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Das Robinson-Regime

Westdeutsche pflegen viele seltsame Bräuche. Neben Faschings-Exzessen und dem größten Massenbesäufnis der Welt gehören auch sogenannte Club-Reisen dazu. Eine Expedition.

Von Holger Witzel

  Späßchen am Pool eines Robinson-Clubs in Portugal

Späßchen am Pool eines Robinson-Clubs in Portugal

  • Holger Witzel

Ab und zu - wer will ihm das verübeln? - möchte auch der Westdeutsche mal ein anderer sein. Dann schmückt er sich mit fremden Zitaten, lässt in Lederhosen die Sau raus oder grölt mit einer Narrenkappe auf dem Kopf, was er sich sonst nicht traut. Je nach Region trinkt er dazu Bier aus viel zu kleinen oder zu großen Gläsern. Es darf geschunkelt werden und auch mal etwas derber zugehen, zotig gar oder politisch keck, sofern es sich halbwegs auf Gartenzwerg reimt. Vor allem aber geht es darum, möglichst schnell hackedicht zu sein, was hinterher als Entschuldigung für jede Art moralischer und ästhetischer Entgleisung gilt. Da nehmen sich Karnevals-Kanaillen und Oktoberfest-Vandalen wenig. Noch schlimmer - ich war also gewarnt - treiben sie es nur im Club-Urlaub, all inclusive.

Um nicht lange rumzueiern, wie es trotzdem dazu kam, lass ich das einfach weg. Vor meinen verbittert armen Nachbarn rechtfertigte ich die kurzfristige Buchung damit, dass Nordkorea für eine Woche zu weit sei. Mir selbst redete ich es als Bildungsreise schön. Für Hobby-Ethnologen aus den kultivierten Bundesländern können solche Veranstaltungen - wenn auch nicht immer eine Bereicherung - durchaus aufschlussreich sein. Zur Tarnung hatte ich sogar meine eigne Familie dabei. Und nun, wie peinlich - ja, obszön - kommen wir beinahe begeistert wieder heim.

So einen Club, liebe Landsleute in den besetzten Gebieten, müsst Ihr Euch vorstellen wie ein Pionierferienlager für die ganze Familie. Als Urlaub von Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und allem, was die vorgebliche Freiheit sonst noch so anstrengend macht. Im Grunde die Fortsetzung der DDR bei schönem Wetter. Niemand muss dafür nach Kuba fliegen oder die Zeit zurückdrehen: Eine Woche Robinson auf Fuerteventura reicht völlig.

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An Bord des Billig-Fliegers, zwischen lauter aufdringlichen Familien aus Düsseldorf, merkt man das nicht gleich. Sie scheinen eigentlich First Class gebucht zu haben, meckern über dies und jenes und als der Stewart eine Reihe vor uns zwei Kinder, die lediglich "Cola" verlangt haben, nach dem "Zauberwort" fragt, wissen die gar nicht, was er will: "Mit Eis?" raten sie. "Coca, Pepsi, keine Ahnung…" Ihr Papa hilft ihnen - und dem frechen Stewart - schließlich mit der Lösung auf die Sprünge: "Aber plötzlich!"

Erst am Band der Gepäckausgabe beginnt die Verwandlung. Auf einmal drängeln alle, als hätte Genscher eben vom Balkon der Prager Botschaft ihre Ausreise verkündet. Sie schleudern sich gegenseitig Hartschalenkoffer in die Weichteile, im Bus kommt es fast zu einer Schlägerei. Und als wir nach einer Stunde Fahrt durch die karge, kanarische Transit-Zone ein streng bewachtes Tor passieren, zucken auch wir unwillkürlich zusammen.

Dahinter wimmelt es vor Schergen in blauen Uniformen, die sofort mit der Gleichschaltung beginnen. Schon auf dem Weg zum Quartier grüßen uns mindestens zehn von ihnen derart überschwänglich, dass es Menschen mit Diktatur-Erfahrung wohlige Schauer über den Rücken treibt. Wie sie darauf achten, dass jeder zurück lächelt. Ihre perfide Ideologie nicht mal verbergen und das süße Gift bei denen wirkt, die hier schon länger interniert sind. Vom kollektiven Grinsen benebelt wanken sie zwischen Pool und Kantine hin und her - zufriedene Zonen-Zombies, ferngesteuert, alles nach Plan. Selten habe ich mich unter Westdeutschen so schnell zu Hause gefühlt.

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Bei einer Art Tanz-Appell führen die Funktionäre vor, was sie auch von uns erwarten, nämlich "aus sich raus zu gehen". Das - so ihre Hymne - sei "mehr, als die Welt zu sehen." Ganz ähnlich wurde einem schon früher erklärt, warum die Welt an der Ostsee endet. Zum Standard der klassischen Gehirnwäsche gehört natürlich auch, dass die Agitatoren allesamt "Robin" heißen, und die permanente Wiederholung von Sinnlos-Parolen, bis selbst "Wir sind so Robinson" kaum noch albern klingt. Als "Philosophie" gar wird die Nötigung verkauft, wildfremde Menschen zu duzen wie alte Genossen. Wer will danach noch der Indoktrinierung seiner Kinder widersprechen?

Von früh bis spät werden sie betreut und täglich mit Sprechchören auf Linie gebracht. Statt "Seid bereit" rufen die Pionierleiter in FDJ-blauen T-Shirts: "Maxis, Maxis, was wollt ihr?" Und zackig folgt das Echo: "Spaß und Action wollen wir!" Ihre Eltern stört das nicht, im Gegenteil: Erfahrene Club-Urlauber scheinen genau das zu lieben, was sie sonst gern überheblich verteufeln: Gruppenzwang und Gesinnungsterror, ein abgeschirmtes Leben hinter Zäunen. Wahrscheinlich wären die meisten Westdeutschen sogar die besseren DDR-Bürger gewesen.

Wie damals gibt es eigentlich immer genug zu essen. Am Buffet aber tun alle so, als könnte die Lebensmittelversorgung jederzeit zusammenbrechen. Schon deshalb traut sich keiner weiter vom Gelände als bis zum Strand. Wäre ja schade um jeden Cent, dieses wunderbare Umsonst-Gefühl beim Flatrate-Saufen. Wer weiß außerdem, was einen da draußen erwartet? Womöglich hungrige Afrikaner in löchrigen Booten? Die Angst, im Zweifel könnte es einem noch schlechter gehen, war für Diktaturen schon immer eine verlässliche Stütze. Gleich nach Brot und Spielen, zu denen sich die Eifrigsten schon im Morgengrauen in der Wellness-Oase versammeln.

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Auf wackligen Yoga-Beinen begrüßen sie die Sonne. Dabei herrscht eine verbissene Disziplin wie beim Frühsport der Nationalen Volksarmee. Überhaupt stehen Westdeutsche offenbar auch im Urlaub auf Wettbewerb und Show. Ständig werden Club-Meister ermittelt. Jeder Saunaaufguss gilt als Event. Der tägliche Höhepunkt aber ist der Auftritt einer dicken Plüsch-Robbe namens "Robby", der Mambo tanzt wie Achim Menzel. Selbst Väter können sich dem Personenkult nicht entziehen, singen "Uhlala" und tanzen mit der Videokamera im Arm selbstvergessen mit. Stundenlang könnte ich dem grotesken Treiben von der Bar aus zusehen, wenn mich nicht prompt ein Robin ermahnen würde, ob alles in Ordnung sei.

Mit mir?! - Ja, sagt er und fragt, ob ich vielleicht Lust auf lustige Poolspiele oder "Jekami" hätte. - Worauf? - "Auf Jekami - jeder kann mitmachen." Dunkel erinnere ich mich an eine Kindersendung im DDR-Fernsehen. "Mach mit, mach's nach, mach's besser!", hieß die und Adi der Animateur. Manches, denke ich, verdrängt man zu Recht. Dann wird mir schlecht.

Das immerhin lässt der Robin gelten. Zwar stehen - angeblich "auf Wunsch der Gäste" - überall Desinfektionsmittel rum. Tatsächlich aber wird der Keim wie ein Staatsgeheimnis gehütet, der etliche Urlauber ans Klo fesselt. Niemand soll sagen, dass er sich für mehrere tausend Euro Durchfall geholt hat. Und auch das gehört wohl zur Psychodynamik, mit der westdeutsche Experten sonst gern den Zusammenhalt in der DDR erklären: Nach ein paar Tagen wird höchstens noch hinter vorgehaltener Hand über solche Dinge geklagt. Dass man die Tennisbälle neuerdings kaufen müsse, dass Ameisenstraßen über Kopfkissen führen und früher überhaupt alles besser war. In der Not rückt man eben zusammen, leider auch an unserem Tisch. "Und wo kommt Ihr her?" Aus Leipzig. "Ach was! Schon lange?" Eigentlich - wir wollen nur ehrlich sein - von Anfang an. Da nicken sie anerkennend: "Ist ja mutig - gleich nach 1990? Also wirklich ..."

Es ist immer wieder ein Schock, wenn sie einen dermaßen hartnäckig für ihresgleichen halten. Andererseits - unsere eigene Schuld - natürlich auch schwer vermittelbar, dass Leute freiwillig unter Bedingungen Urlaub machen, unter denen sie früher so lange gelitten haben. Also feiern wir mit den letzten Überlebenden der westdeutschen Mittelschicht noch ein paar Tage Sozial-Fasching: Sie verkleiden sich als Tennis-Profis, wir gehen als Westdeutsche, nichts leichter als das. Man muss nur seine Teller so voll schaufeln wie sie, das Wort Konsum auf der zweiten Silbe betonen und darf nicht lachen, wenn sie beim "Indoor-Cycling" mal richtig aus sich rausgehen - auf einem Hometrainer 4000 Kilometer von zu Hause. Dies nur, falls wir mal wieder über alte Umweltsünden im Osten reden: Schnauze Wessi!

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