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Über die Ego-Terroristen vom Prenzlberg

In Berlin, Prenzlauer Berg, kleben sogenannte "Hass-Plakate", die doch eigentlich ganz vernüftig sind und sich nicht nur gegen Schwaben, sondern gleichberechtigt gegen Wessis aller Art richten. Besichtigung einer deutsch-deutschen Kampfzone.

Von Holger Witzel

  • Holger Witzel

Pünktlich zum Jahresende hängen wieder angebliche "Hass-Plakate" im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg. Sie kleben an Stromkästen und Mülltonnen, im Bötzowviertel und rund um die Winsstraße - überall dort, wo Touristen und Neu-Berliner den so genannten Kiez einmal für besonders kiezig hielten, bis sie unbedingt selbst dazu gehören wollten. "Wir sind ein Volk!", steht dieses Jahr auf den Plakaten. "Und ihr seid ein anderes." Unterschrieben sind sie mit: "Ostberlin, 9. November 2009."

Davon abgesehen, dass dies natürlich nicht nur für den Prenzlauer Berg, sondern für das gesamte Land gilt, handelt es sich doch weniger um "Hass" als um eine ziemlich harmlose Wortspielerei, eine Binsenweisheit eher nach 20 Jahren Clash der Kulturen. Es ist nicht so platt wie "Schwaben, verpisst euch!", was auf neuen Berliner Fassaden auch noch oft verlangt wird, oder etwa "Schnauze, Wessi!" Trotzdem weiß jeder sofort, was gemeint ist, wer das eine Volk ist und wer das andere. Die Botschaft kommt an, und das offenbar sogar bei denen, die das Leben der anderen nur aus dem Kino kennen.

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Noch schöner ist, dass es jedes Jahr mehr werden, die Plakate selbstverständlich. Sie sind größer und aufwendiger gemacht als die kopierten DIN-A-4-Zettel der vergangenen Jahre, auf denen anonyme Widerstandskämpfer ihren neuen Nachbarn eine gute Heimreise wünschten oder sich für die erholsamen Feiertage bedankten, wenn die Saab-Karawane im Stau zur Verwandtschaft steckte. Am schönsten aber sind die öffentlichen Reaktionen darauf, jedenfalls die veröffentlichten:

Ungewohnt vorsichtig rätselt die "Bild"-Zeitung über den "Plakat-Krieg", es sei noch "unklar, was es damit auf sich hat". Für "Hass-Plakate" entscheidet sich dagegen die alte West-Berliner "B.Z." und analysiert "einem neuen Höhepunkt des innerdeutschen Rassismus". Die Berliner Morgenpost verwechselt die Ursachen, wenn sie meint, "Plakate spalten Anwohner" - als wenn Papier die Schere schneiden könnte. In der "Berliner Zeitung", sonst eher rücksichtsvoll im Umgang mit ewig gestrigen Gefühlen und Mitarbeitern, wundert sich ein Autor "über die Hartnäckigkeit einiger Ost-Berliner" und verlangt "für die Verfasser ein sofortiges Einreiseverbot nach West-Berlin".

Man könnte jetzt mit hoher Treffsicherheit sagen, woher die einzelnen Journalisten stammen, zumal Medien ein beliebtes Tummelfeld für ahnungslose Experten aller möglichen Befindlichkeiten sind. Doch so einfach ist es nicht, immerhin belegen die Kollegen ihr Unverständnis mit Umfragen unter Betroffenen und Fachleuten. "Absurd" beziehungsweise "unsäglich" findet Bezirksbürgermeister Matthias Köhne die Plakate und glaubt: "Wir waren in dieser Hinsicht schon mal weiter." Zweifellos ein Irrtum, aber das sei einem Diplompolitologen aus Schleswig-Holstein nachgesehen, der erst seit 1994 in Ost-Berlin lebt. Auch der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann wundert sich in der "Berliner Zeitung" über das "provinzielle Bewusstsein". Immerhin wohnt er schon seit 1996 am Kollwitzplatz und in seinem Alltag, so der geborene Schwabe, wären Ost-West-Differenzen kein Thema mehr. Wahrscheinlich stimmt das sogar, denn man ist am Kollwitzplatz ja im Wesentlichen unter sich, aber in einem Punkt irrt auch der Professor: Er sei froh, sagt er, dass sich die Kampagne gegen Landsleute und nicht gegen Menschen aus noch fremderen Kulturen richte. Dabei richteten sich die Plakate genau dagegen, ausdrücklich sogar. Und fremder als nach solchen Aussagen kann man sich gar nicht werden.

So zieht sich das durch alle Berichte: "Die haben wohl die Zeit verpennt", echauffiert sich in der "Morgenpost" eine Bankangestellte, die von Köln in den Prenzlauer Berg zog. Philipp Strube, der 1980 aus Westdeutschland kam und nach einer Karriere als Sozialarbeiter in Kreuzberg nun unter anderen den beliebten Wochenmarkt am Kollwitzplatz betreibt, sagt: "Ost-West spielt heute keine Rolle mehr." Auch er mag Recht haben: Die Probleme, die sein Markt derzeit mit einigen klagenden Anwohnern aus dem eigenen Kulturkreis hat, haben damit sicher nur am Rand zu tun.

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Man kann leider nur spekulieren, warum in den Umfragen fast immer nur Anwohner zu Wort kommen, die das noch nicht all zu lange sind. Finden die Reporter doch mal einen Einheimischen, wollen die bei heiklen Ost-West-Fragen lieber namenlos bleiben. "Ich glaube, es handelt sich einfach um die Meinungsäußerung von Leuten, die hier keiner mehr versteht", zitiert die "Berliner Zeitung" immerhin "eine Frau, die schon lange vor der Wende in Prenzlauer Berg gelebt hat." Menschen, die im Westen aufgewachsen seien, sagt sie, könnten das nur nicht herauslesen. Jens-Holger Kirchner, der als Bezirksstadtrat für Öffentliche Ordnung auch für wild geklebte Plakate zuständig ist, kann seine Herkunft schon aufgrund seines Vornamens nicht leugnen und äußert sich in der Westberliner "Morgenpost" entsprechend vorsichtig: "Die Ost-Berliner haben so viele Veränderungen durchgemacht, die regen sich über den Wandel in den letzten fünf Jahren bestimmt nicht auf."

Jens-Holger legt damit einen ungeheuerlichen Verdacht nahe: Kleben die Fremden die fremdenfeindlichen Plakate womöglich selbst? Es würde ihnen ähnlich sehen: Ich selbst kenne Exemplare, die sich ungeniert beklagen, in den so genannten Szene-Vierteln sei nichts mehr so, wie es war, als sie sich dort breit machten. Eine Zeitlang haben sie noch versucht, sich mit alten Trainingsjacken der Nationalen Volksarmee zu tarnen und gleichzeitig damit verraten: Wer die tragen musste, aber das wissen sie eben nicht, würde das nie wieder freiwillig tun. Auch die verbreitete Vorliebe für alte Ost-Mopeds und anderen Quatsch aus dem Fachhandel für Nostalgie sind Indizien. Warum sollen sie also nicht auch zu denen gehören wollen, die Leute wie sich selbst nicht mögen? Solche narzisstischen Phänomene der Über-Identifikation mit Opfern kennt man auch aus der Trauma-Psychologie oder bei der Vergangenheitsbewältigung. Schaut man genau hin, stammen tatsächlich viele, die sich auch öffentlich für "Milieuschutz" in den Berliner Bezirken Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain einsetzen, gerade nicht aus diesen Milieus, sondern haben sie erst kopiert, dann okkupiert und schließlich zu Hause so lange angepriesen, bis sie ihre Zauberlehrlinge nicht mehr bremsen und die Mieten selbst nicht mehr bezahlen konnten.

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Wie ich die Plakate verstehe, geht es nicht um arm oder reich, gegen "gentrification" oder "gegen Schwaben", wie die Nachrichtenagentur dpa und andere vermuten, weil dieses ohnehin bedauernswerte Völkchen schon zu Mauerzeiten als peinlichste Berliner galten. Sie richten sich gleichberechtigt gegen Rheinländer, Hessen, Bayern und Westfalen, ja sogar gegen Ost-Westfalen. Es geht um zugezogene Ego-Terroristen und ihre ungezogenen ADS-Kinder. Um Parkplätze, Kindergartenplätze und widerliche Dinkelplätzchen. Um die letzten Omis, die nirgendwo ein Päckchen Kaffee bekommen, das nicht zu angeblich "fairen Preisen" gehandelt wird. Um asoziale Attitüden und ein alternatives Image, das sich einen Scheiß um die letzte alternative Kultur schert, die gerade geräumt, gekündigt oder von den neuen Wohnungseigentümern wegen zu lauter Gitarren verklagt wird. Nicht zuletzt geht es natürlich auch um meine Berliner Lieblings-Kneipe, für die ich hier aus guten Gründen keine Werbung machen kann. Immerhin bewahrt sie ihre räudige Identität nur noch mühsam mit einem Schild an der Tür, auf dem kategorisch "Kein Milchkaffee!" steht.

Ein kleines Manko haben die Plakate trotzdem - die Bekenner fehlen. Ich würde nämlich gern etwas spenden, mich für nächstes Jahr freiwillig an die Kleister-Front melden und ein paar mit nach Leipzig nehmen, wo es in manchen Gegenden auch überhand nimmt. So kann ich den unbekannten Untergrundkämpfern nur zurufen: "¡No pasarán!" Und allen anderen - wie immer - Schnauze!

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