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25. Oktober 2006, 16:13 Uhr

Die eilige Schrift

Die Hoffnung der Leser, bei den Memoiren von Ex-Kanzler Gerhard Schröder einen lüsternen Blick durchs Schlüsselloch zu werfen, wird nicht erfüllt. Auch sonst gibt's wenig Einblicke, denn die Zwiebel bleibt auf 544 Seiten ungehäutet. Eine Buchbesprechung. Von Andreas Hoidn-Borchers

Wegen der großen Nachfrage der Autobiografie von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder ist diese bereits ab Mittwoch, 25. Oktober 2006, im Handel© Roberto Pfeil/AP

Frühjahr 2002, die Umfragen für die SPD und ihren Kanzler sind im Keller, da reist Gerhard Schröder durch Südamerika. Mexiko, Brasilien, Argentinien. Es ist eine gefühlte Abschiedstour. Er will dabei auch ein bisschen Spaß haben. Im Gefolge fliegen auch seine ständigen Skatkumpel, der Malerfürst Markus Lüpertz und Stahlunternehmer Jürgen Großmann mit. Vor dem Abflug von Mexiko-City nach Sao Paolo ergänzt Großmann großzügig die Rotwein-Vorräte, Marke: französisch und sehr teuer. Dann sitzen die drei im Konferenzraum des Regierungs-Airbus, qualmen Zigarren, picheln, spielen Karten. Es folgt: ein nicht eingeplanter Tankstopp im nächtlichen Manaus. Der Generalkonsul erscheint aufgeregt, will dem hohen Überraschungsgast seine Aufwartung machen ­ und wird von diesem an der Flugzeugtür höflich, aber sehr bestimmt abgewiesen: "Sie stören leider beim Skat." Was für eine Geschichte, wow! Ganz, ganz großes Kino! So geht's zu, wenn Kanzler eine Reise tun. Da kann man was erzählen.

Saftige Episoden fehlen

Schade nur, dass die Leser der "Erinnerungen" des sich junggeblieben wähnenden Altkanzlers Schröder, 62, nicht in den Genuss solch saftiger Episoden kommen. Der Autor verweigert seinen Lesern ziemlich konsequent den lüsternen Blick durchs Schlüsselloch. Für den erklärten Nicht-68er ist das Private nicht politisch ­ es sei denn, es geht um Doris. Schröders vierte Ehefrau nimmt in seinem Buch einen deutlich breiteren Raum ein als die meisten Staatenlenker und jeder seiner Minister - vom "eloquenten Vollblutpolitiker" Joschka Fischer dem Größten, der "Übermenschliches leistete", mal abgesehen.

Doris Schröder-Köpf ist alles für Gerhard Schröder: Ruhepol, liebende Mama der Kinder, "wichtigste Verbindung zur Außenwelt", Schöpferin des Unwortes Agenda 2010 für Schröders späten Reformanlauf. Nur, "dass sie sich je in zu treffende Entscheidungen eingemischt hätte, ist eine Legende", schreibt Schröder. Auf Seite 181. Wär ja auch noch schöner, es reicht ja, dass es nach dem BSE-Skandal "ihre Idee" war, den Verbraucherschutz im Landwirtschaftsministerium "stärker zu verankern und die Prioritäten neu zu setzen", wie Schröder auf Seite 289 schreibt. Ja, so ist das Weib dem Manne gut: Hat Ideen, mischt sich aber nie nicht ein.

Vieles wirkt wie nacherzählt

Ansonsten gibt's wenig Einblicke, wie es wirklich so zugeht bei Regentens. Vieles wirkt wie aus dem Zeitungsarchiv nacherzählt, flach und seltsam undramatisch ­- als wäre der Erzähler unbeteiligt gewesen am Geschehen. Auch hier gilt: Schade eigentlich. So ist das Werk viel blutärmer ausgefallen, als die sieben aufregend-turbulenten rot-grünen Jahre es waren, über die der Altkanzler schreibt bzw. seinen Ex-Regierungssprecher Heye schreiben ließ.

Den politischen Raufbold lässt Schröder nur im Rahmen seiner Marketing-Interviews raus; im Buch verkneift er sich Bewertungen und Bemerkungen über seine Nachfolgerin wie über seine ehemaligen Gegner mit Ausnahme der Gewerkschafter Peters (IG Metall, Sozi) und Bsirske (Verdi, Grüne). Aber dass die ihm herzlich verhasst sind, ist nun auch kein Geheimnis.

Überraschende Ruheständlermilde

Aus fast allen Zeilen weht einen eine überraschende Ruheständlermilde an. Irgendwie waren sie doch fast alle schwer in Ordnung, mit denen er zu tun hatte. Der Frank und der Franz, der Vogel ("weder der Oberlehrer noch der Pedant, als der er beschrieben wird") und der Eppler ("seine intellektuelle Kraft und Sensibilität"), der Rau und der Trittin, die Ulla ("hat sich bisher bravorös geschlagen") und sogar die Heidi: "Ihre Kabinettsdisziplin ist untadelig. - Hut ab vor dieser Frau."

Doch es gibt nicht nur einige schöne Stilblüten ("Tuberkulose fraß seine Lunge. Er hatte wenig Freude auf diesem langen, holprigen letzten Weg."), sondern auch sonst etwas zu lachen in diesem Buch. Nur so am Rande: Woher stammt eigentlich die Wendung "Lügen wie gedruckt"?

Die Zwiebel bleibt ungehäutet

Jenseits der deutschen Grenzen schätzt er vor allem den Wladimir ("er braucht keinen Prunk, keine Prachtentfaltung"), aber auch den Jacques, "einen sehr liebenswürdigen Menschen", der immer noch in Hannover anruft und mit Doris und der kleinen Dascha plaudert. Sogar George ist gar kein so Übler, rein menschlich gesehen. Schröder mag nur seinen Regierungsstil 'Helm auf nach Gebet' nicht sonderlich, was man aber verstehen kann. Doch der Schriftsteller Schröder enthüllt und erhellt beim Erinnern wenig, was man nicht schon vom Kanzler Schröder über seinen Zwist mit dem US-Präsidenten gewusst hätte. Die Zwiebel bleibt ungehäutet. Oder die Zeit heilt offenbar doch so manche Wunde.

Sogar zu Ringelpietz-Rudi flossen ihm noch ein paar halbwegs nette Nebensätzchen aus der Feder: "Es hat mich Überwindung gekostet, mich von ihm zu trennen." Nur zu seiner Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, die ihm mit ihrem Hitler-Bush-Vergleich 2002 fast die Wiederwahl vermasselt hätte, ist ihm nun gar nichts Positives eingefallen. Sie straft er wie seine Kurzzeit-Verkehrsminister Bodewig und Klimmt mit Nichterwähnung. Seine linken Widersacher aus der Fraktion, Sigrid Skarpelis-Sperk alias Tripel-S oder Ottmar Schreiner, spielen die gleiche Rolle wie der König von Tonga: Sie kommen nicht vor. Jedenfalls nicht namentlich. Eine Rolle spielen sie nur als unbenannte Abgeordnete, "lautstarke Minderheiten in der Fraktion", die ihn letztlich in die Neuwahl und damit in den Altkanzlerstand getrieben haben.

Kein böses Wort über Lafontaine

Vielleicht hat er sich einfach ein bisschen zu wenig Mühe gemacht. Denn was aus diesen "Erinnerungen. Mein Leben in der Politik" ­- wobei er sich weitgehend auf seine Kanzler-Jahre beschränkt -­ hätte werden können, zeigen die sehr gelungenen Passagen über zwei Politiker, die an den eigenen Zweifeln und am fehlenden Mut gescheitert sind - Gebrechen, unter denen der Kollege Schröder in der Regel nicht litt. Man merkt Schröders (oder Heyes) psychologisierendem Sinnen über Edmund Stoiber und, vor allem, über "das Rätsel Oskar Lafontaine" an, dass daran heftig gefeilt wurde. "Bis heute halte ich an meiner Einschätzung fest, nie wieder einen so begabten politischen Menschen kennengelernt zu haben", heißt es über Lafontaine, aber er offenbare "eine unbewusste Scheu, Verantwortung zu übernehmen", die durch das Attentat auf ihn noch verstärkt worden sei. Anders kann Schröder sich nicht erklären, dass Oskar ihm die Kanzlerschaft überlassen habe: "Niemand hätte ihm 1998 eine Kandidatur streitig machen können. Und ich schon gar nicht." Und er verliert kein böses Wort über den Mann, der ihn durch seinen Rundumrücktritt 1999 in die erste große Krise seiner Amtszeit gestürzt hatte: "Es reicht, einen Mitstreiter verloren zu haben."

Die Intensität, das Überraschende dieses Kapitels vermisst man in vielen Teilen des hurtig hergestellten Buches. Natürlich, zu den Memoiren seines Vorgängers verhalten sich Schröders Einlassungen wie "Die Suche nach der verlorenen Zeit" zu den "Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull": Viel weniger Staub und Weihrauch, viel kürzer und -­ von einigen langatmigen außenpolitischen Exkursen, etwa über "die schwierige Zypern-Frage", abgesehen - für ein Politiker-Buch relativ geschmeidig geschrieben. Gemessen an Genschers gesammeltem Gähnen ist es sogar ein Quell der Lesefreude. Der Hilferuf eines von den ersten angelieferten Textproben entsetzten anonymen Lektors, im Frühsommer von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" kolportiert, scheint gefruchtet zu haben. Aber im Nachbessern war Schröder schon immer gut.

Einige Enthüllungsfetzen - gut versteckt

Man sollte sich auch vom Umfang der Eiligen Schrift nicht schrecken lassen. 544 Seiten, das klingt nach gewaltig viel Lesestoff. Davon aber sind nur zwei Drittel mit Schröderiaden bedruckt, und das recht schmal und luftig; man kommt da ziemlich fix durch. Das restliche Drittel besteht aus einer Zeitleiste, einem beeindruckenden Register vom 11. September bis Zypries, Brigitte, einer ganzen Latte Bilder von Gerd und dem Rest der Welt (Mama, Doris, George, Jacques, Wladimir) sowie einigen faksimilierten handschriftlichen Manuskriptseiten, an denen vor allem erstaunt, dass Schröder als Schriftsteller offenbar ein Mann des ersten Wurfes ist: Nirgendwo gibt es auch nur die geringste Korrektur. Hut ab vor diesem Mann!

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