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G8, G9 - geh heulen!

Viele westdeutsche Schüler müssen nun wieder länger zur Schule - und lernen trotzdem weniger als Altersgenossen im Osten. Sind sie zu blöd oder tun sie nur so? Eine Systemfrage.

Von Holger Witzel

  Die Rückkehr zu G9 wird den westlichen Bundesländern wenig nutzen, findet Holger Witzel

Die Rückkehr zu G9 wird den westlichen Bundesländern wenig nutzen, findet Holger Witzel

Es erschreckt mich selbst jedes Mal, aber ab und zu denke ich auch über einen Umzug nach Hamburg oder Köln nach. Selbstredend geht es dabei nicht um schöner Wohnen oder nettere Nachbarn, nicht mal um Geld oder die vielen Westdeutschen, die mir in Leipzig auf die Nerven gehen. Vielmehr hat es mit den Zeugnissen naher Verwandter zu tun, über die ich hier nur so viel verraten möchte: Im Westen wären Zensuren kein Thema an unserem Abendbrottisch.

Allein in Naturwissenschaften, so ergab der letzte große Schulleistungsvergleich, hängen westdeutsche Schüler ihren Altersgenossen im Osten zwei Schuljahre hinterher. In Mathe oder Deutsch sieht es laut IGLU, PISA und so weiter kaum besser aus. Alles in allem müsste jeder sächsische Grundschüler mit einem Umzug nach Hamburg eigentlich sofort die allgemeine Hochschulreife bescheinigt bekommen - ganz egal wie alt oder in welche Klasse er zuletzt ging. Es wäre zwar nur ein West-Abitur, aber geschenkt: Selbst damit sind – zumindest seit 1990 im Osten - erstaunliche Karrieren möglich.

Nicht geändert seit Sputnik-Schock

Sieht man sich Lehrpläne, Leistungsunterschiede und das Westfernsehen mal genauer an, ist es auch kein Wunder, dass sich die bildungsfernen Bundesländer seit Jahren gegen vergleichbare Schulabschlüsse sträuben. Nach aktuellen Erhebungen gilt in Nordrhein-Westfalen jeder siebte Erwachse als Analphabet. Nicht mal Bayern taugt noch als Legende für vergleichsweise gute Schulen, seit in Coburg herauskam, wie Schulleiter frei Hand Abiturnoten schönen. Seltsam ist nur, warum sich der Westen für dieses jämmerliche Niveau so verzweifelt an das 13. Schuljahr klammert? Könnte das, was sie G8 oder schaudernd „Turboabitur“ nennen, das Elend wirklich noch verschlimmern? Wird über die gleichen Defizite nicht schon seit dem #LINK;http://de.wikipedia.org/wiki/Sputnikschock;Sputnik-Schock# 1957 gejammert? Überhaupt wirken Bildungsdebatten im alten Westen viel ideologischer, wenn nicht idiotischer als in der alten DDR.

Mal sind die Ausländerkinder an allem schuld, mal reformpädagogische Menschenversuche wie "Schreiben nach Gehör". Außerdem grassiert den Fallzahlen zufolge offenbar insbesondere im Westen eine Seuche namens Mathe-Lese-Rechtschreibschwäche. Statt Noten gibt es dann ein Attest - und betroffene Kinder müssen auch nicht drei Jahre sitzen blieben, wenn ihre Eltern für einen Posten nach Thüringen umziehen. Passenderweise nennt sich das "Nachteilsausgleich". Am oft vermuteten Zusammenhang zwischen Armut und mangelnder Bildung kann es jedenfalls nicht liegen, denn ostdeutsche Kinder führen in beiden Disziplinen mit Abstand.

Förderschulniveau liegt nicht allein am Föderalismus

Der West-Berliner Hobbygenetiker Tilo Sarrazin würde das schulische Ost-West-Gefälle vielleicht mit ethnischen Erb-Defekten erklären. Schließlich schaffen die einen schon seit Generationen ein schwereres Abitur in kürzerer Zeit. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder rätselhafte Studien, nach denen Viert-Klässler in Nordrhein-Westfalen zwar kaum lesen können, aber später trotzdem zu 59 Prozent eine Hochschulzulassung bekommen.

Damit gehört das westlichste Bundesland immerhin in der zweifelhaften Qualitäts-Kategorie "Zertifikatsvergabe" zur bundesweiten Spitze und es ist sicher nur Zufall, dass die Autoren der Studie selbst in Dortmund und Münster studiert haben. Woher ihr Abitur stammt, liegt da zwar nahe, aber wird in den veröffentlichten Lebensläufen wohlweislich verschwiegen. Einer hat inzwischen einen Lehrstuhl in Jena ergattert. Und so kann man – “Gib Westdeutschen eine Chance!“ – sogar noch Bildungsforscher werden, wenn man nur eine Bildung in Nordrhein-Westfalen genossen hat. Stichwort: Inklusion!

Mein zweitbester bester Freund Ludger hat sich dort vor 30 Jahren ein Abitur aus Leistungskursen in Englisch und Sport zusammengepuzzelt. Religion war ihm zu viel Büffelei. In Mathematik, für den Westen an sich systemimmanent, schneidet er bis heute ähnlich ab wie seine Neffen beim PISA-Test. Offenbar muss niemand rechnen können, um in einem berechnenden Wertesystem zu bestehen - so wie das Förderschulniveau westdeutscher Gymnasien nicht allein am Föderalismus liegen kann.

Schulbuchverlage als Strippenzieher

Woran aber krankt dieses Bildungssystem wirklich, das gern für seine "Vielfalt" gepriesen beziehungsweise damit entschuldigt wird? Wenn schon die Kinder nichts davon haben – wem nützt es dann, wenn der Flickenteppich aus Lehrplänen und Sonderregeln weiter wuchert? Wo knallten die Sektkorken, als vor wenigen Tagen rauskam, dass mit Niedersachsen ein weiteres Bundesland zum Abitur nach 13 Jahren zurückkehrt? Wer lanciert vermutlich sogar die angeblichen Volksbegehren für eine entsprechende Wahlfreiheit in Hamburg und Bayern?

Die Antwort liegt zwar auf der Hand, aber weil es auch ein paar Leser mit Westabitur gibt, will ich es noch deutlicher machen: Wer profitiert am Ende davon, dass praktisch jede Schule machen kann, was sie will - und es pro Bundesland mindestens drei verschiedene Lehrbücher für Mathe, 8. Klasse geben muss - die mit höherem Niveau für sogenannte "Sprinterklassen" und in den Westen verschleppte Ost-Kinder noch nicht mal mitgerechnet? Richtig: Allein die westdeutschen Schulbuchverlage. Deren Lobbyisten haben das ewige Hin und Her aus Reförmchen und Mittelalter offenbar dermaßen geschickt eingefädelt, dass es nun sogar so aussieht, als knickten die Ministerien der veralteten Bundesländer bei der "G8"-Diskussion lediglich vor Eltern und Lehrern ein, die wieder jeden Nachmittag frei haben oder die Kosten für Nachhilfe sparen wollen.

Karriere nach dem "Peter-Prinzip"

Gewissermaßen aus Notwehr hat man im Westen über die Jahrzehnte wenigstens ausgeklügelte Methoden entwickelt, sich die notdürftige Bildung nicht anmerken zu lassen. Deshalb reden sie einfach lauter, wenn sie keine Ahnung haben, und tragen noch die dunkelste Funzel wie eine Fackel vor sich her. Das funktioniert, weil ihre Chefs - also leider auch unsere - selbst nicht heller leuchten, sondern nur blenden, während sich unsereins nie ohne Not oder gar verlinkt mit einer halbseidenen Google-Promotion schmücken würde. Und obwohl ich das "Peter-Prinzip" auch schon zu Ost-Zeiten gelesen habe, konnte ich doch erst 1990 verstehen, was es wirklich bedeutet, Inkompetenz in Karrierestufen zu messen.

Seitdem verblöden die Kinder leider auch an unseren Schulen. Oft werden nicht mal mehr Diktate geschrieben, weil westdeutsche Beamte in ostdeutschen Kultusministerien glauben, das hätte etwas mit Diktatur zu tun. Wenn Ostberliner Schüler heute an die Tafel müssen, geht es meist um eine warme Mahlzeit nach der Schule. Dafür können sie – im Gegensatz zu Kindern aus Düsseldorf – den Speiseplan lesen und auch schon den Wartenummer-Automaten im Hartz-IV-Amt bedienen. So gesehen bin ich nach einer ehrlichen Vier in Leipzig wieder recht entspannt. Nach Westmaßstäben ist das mindestens eine Zwei - und immer noch besser als 13 Jahre nichts zu lernen.

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