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Sex, Öko-Trabbis und Neonazis

DDR-Romane gewinnen regelmäßig Preise. Völlig zu Recht sind westdeutsche Autoren neidisch darauf - und probieren es selbst. Aber dürfen die das? Eine Buchmesse-Nachlese

Von Holger Witzel

Mal abgesehen davon, dass Frankfurt am Main nur ist, was es ist, weil Leipzig lange nicht konnte, wie es wollte; dass man sich mit Banken und Verlagen, Pelz und Messe - ja, sogar mit etlichen Menschen einfach nahm, was eigentlich hierher gehört; dass die Stadt mit ihren Türmen aus Geld und den ebenso dreckigen Puffs dazwischen dennoch die ehrlichste in Westdeutschland zu sein scheint – das also alles einmal beiseite, ist die größte Buchmesse der Welt immerhin auch die zweitschönste Deutschlands. Trotzdem feierte die sogenannte Branche nicht etwa in Leipzig, sondern alle Jahre wieder in Frankfurt den endgültig-endgültigen DDR-Roman. Und das ist auch schon die beste Nachricht für frustrierte Autoren im Westen: Dieses Jahr gab es weder "Zeiten des abnehmenden Lichts" noch einen "Turm".

Vorsicht ist ohnehin geboten, wenn der Westen jubelt, endlich erkläre mal einer, wie es damals roch, wo sich der bürgerliche Zoni verkroch -das richtige Leben im falschen, es gab es also doch… (Wieso fange ich eigentlich unwillkürlich an zu reimen, wenn ich an Tellkamps Mütze denke?) Ostdeutsche Leser reagieren oft verhaltener auf solche Bücher, weil sich jeder an eine andere DDR erinnert: Die meisten müssen nicht 1000 Seiten "Turm" lesen, um zu verstehen, warum sich dessen Autor länger als nötig zur Armee verpflichtete. Wären - im Nachhinein - nicht viele gern mutiger gewesen?

Aber solche Geschichten mag der Westen. Das erinnert ihn an den Umgang mit der eigenen Vergangenheit, an Eltern und Großeltern, die es sich auch unter den Nazis gemütlich gemacht hatten und erst nach 1945 langsam zu Widerstandskämpfern verwandelten. So etwas heilt Wunden und hilft am Ende auch beim Thema DDR die Deutungshoheit über die Deutungshoheit zu bewahren. Denn nichts fürchtet der Westdeutsche mehr, als etwas nicht zu verstehen – und selbst wenn nicht: trotzdem nicht mitreden zu können.

Wildern in fremden "Feuchtgebieten"

Unter ähnlichen Komplexen scheinen auch viele Schriftsteller zu leiden: Nicht nur, dass es für DDR-Stoffe regelmäßig Preise gab. Es sind auch diese herrlichen Konflikte aus Anpassung und Aufbegehren, die ihnen fehlen - wenigstens die vom Aufbegehren. Also streifen sie seit ein paar Jahren selbst durch die besetzten Länder und saugen vor fremden Türen Geschichten auf. Oder verlegen – noch schlimmer – ihre eigenen hierher.

Warum sonst lässt Uwe Timm in seiner Novelle "Freitisch" zwei alte Münchner ausgerechnet in Anklam über ihre Jugend jammern und dabei von Einheimischen mit Schlagsahne-Cappuccino quälen? Als wenn es im Westen nicht genug Ghettos gibt, weicht der Frankfurter Möchtegern-Türke Jakob Arjouni mit "Cherryman jagt Mr. White" in die ostdeutsche Plattenbau-Wüste aus, inklusive aller Schablonen vom perspektivlosen Neonazi bis zu Ampelmännchen auf dem Buchtitel. Die herrlichen Helden des Hamburger Wahlberliners Wolfgang Herrndorf ("Tschick") wären ohne Marzahn und Tagebau nicht unsympathischer gewesen. Simon Urban, geboren 1975 in Hagen/Westfalen, lässt für seinen "Plan D" gleich die ganze DDR überleben, natürlich – original originell! - voller Sex und Öko-Trabbis...

Die eigenen "Feuchtgebiete" reichen ihnen nicht mehr. Lieber lassen sich gelangweilte Medienyuppies im Selbstversuch von Brandenburger Kleinstädtern verprügeln ("Deutschboden") und finden es "überraschend unmuffig" dort. Andere schicken westdeutsche Gymnasiallehrer - statt wie gewohnt in den Toskana – zum "Urlaub mit Esel" in die Uckermark, wo sie Mörder, furzende Esel und sich selbst finden. Eine Hamburger Kollegin biedert sich seit Jahren mit dem seltsamen Buchtitel "Klar bin ich eine Ostfrau" an. Klar wünscht sie sich das. Aber nicht mal ich würde so was von mir behaupten!

Was fällt Westdeutschen ein, ständig im "Leben der anderen" zu wildern? Chinesen schreiben schließlich auch keine belgischen Heimatromane! Und damit Ahnungslose Ahnungslosen nicht weiter Bücher von Ahnungslosen empfehlen, darf ich an dieser Stelle mal meine persönlichen Lieblinge der deutsch-deutschen Vereinigungs-Literatur vorstellen. Sie sind nicht alle ganz neu, nicht mal alle von Ostdeutschen, aber zumindest vermitteln sie einen Eindruck vom Leben vor und nach der wiedervereinigten Ahnungslosigkeit:

Da ist erst mal alles von Jens Sparschuh, neben "Zimmerspringbrunnen" auch unbedingt "Eins zu eins". "Ostgezeter" nannte Thomas Rosenlöchner schon in den 90er Jahren seine feinsinnigen "Beiträge zur Schimpfkultur". Weil Selbstironie keine westdeutschen Stärken sind, hat man dort leider auch den großen Ingo Schulze immer nur für seine Sprache gemocht. Dafür reißt er ihnen jetzt "Unsere schönen neuen Kleider" vom Leib. Dieses Manifest ist viel klüger und weitsichtiger als "Schnauze Wessi" , meint aber im Wesentlichen das Gleiche.

Kein Wort mehr über Exil und Vertreibung

Wer wirklich wissen will, wie glücklich und unglücklich ein Leben in der Zone gleichzeitig sein konnte, kommt an Else Buschheuers "Masserberg" nicht vorbei. Nach ihrem Broiler-Brüller "Ruf!Mich!An!" ging dieser Roman beinahe unter, dabei erzählt er mit den kranken Augen eines 17-jährigen Mädchens auf jeder Seite mehr über DDR als 100 Seiten "Turm". Nur zwei Sätze gar braucht Martin Jankowski in "Rabet - Oder das Verschwinden einer Himmelsrichtung", um die Stimmung zu beschreiben, mit der Bausoldaten, Punks und andere unangepasste Leute – eben nicht zweifelnde Panzerkommandeure - das System ins Wanken brachten: "Wenn ich schon in einem Käfig leben musste, dann wollte ich das Bestmögliche daraus machen: Mich den Montagen entwinden, die in abgezählten Bündeln bei den zuständigen Stellen für mich bereitlagen."

Ebenso authentisch, wenn auch von einem Westdeutschen und schon deshalb sprachlich etwas krachender, kommt die Glücksritter-Klammotte "Wild, wild Ost" von Terry Kajuko daher. Dem erzählenden Gartenbau-Unternehmer geht es 1990 wie der ganzen alten Bundesrepublik: Die fetten Jahre sind vorbei, Aufträge knapp und sein schwäbisches Leben öde. Im Dresden erlebt er seinen privaten Aufschwung Ost aus Korruption und Größenwahn – zum Glück mit Happy End: Dem Absturz des Schwaben.

Dazu passen – in der Gegenrichtung – die Abenteuer von Sascha Langes Gärtnerlehrling, der 1989 ebenfalls glaubt: "Das wird mein Jahr". In Stuttgart bekommt er eine Ahnung davon, dass Freiheit mehr sein könnte als heimlicher Sex mit der Gattin eines Anwalts. Ein schönes Gleichnis für die verblühten Landschaftsträume hat auch Wolfgang Rüb in "Wohnquartett mit Querflöte" erfunden: Zwei ostdeutsche Chemiker erben eine alte Villa, um sie – alsbald arbeitslos – an ein Pärchen aus dem Westen verkaufen zu müssen. Danach fühlen sich alle vier im gleichen Haus, jeder auf seine Art im "eigenen", ebenso fremd wie zu Hause.

Ganz aktuell und einzigartig in der nüchternen Gewissheit, dass sowieso immer alles anders ist, haut Sibylle Berg gleich beide Systeme in den Sack: Dass "Vielen Dank für das Leben" nicht mal auf der Longlist des Deutschen Buchpreises auftauchte, ist der beste Beweis für ihre These: Zwischenwesen passen hier wie da nicht rein. Vielleicht hat aber auch nur irgendeine Quote mal wieder westdeutsche Nachkriegsverarbeitungsprosa verlangt? Egal. Nachahmern dort kann man nur empfehlen: Lasst es bitte! Schnauze! Kein Wort mehr über Exil und Vertreibung! Ihr werdet im Leben nicht mal so twittern wie Frau Berg ganze Romane schreibt. Nicht umsonst floh sie aus dem Osten zeitnah weiter ins Schweizer Asyl und fasst ihre Erfahrungen dazwischen auf ihrem Twitterprofil so zusammen: "Kaufe nix, ficken niemanden."

Holger Witzel

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