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Wählen Sie den Besserwisser des Jahres!

Fest der Liebe, Geschenke, besinnlicher Rückblick - all das verspricht auch die Wahl zum Besserwisser des Jahres. Etliche Bewerber rangeln um die begehrte "Braune Banane". Stimmen Sie ab!

Von Holger Witzel

  Um sie geht's: Unser Kolumnist verleiht dem Besserwisser des Jahres die "Braune Banane" 2012. Stimmen Sie auf Facebook ab.

Um sie geht's: Unser Kolumnist verleiht dem Besserwisser des Jahres die "Braune Banane" 2012. Stimmen Sie auf Facebook ab.

  • Holger Witzel

Es war wieder ein gutes Jahr für Klugscheißer und Besserwisser - und damit auch für diese Rubrik. Als kleines Dankeschön soll mit der "Braunen Banane" erstmals ein Preis für die schönste Vorlage zu "Schnauze, Wessi!" verliehen werden. Gestiftet hat sie mein vietnamesischer Gemüsehändler, der sie gerade wegwerfen wollte. Es ist ein weiches, fast schimmliges und im deutsch-deutschen Diskurs völlig überbewertetes Stück Obst. Bevor sie ganz zerläuft, muss nur noch der würdigste Preisträger gefunden werden.

Im Sog der flüssigen Demokratie - oder übersetzt man liquid besser mit flüchtig? - kann darüber auf der Facebook-Seite von "Schnauze, Wessi!" abgestimmt werden. Neben den bereits nominierten Kandidaten sind weitere Vorschläge (inklusive kurzer Begründung) willkommen. Aber bitte keine Eigenbewerbungen! Ein paar heiße Anwärter stelle ich hier schon mal vor. Auswahl und Reihenfolge sind - nur damit sich hinterher niemand über fehlende Frauen-, Ost-West- oder anderes Quoten-Blendwerk beschwert - natürlich rein willkürlich.

Höhler und Ruhrpott-Bürgermeister auf der Liste

Eine verdiente Preisträgerin wäre zum Beispiel die "Politikberaterin" Gertrud Höhler, auch wenn nie ganz klar wurde, wen sie mal beraten hat. Im Sommer erregte sie dennoch etwas Aufsehen mit ihrem Buch "Die Patin". Es handelt von Angela Merkel, für die Autorin eine "Fremde aus Anderland", die ihre Partei und das ganze Land heimlich stalinistisch umgestalte. Die These vom Ende der Demokratie - oder was der Westen lange dafür hielt - war vielleicht ganz interessant, aber der Zusammenhang mit Merkels Ost-Sozialisation - wenn nicht banal, so doch wenigstens Banane.

In eine ähnlich ausgewetzte Kerbe schlugen im Frühjahr ein paar verarmte Ruhrpott-Bürgermeister, die wider besseres Wissen die Abschaffung des "Ost-Soli" forderten. Vor allem Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) tat sich mit jämmerlichen Zitaten von einem "perversen System" hervor, nachdem sich westdeutsche Städte für den Aufbau Ost hoch verschulden müssten. In Wahrheit stammen diese Schulden bereits aus den achtziger Jahren. Dafür aber wurden in der Ost-West-Neiddebatte wieder mal Steuer-"Soli" und Solidarpakt schön vermischt, und Herr Sierau soll schon aus Mitleid eine Chance auf den - im Übrigen undotierten - Preis erhalten.

Pfeiffers preiswürdiges Lebenswerk

Eine vielversprechende Bewerbung lieferte auch der Schriftsteller Martin Mosebach ab, als er einen Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Erfolg im überwiegend gläubigen Westdeutschland zu Armut und Atheismus im Osten herstellte. Am besten gefiel der Vorjury folgendes Interview-Zitat: "Deutschland war immer ein geteiltes Land. Schon als es in die Geschichte eintrat, bestand es aus einem römisch beherrschten Teil und einem barbarisch gebliebenen Teil."

Immer mit im Rennen, wenn auch oft knapp vorbei, ist natürlich Professor Christian Pfeiffer. Der aus Funk und Fernsehen bekannte Kriminologe wurde zwar bereits #link;www.stern.de/politik/deutschland/kolumne-schnauze-wessi-das-pfeiffersche-drueben-fieber-1718111.html;mit einer eigenen Kolumne geehrt.# Ich persönlich würde mich trotzdem freuen, wenn mein westdeutscher Lieblings-Ost-Experte auch ein paar Stimmen erhielte - notfalls für sein Lebenswerk. Natürlich können Sie aber auch einfach pauschal "Mein Chef" oder "Mein zweitbesten Freund Ludger" ankreuzen, die dann - ähnlich wie die EU für den Frieden - mehr oder weniger anonym für alle Flachzangen aus dem Westen stehen, die Sie aus Angst um Ihren Job nicht namentlich anprangern wollen.

Erdbeer-Fanta der Gipfel des schlechten Geschmacks

Einen in jeder Beziehung preiswerten Zynismus lieferte auch der Schwabe Sven Morlok (FDP) - seit 2009 Wirtschaftsminister in Sachsen - für ein Interview mit der Sächsischen Zeitung ab: In der Diskussion um Mindestlöhne warnte er vor einer "De-Industrialisierung" des Ostens, als hätten das seinesgleichen nicht schon vor 20 Jahren erledigt. Zwar ist klar, was der Gastpolitiker fürchtet - nämlich Schaden für die Schattenwirtschaft aus Billiglohn-Sklaven in Sachsen. Aber wer das so offen sagt, hat - wenn nicht Dresche - mindestens eine Anerkennung für Dreistigkeit verdient. Hendrik Steckhan, Geschäftsführer von Coca Cola Deutschland, leistete sich eine ähnliche Geschmacklosigkeit: "Die Ostdeutschen mögen es süßer", zitiert ihn die angeblich überregionale Westzeitung "Die Welt". "Deswegen haben wir extra für den Osten eine Fanta mit Erdbeergeschmack entwickelt." Im Mutterland seiner Firma würde so ein pauschaler Spruch über Vorlieben ethnischer Minderheiten vermutlich als Rassismus angeprangert. Hierzulande ist allein die Vorstellung eklig. Aber vielleicht mag er ja - extra für Leute wie ihn entwickelt, überreif und angegoren - Bananen-Fanta?

Die üblichen Klüglinge

Willkommener Anlass für etliche Wortmeldungen der üblichen Klüglinge war natürlich auch die Terrorzelle "NSU" und die Ermittlungs-Skandale dazu. Stellvertretend für alle hauptamtlichen Versager - wie es der Zufall will ausnahmslos Westler - wäre sicher der ehemaliger Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes ein ehrenvoller Preisträger. Den Vernehmungen Helmut Roewers vor diversen Untersuchungssauschüssen verdanken wir nicht nur haarsträubende Einblicke in die Postenvergabe nach 1990, als die einzigen Voraussetzungen offenbar Westherkunft und Trinkfestigkeit waren: "Wenn Sie es genau wissen wollen", zitierte ihn dazu die #link;www.faz.net/aktuell/thueringer-untersuchungsausschuss-wenn-sie-es-genau-wissen-wollen-ich-war-betrunken-11815998.html;"Frankfurter Allgemeine Zeitung"# über den Moment seiner Ernennung: "Ich war betrunken." In seinen Tagebuchaufzeichnungen beschreibt er außerdem detailliert, warum es in Ostdeutschland, "das sich von den westlichen Lebenswirklichkeiten diametral unterschied", so schwer war, ein paar Neonazis im Auge zu behalten: Einmal war er zum Beispiel bei einem "Mexikaner, den man angeblich gesehen haben muss. Jedenfalls vertrug ich das Essen dort nicht."

Eine sonst geschätzte Kollegin von der "Süddeutschen Zeitung" empfahl sich zum gleichen Thema mit einem Kommentar. Unter der Überschrift #link;www.sueddeutsche.de/politik/ursachensuche-nach-den-neonazi-morden-gift-der-diktatur-1.1196986;"Das Gift der Diktatur"# war es für Constanze von Bullion "kein Zufall, dass die braune Mörderbande aus Jena stammt und nicht aus Detmold." Die Autorin fragte sich außerdem, ob da eine Generation Rache an den sozialistischen Eltern genommen habe - und antwortet auch selbst: "Zugegeben, genau weiß man es nicht..." Umso genauer kennt sie die Verhältnisse im Osten: "Familie, das war wichtig in der DDR, Zuflucht vor staatlicher Drangsal, noch öfter Hort ideologischer Schulung." Zumindest "im Rückblick" stößt sie "auf eine erstaunlich niedrige Betriebstemperatur bei der Aufzucht des Nachwuchses." Ich gebe das hier nur deshalb so ausführlich wieder, weil ich mich kaum für ihren klügsten Gedanken entscheiden kann. Auch schön: "Die Spurensuche führt zu Tugenden, die schon die erste deutsche Diktatur zusammenhielten: Überhöhung der Gemeinschaft, Einordnung in autoritäre Denkmuster..."

Jede Stimme zählt!

Und weil ich der "überhöhten Gemeinschaft" nicht vorgreifen möchte, darf ich noch einmal autoritär an die alten Tugenden erinnern: Jede Stimme zählt! Wer soll die "Braune Banane" 2012 bekommen? Unter den Wählern des späteren Siegers wird außerdem ein signiertes Exemplar von "Schnauze, Wessi!" verlost. Geben Sie - ausnahmsweise - mal den schlimmsten Besserwissern eine Chance!

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