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Immer in der falschen Ecke

Nun gibt es "Schnauze Wessi" auch auf Papier - als Trost für vertriebene Landsleute oder Geschenk für den importierten Chef. Natürlich bei einem West-Verlag. Eine Prostitution.

Von Holger Witzel

  Die stern.de-Kolumne "Schnauzi Wessi" - jetzt auch als Buch!

Die stern.de-Kolumne "Schnauzi Wessi" - jetzt auch als Buch!

Selbstvermarktung ist für die meisten Ostdeutschen immer noch ungefähr so wie eine gemischte Sauna für Taliban oder Niederbayern: reizvoll, irgendwie, aber eigentlich unter aller Sau. Man nötigt mich - letztlich auch nur Lohnsklave eines Medienkonzerns - trotzdem dazu. Unter anderem habe ich darauf hinzuweisen, dass es nach neuen US-Gesetzen schwerkriminell ist, meine Texte hier einfach ausdrucken und mit einem Klammeraffen geheftet an Westdeutsche zu verkaufen - oder gar zu verschenken. Dass sie weiterhin kostenlos im Netz stehen, soll ich auch nicht "ohne Not" erwähnen. Diese Kapitalisten schlachten einfach alles aus: Mich, Sie; jedes sinnlose Semikolon. Und das kam so:

Die Leute vom Verlag wollten sich unbedingt im "Cafe Einstein - Unter den Linden" treffen. Dort lungern immer Politiker rum, prominente Journalisten und andere Arschmaden. Wahrscheinlich findet man das schick, wenn man mal aus Gütersloh rauskommt. In der DDR ging mir das ähnlich. Damals hieß der Laden noch "Cafe Kisch". Es gab nicht so viele Alternativen, dafür immer ein paar Punks und andere Müßiggänger zu sehen. Weil heute allerdings kaum noch anständigen Menschen dort verkehren, zweifelte ich erneut, ob ein West-Verlag so eine putzige Idee war, wie ich anfangs fand: Nur konsequent, ja subversiv.

Stinkefinger gefällt

Ausgerechnet in dieser Plapperbude wollten sie über "Schnauze Wessi" reden? Es konnte nur westfälische Ironie sein. Doch dann legten sie die ersten Entwürfe für den Buchtitel auf den Tisch. Ihr Favorit war ein Trabant, auch das Ampelmännchen hatte es ihnen angetan. Der Programmchef fand zwei nackte Männerhintern am Besten. So etwas hatte er schon mal im Urlaub auf Rügen gesehen. Sie meinten das ernst.

Nackte Ampelmänner - mehr fällt westdeutschen Kreativen also nicht ein, wenn ihr Köpfe 22 Jahre nach der ostdeutschen Eingemeindung rauchen. Ich schlug noch Broiler, Kathi Witt und den Sandmann vor. Sie nickten begeistert, aber fragten sich dann, ob das Sandmännchen überhaupt noch ostdeutsch genug sei? Auf dem Titel "bräuchte es" eindeutige Signale, erklärten sie mir - so wie man Indianer beschwichtigt, dass dieser Begriff zwar nicht schön ist, aber in Western trotzdem nie von Ureinwohnern die Rede sei. Verstehe, sagte ich, aber Ostern erscheint es?

Ihnen ging es um Symbole. Mir auch. Vor allem aber - und das ist ein schmales Brett - wollte ich nie ins falsche Regal, zu den launigen Ost-Koch-Büchern oder Pittiplatsch-Memoiren. DDR-Nostalgie ist nicht lustig, der Westen schon. So redeten wir noch eine Weile in über das Gleiche und meinten jeder etwas anderes. Am Ende ließen sie sich von den Lizenzgebühren abschrecken, die für ostdeutsche Sand- und Ampelmännchen an westdeutsche Agenturen zu zahlen gewesen wären - und ich schluckte den Boxhandschuh. Vielleicht ist das ja Signal genug für schlichte Gemüter im Westen, auch wenn sie nur an ostdeutsche Rummelboxer bei RTL oder ARD denken. Außerdem gefällt mir der Stinkefinger - und dass sie plötzlich fragen: "Warum denn so böse?"

Gallige Fakten

Ursprünglich war es nur ein Wutanfall im November 2009, der zu einer unregelmäßigen Kolumne ausartete. Manche fanden es lustig, andere nicht. Auf der Herkunft der anderen möchte im gauckschen Sinn der deutsch-deutschen Versöhnung nicht mehr herumreiten. Die meisten dort können nichts für ihr beschränkte Sicht: Wenn einer ihren Westen doof findet, so der Reflex, wünscht er sich automatisch die DDR zurück. Sie werden das nie ganz begreifen - wie auch, ohne Vergleich? Selbst einer meiner ohnehin schwindenden Freunde mit West-Biografie war beleidigt, als er sich in einem Halbsatz über Ost-Moped-Fahrer in Berlin wiedererkannt glaubte. Gern würde ich sagen, dass dies keine Absicht war, aber mir nichts auszudenken, war alles, was ich mir an Ehrgeiz für diese Pamphlete erlaubte. Außerdem habe ich noch zwei andere.

Gallige Fakten lassen sich nicht so leicht vom Tisch wischen wie lustige Halbwahrheiten. Deshalb gab es bisher auch keine nennenswerten Beschwerden, außer dass mich der 16-Prozent-Bürgemeister meiner Heimatstadt - dessen Heimatstadt eigentlich Siegen ist - wegen einer angeblich zu "einseitigen Perspektive" bei der Verlagsleitung anschwärzen ließ. Aber sonst - das muss man dem Westen wirklich zugestehen - halten die Menschen da einiges aus: So lange sich etwas verkauft oder geklickt wird, lassen sie sich sogar gern beschimpfen. Es mag keine menschliche Größe sein, eher eine berechenbar berechnende, aber egal: Selbst dafür, das tröstet die Beleidigten vielleicht, war die DDR zu klein.

Volksverständigung, nicht Pöbelei

Einmal war die Kolumne sogar für einen westdeutschen Journalisten-Preis nominiert, zwar in der Kategorie "Humor" statt "Dokumentation" - also wieder in der falschen Ecke -, aber plötzlich klopften mir West-Kollegen und Ost-Altlasten gleichzeitig auf die Schulter. Dafür schämte ich mich dann doch, für beides. Offenbar kann man in diesem doppelt meinungsfreien Land sogar mit je einem Bein in falschen Ecken stehen.

Nun erscheinen die Texte in einem Verlag, wo sonst nur Erz-Wessis wie Norbert Blüm, Joachim Fuchsberger oder Mehmet Gürcan Daimagüler veröffentlichen, und ich bin immer noch nicht sicher, ob das die richtige Ecke ist. Wenigstens verlegen sie auch Gesangbücher und vielleicht spendet auch dieses Büchlein ein wenig Freude: Dem importierten Chef zum Beispiel. Oder Verwandten, die in der Diaspora unter ihnen leiden.

Leider wertet der Verlag meine Beiträge zur Völkerverständigung gleich unterm dem Buchtitel wieder als "Pöbeleien" ab. "Hi hi", soll das wohl "signalisieren", nicht ganz ernst gemeint beziehungsweise ";-)". Im Verlagskatalog steht sogar "Ein Ossi schlägt zurück - und das ist auch gut so...", obwohl ich Wörter wie "Ossi" oder "Wessi" nach Möglichkeit vermeide, Gewalt und Vorurteile sowieso. Und was bitte soll diese "gut-so"-Anspielung auf irgendwelche Randgruppen? Gar nichts ist gut!

Wie bei der Domina

Viel zu dünn und klein ist es geworden. Gedruckt in Tschechien, auf "nachhaltigem" Papier, wie ein Zertifikat behauptet - trotzdem verlangen sie 14,99 Euro dafür. Das ist eine Unverschämtheit wie mein Anteil daran, wenn nicht sogar der Versuch, die gerade mit Gauck ruhig gestellten Menschen im Osten von neuer Aufwiegelei abzuschrecken. Ob man nicht wenigstens, bettelte ich bis zuletzt, hierzulande 30 Prozent Rabatt geben könne - so wie bei den Löhnen? Aber das geht angeblich nicht: Anders als bei Menschen kennt die Buchpreisbindung keine zweite Klasse.

So kann ich nur hoffen, dass die eigentlichen Adressaten ordentlich dafür blechen, sich beschimpfen zu lassen: Wie bei einer Domina sollen sie dafür nicht etwa Schmerzensgeld bekommen, sondern für alles bezahlen. Sind sie ja gewohnt aus dem Osten, werden sie denken. Aber das ist genauso ein Irrtum, wie sich die überraschend freundlichen - das kann man ruhig auch mal zugeben - Verlagsleute vielleicht einen anderen Selbstvermarktungs-Text zum Verkaufsstart ihres Buches vorgestellt haben. Es ist alles Prostitution, da muss man sich nichts vormachen. Am Ende landet jeder Cent wieder im Westen, ob über den VW Skoda, den tschechischen Billig-Drucker oder mein neues Sakko aus dem Winterschlussverkauf bei C&A. Und was soll man dazu anderes sagen als: Schnauze Wessi!

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