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Danke? Nein Danke!

Gern und immer wieder wird von Ostdeutschen etwas mehr Dankbarkeit verlangt. Nach genau 20 Jahren ist es vielleicht auch mal Zeit dafür. Also bitte: Danke. Aber, wofür eigentlich?

Von Holger Witzel

Undankbarkeit ist ein undankbarer Vorwurf. Was soll man dazu auch sagen? Wer Dankbarkeit verlangt, ist häufig ein knauseriger Geizhals. Er gibt nicht wirklich gern. Möchte wenigstens ein wenig Dankbarkeit dafür. Als Gegenleistung. Es ist also eher ein Geschäft. Aber wir wollen heute, nach genau 20 Jahren Undankbarkeit, nicht selber knauserig sein und deshalb möchte ich die Gelegenheit gern zum Anlass nehmen, um es – auch im Namen meiner Landsleute – endlich mal aus vollem Herzen zu sagen:

Danke.

Wir hätten das schon viel früher mal tun sollen. Man vergibt sich nichts dabei und er ist gar nicht so schwer, wenn man nur wüsste: Wofür?

Etwa für den entwürdigenden "Beitritt" zu einem "notdürftigen" Grundgesetz, das für diesen Fall eigentlich eine neue, gemeinsame Verfassung vorsah?

Dafür, dass bis dahin ein Teil Deutschlands den gemeinsam begonnenen Krieg allein ausbaden durfte? Oder etwa dafür, dass der Westen diesem Zustand am Ende mit Milliardenkrediten noch sinnlos lange und künstlich am Leben hielt, bevor er sich, was übrig war, einverleibte?

Gut, ich weiß schon: Immer, wenn Westdeutsche etwas aufregt, geht es am Ende um ihr Geld.

Sind also die so genannten Transferleistungen gemeint, die gern auf angeblich mehr als eine Billion Euro hochgerechnet werden und doch zum größten Teil sofort wieder zurückgeflossen sind?

Trauhandschnäppchen der westdeutschen Firmen

Müssen wir uns wirklich für die Milliarden-Subventionen bedanken, die westdeutsche Firmen zu den Trauhandschnäppchen dazu bekamen, aber vor Ort fast nie Früchte trugen – und selbst wenn, die bei dieser Summe nie abgezogen werden? Für die schönen neuen Autobahnen, mit denen die Autobahnbaufirma aus Stuttgart neben dem Osten vor allem sich selbst sanierte, genauso wie die reich beschenkten Stromriesen am Rhein?

Dafür, dass "Bundesregierung und Treuhandanstalt unerlässliche Aufsichtspflichten verletzt und parlamentarische Kontrollrechte in einem Ausmaß außer Kraft gesetzt haben, wie es keine demokratisch legitimierte Regierung in Deutschland nach 1846 gewagt hat", wie es die SPD als Fazit nach dem 2. Treuhanduntersuchungsausschuss 1994 formulierte?

Müssten nicht Ferrero oder Phillip Morris sich bedanken?

Für den unglaublichen Aufschwung durch die plötzliche Nachfrage nach gebrauchten oder neuen Autos, nach Videorekordern oder jede einzelne Zahnbürste, die den Zusammenbruch der westdeutschen Überproduktion noch ein paar Jahre hinaus zögerte? Für den eiskalt kalkulierten Umtauschkurs der Ost-Mark, der vor allem dazu diente, dass ein Absatzmarkt aus 17 Millionen neuen Verbrauchern von heute auf morgen selbst nichts mehr herstellen sollte? Steht auf dem Kassenzettel nicht üblicherweise: Wir bedanken uns für ihren Einkauf? Und jetzt sollen wir uns auch noch dafür bedanken, dass wir uns kaufen ließen?

Für jedes klebrige Glas Nutella, jede Zigarette, die der ostdeutsche Hartz-IV-Empfänger raucht, ja selbst seine Miete vom Amt, die in aller Regel direkt an seinen westdeutschen Hausbesitzer überwiesen wird, sollen w i r uns bedanken - nicht Ferrero, Phillip Morris oder der Hausbesitzer?

Vor Dankbarkeit weinen?

Für die "größte Demontage einer Industrienation in Friedenszeiten" wie der Münchner Volkswirt Hans-Werner Sinn die wirtschaftliche Abwicklung des Ostens Anfang der 90er Jahre nannte? Oder dafür, wie es der Ifo-Chef heute formuliert: Dass nämlich die Angleichung der Lebensverhältnisse an Westniveau bereits vor 14 Jahren de facto zum Erliegen gekommen sei und deshalb in Hoyerswerde niedrigere Hartz-IV-Sätze angemessen wären?

Für die zig Milliarden, die bei der Sanierung von ostdeutschen Häusern und ganzen Städten "transferiert" wurden, aber die in Form von Sonder – oder Denkmalschutzabschreibungen letztlich auch nur westdeutsches Vermögen vermehrt haben, weil kaum eine dieser Immobilien Einheimischen gehört?

Sollen wir angesichts der vielen neuen, aber seit Jahren leer stehenden Bürohäuser wirklich vor Dankbarkeit weinen oder eher wegen der unglaublichen Steuerverschwendung zugunsten gieriger Anleger, deren Sonder-Afa bis 50 Prozent auch niemand von dieser mysteriösen Billion abzieht und für die im Übrigen auch die drei oder vier letzten ostdeutschen Steuerzahler aufkommen, sofern sie nicht ohnehin im Westen Frondienste leisten oder vor lauter Dankbarkeit für ihre Leih- oder Billiglohnjobs gar keine Steuern zahlen, weil der Rest gerade so reicht, die Miete des – da ist er schon wieder - westdeutschen Hausbesitzers zu zahlen und das Nötigste in westdeutschen Supermarktketten einzukaufen?

Oder sind die sinnlosen Flughäfen, die überdimensionierte Kläranlagen und vielen Spaßbäder gemeint, die oft für das "versickerte Geld" beim Aufbau Ost herhalten müssen? Sollen wir uns also bei den Beratern, Beamten und Aufbauhelfern bedanken, die all diese Kläranlagen zu groß genehmigt und zu teuer gebaut haben oder vorher noch mal genauer nachfragen, woher die Planer und Baufirmen, die Notare und Anwälte, eigentlich jeder, der vor Ort an diesem Unsinn partizipiert hat, in Wirklichkeit stammten?

Sollen wir uns dafür bedanken, dass eine FDJlerin jetzt Bundeskanzlerin spielen darf? Dass ostdeutsche Soldaten seit kurzem den gleichen Sold bekommen wie westdeutsche Kameraden? Dass aber sonst im Osten auch nach 20 Jahre in fast allen Branchen länger gearbeitet aber weniger verdient wird? Dass Frauen im gesamtdeutschen Durchschnitt fast ein Viertel weniger verdienen als Männer, aber – schaut man sich diese Zahlen des Statistischen Bundesamtes mal genauer an – westdeutsche Frauen immer noch mehr bekommen als ostdeutsche Männer? Im Durchschnitt, wohlgemerkt, also obwohl es im Osten doppelt so viel Doppelverdiener-Paare gibt als im Westen, was die durchschnittlichen Einkünfte gegenüber den vielen Hausfrauen West eigentlich heben sollte.

Es tut mir leid, aber umso länger ich suche, desto schwerer fällt die erwartete Dankbarkeit. Das angebliche Fass ohne Boden läuft immer wieder im Westen über. Ist es das? Sollen wir uns dafür bedanken?

Im Westen wird auch nur geduckmäusert

Für den Etikettenschwindel mit dem Solidaritätszuschlag, der nie etwas mit Aufbau Ost oder gar irgend einem Solidarpakt zu tun hatte, sondern von Anfang an wie alle Steuereinnahmen dem allgemeinen Finanzbedarf des Bundes diente, unter anderem zur Finanzierung des Golfkrieges?

Für die rechtsextremen Anführer, die in Scharen rüber kamen oder eher für die ganzen Rechtsextremismusexperten, die ihnen folgten und sich mit ihnen wie Missionare im Dschungel um die Köpfe der Ureinwohner streiten, diese seltsame Symbiose aus arbeitslosen Soziologen und dümmlichen West-Faschisten?

Für die bittere Erkenntnis, dass im Westen auch nur überall geduckmäusert wird, wenn auch mit erhobener Nase? Dafür, dass in den ersten Jahren noch alles verteufelt wurde, was hierzulande Alltag war, aber nun auf Teufel komm raus nachgeahmt wird, Kinderkrippen für alle etwa oder brutale Knüppeleinsätze gegen demonstrierende Schüler wie in Stuttgart?

Habe ich was vergessen? Die vielen guten Tipps vielleicht, wie man richtig arbeitet, oder die Belehrungen, wie man sich in der DDR richtig verhalten hätte? Die Politiker, Wissenschaftler und Journalisten, die einem seit Jahren und in diesen Tagen wieder ohne jede Ahnung, aber dafür umso selbstbewusster erklären, wie es damals wirklich war, wie "unrecht" oder "kommod" sich die Diktatur anfühlte? Na schönen Dank auch.

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