seitdem gern von West-Unternehmen engagiert, die mit Ost-Mitarbeitern besser klar kommen wollen - oder hier nur mehr verkaufen wollen. Nun bringt Klein mit Zeit als Lebenskunst den Besatzern auch noch die letzten Geheimnisse ostdeutscher Lebensart bei. Schon dafür musste ich ihn erstmal beschimpfen:
Also ich würde mich eher als Moderator bezeichnen. Ich vermittele zwischen beiden Kommunikationskulturen.
Sie haben das Wort ja trotzdem verstanden. Es scheitert nicht an den Vokabeln.
Nein. Es liegt an verschiedenen Gesprächskulturen, hinter denen unterschiedliche Prägungen stecken. Engländer und Amerikaner zum Beispiel sprechen Englisch, haben aber jeweils andere Vorstellungen von Höflichkeit, Nähe oder Anerkennung und missverstehen sich daher oft.
Ja. Ich würde die Frage sogar umdrehen: Wie konnten wir glauben, dass wir uns sofort verstehen würden? Deutschland war geteilt, in der BRD adaptierte man eher amerikanische Vorstellungen, etwa bei der Selbstdarstellung. In der DDR nahm man große Teile der - da sage ich es wieder - osteuropäischen Kommunikationskultur an. Das war kein bewusster Prozess, eher eine Abfärbung.
Das ist mir zu wertend. Man merkte jedenfalls schnell, dass es unterschiedliche Kulturen gibt. Nehmen wir das Beispiel Freundschaft: In Amerika ist jeder dein Freund, schon nach zwei Minuten. Westdeutsche nennen Geschäftsfreunde und gute Bekannte so. Wenn ich aber im Osten jemanden als Freund bezeichne, habe ich mit ihm schon einiges durchgestanden. Das sind schlicht andere Gewichtungen - ganz wertfrei.
Es hängt eben von jedem Einzelnen ab, ob er das eher als Problem oder als Chance sieht. Aber dass es sich in den nächsten zwei, drei Generationen auflöst, glaube ich auch kaum.
Bei einem intensiven Gespräch schon. Bei Smalltalk vielleicht nicht immer. Aber interessant ist, dass es auch ohne Worte zu spüren ist. Bei meinen Seminaren treffen sich die Leute nach der Anreise zum ersten Kaffee und keiner weiß, wo der andere herkommt. Trotzdem stehen - nach ganz kurzer Zeit - immer die Westler und die Ostler unter sich.
In gewisser Weise ja. Es ist ein Automatismus. Das zeigt, wie viel über Blickkontakt, Sprechgeschwindigkeit, Nähe und Distanz läuft, über Sympathie und Schwingungen. Im Seminar glaubt dann erstmal keiner, dass es irgendwelche Ost-West-Kommunikationsprobleme gibt: "Ach wo, spielt doch keine Rolle mehr, das ist doch längst vorbei …" Wenn ich sie dann daran erinnere, mit wem sie zusammen gestanden haben, ist das gar keinem aufgefallen. Es passiert also spontan, unbemerkt.
Unterschiedliche Kommunikationskulturen zeigen immer nur einen Ausschnitt an Realität und verdecken einen anderen. Von daher wäre es Unsinn zu sagen, das eine sei besser oder schlechter.
Das stimmt nicht. Sie sind genau so verunsichert, wenn sie viel mit Ostlern zu tun haben oder dort arbeiten. Aber es gehört wiederum zu ihrer Kommunikationskultur, sich das nicht anmerken zu lassen. Manchmal fällt es ihnen erst nach Jahren wie Schuppen von den Augen, warum sie damals Probleme hatten. Auch vielen Politikern sind die Wähler im Osten nach wie vor ein Rätsel.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Klein über die Kommunikationsprobleme von Mann und Frau zu sagen hat und was er von nützlichen Vorurteilen hält