Gerhard Schröders Firma Nordstream kommt mit ihrer geplanten Pipeline durch die Ostsee immer mehr unter Beschuss: In dem Antrag fehlten zentrale Informationen. Außerdem könne die Gasröhre zur Spionage genutzt werden. Nordstream dementiert die Vorwürfe. Von Hans-Martin Tillack

Ex-Kanzler Gerhard Schröder ist Vorsitzender des Aktionärsausschusses bei Nordstream© Arnd Wiegmann/Reuters
Vorn am Strand beugt der scharfe Westwind die Kiefern. Hinten dräuen die riesigen Blöcke des stillgelegten Greifswalder Atomkraftwerks. Im Auslaufkanal zur Ostsee ankern drei Boote der Bundespolizei. Schön ist der Lubminer Industriehafen nicht, aber gut bewacht.
Ziemlich genau vor dem zweistöckigen Polizeistützpunkt soll sie in zwei Jahren aus dem Meer auftauchen: Die 1220 Kilometer lange Pipeline durch die Ostsee, mit der der russische Staatskonzern Gazprom Erdgas nach Deutschland pumpen will. Den "Standort Gasübergabestelle Ostseepipeline" kündigt ein Schild heute schon an. Das Projekt ist im armen Vorpommern willkommen. Schließlich gehe es um einen guten Zweck: Der Versorgung Westeuropas mit Energie.
"Ich kann nicht finden, was daran schlecht sein soll," sagt jedenfalls Ex-Kanzler Gerhard Schröder, den Gazprom als Vorsitzenden des Aktionärsausschusses der Pipeline-Gesellschaft Nordstream nominiert hat.
Doch jetzt tauchen Fragen auf. Fragen, die auch für Schröder unangenehm werden können. Es wirkt, als verschleierte die Gazprom-Tochter Nordstream brisante Details des Projektes. Es geht um ein Glasfaserkabel entlang der Pipeline - ein Kabel, das laut Nordstream überhaupt nicht geplant ist, obwohl die Experten unisono sagen, dass es für die Pipelinekontrolle unverzichtbar ist. Und es geht um einen angeblich möglichen Missbrauch der Gasröhre für Spionagezwecke.
Weil die Antragsunterlagen "zentrale" Fragen etwa zur Umweltverträglichkeit der Pipeline offen ließen, hat sich der schwedische Umweltminister Andreas Carlgren sogar rundheraus geweigert, die Genemigungsprozedur fortzusetzen. Erst müsse Nordstream nachliefern.
Der Widerstand gegen die Gastrasse wächst ohnehin schon von Tag zu Tag. Erst sperrten die Esten ihre Gewässer, jetzt wehren sich auch die Finnen gegen den Pipelinebau vor ihrer Küste. Die meisten Schweden sind sowieso gegen das Vorhaben. Dabei hat die im Schweizer Steuerparadies Zug residierende Aktiengesellschaft Nordstream laut Selbstdarstellung nur die allerbesten Absichten. In Sachen "Transparenz" setze man "neue Massstäbe", versicherte ein Firmenmanager dieser Tage im EU-Parlament.
In Wahrheit hat die Offenheit bei der Schröder-Firma offenbar Grenzen. Stern.de liegt die "technische Beschreibung" der Pipeline vor, die Nordstream kurz vor Weihnachten bei den schwedischen Behörden einreichte. Dort finden sich merkwürdige Lücken - und die betreffen besonders das sensible Thema der Überwachungssysteme. "24 Stunden am Tag" werde die Röhre kontrolliert, verspricht Nordstream dort. Die "Überwachungsfunktionen und Absperranordnungen" seien "von hoher Qualität", versichert die Firma in den Antragsunterlagen. Doch Details der Überwachungstechnik verrät das Unternehmen in den Antragspapieren nicht - nur soviel: Alle Daten würden sowohl in Moskau wie in einem zentralen Kontrollraum zusammenfließen, der "vermutlich" am Nordstream-Sitz im schweizerischen Zug eingerichtet werde.
"Das ist ziemlich vage - oder sogar sehr", sagte ein schwedischer Ministerialbeamter zu stern.de.
Nordstream will nun "Detailfragen" mit den Behörden besprechen - aber von einem Kabel will die Firma nichts wissen. Normalerweise werden entlang von Pipelines stets Glasfaserkabel verlegt, die Informationen über Druck und Gasfluss blitzschnell an die Kontrollzentren weiter leiten. Doch Nordstream beteuert, ein Kabel sei "weder technisch notwendig noch geplant" - ja unter Wasser gar "nicht möglich", behauptet die Firmensprecherin Maud Amelie Hanitzsch.
Fachleute schütteln über solche Aussagen den Kopf. "Eine solche Leitung hat immer ein Begleitkabel", sagt der Hannoveraner Ingenieur Manfred Veenker. "Man braucht ein Glasfaserkabel, um Lecks zu lokalisieren", bestätigt Roberto Walder von der schweizer Firma Smartec.