Schüler sind verzweifelt, Väter und Mütter gehen auf die Barrikaden: Die verkürzte Schulzeit bis zum Abitur wird für Familien zur Qual. Der stern lud Doris Schröder-Köpf und TV-Moderator Reinhold Beckmann zum Elterngespräch. Beide berichten von Stress, Versagensängsten und dem täglichen Leiden an der Schule.

Engagierte Eltern: Doris Schröder-Köpf und Reinhold Beckmann im Klassenzimmer der 5b an der Sophienschule in Hannover© Volker Hinz
Schröder-Köpf: Jeden Tag.
Wie bei allen Eltern von schulpflichtigen
Kindern, die ich kenne. Meine
große Tochter Klara geht in die 11. Klasse.
Sie macht gerade ein Auslandsjahr. Und
dann ihr Abi. Die Kleine, Viktoria, wird
nach den großen Ferien eingeschult. Dann
geht der Schulstress für uns alle wieder von
vorn los.
Beckmann: Schule wird für Eltern und
Kinder immer häufiger zur Belastung.
Auch bei uns ist das bald jeden Tag ein
Thema. Unsere beiden stecken gerade mittendrin
im Schul- und Reformchaos. Mein
Sohn geht in die 8. und meine Tochter in
die 5. Klasse. Ständig erlebe ich, wie gewaltig
der Druck auf Kinder und Eltern ist.
Irgendwo habe ich gelesen, dass ein Kind
nur einen Wunsch zum Geburtstag hatte:
die Empfehlung fürs Gymnasium. Das gibt
zu denken!
Beckmann: Na ja, ich hab da nur einen wunden Punkt angesprochen und war mir der Wirkung überhaupt nicht bewusst. Aber viele Zuschauer haben uns daraufhin geschrieben: "Richtig so!"
Beckmann: Ich habe gar nichts gegen die
Verkürzung der Schulzeit um ein Jahr. Ich
hab etwas dagegen, wenn von oben was
verordnet wird und man sich offenbar
nicht gründlich überlegt, wie genau das
umgesetzt werden soll. Es ist nicht in Ordnung,
dass unsere Kinder zu Versuchskaninchen
werden.
Schröder-Köpf: In Bayern, wo ich herkomme,
würde man sagen: Das ist völlig
schlampert gemacht worden. Aber keiner
hat sich getraut, was zu sagen. Das ist wie
mit Läusen bei Kindern: Wenn es die eigenen
Kinder erwischt, ist es furchtbar peinlich.
Aber wenn einer es zugibt, dann sind
alle erleichtert und sagen: "Ach, bei euch auch!"
Beckmann: Diese Scham kennen wir Eltern
doch alle. Viele haben Angst, beim
Thema Schule das Gesicht zu verlieren. Es
fällt eben schwer zuzugeben: Mein Kind
kommt nicht mit, es braucht Hilfe. Die Erleichterung
ist dann groß, wenn die ersten
das Eis brechen und bekennen, Nachhilfe
in Anspruch zu nehmen. Sofort ist von vielen
Seiten zu hören: "Ja, das machen wir
auch schon seit einem halben Jahr."
Schröder-Köpf: Auch wir haben Mathe-
Nachhilfe für Klara organisiert. Ein
früherer Mathe-Lehrer hat's gebracht.
Beckmann: Der entscheidende Punkt ist,
dass die Eltern das nicht mehr allein als
persönliches Versagen, sondern die Problematik
vor allem auch in der Struktur
des aktuellen Bildungssystems sehen. Die
Kinder haben oft dreimal in der Woche bis
16 Uhr Schule. Das heißt, sie sind um 16.30
Uhr zu Hause. Dann beginnen die Hausaufgaben,
und es muss oft bis in den Abend
hinein gepaukt werden, um für die nächste
Klassenarbeit fit zu sein. Das war doch bei
uns früher etwas anders.
Schröder-Köpf: Stimmt. Bei mir haben
die Eltern gesagt: "Wenn du aufs Gymnasium
möchtest, dann musst du dich anstrengen."
Ich war die Erste, die aufs Gymnasium
ging, und musste halt schauen, wie ich
das hinkriege. Mein Mann hat natürlich
auch nie Druck gekriegt. Von wem auch?
Beckmann: Mein Vater hat einen kleinen
Futtermittelbetrieb auf dem Land. Da
stand Schule nie zur Debatte. Ich musste
und konnte das allein schaffen.
Schröder-Köpf: Sie und ich kommen
aus einfachen Verhältnissen und haben
trotzdem Abitur gemacht. Solche Bildungsaufstiege
gelingen heute immer seltener.
Das Gymnasium entwickelt sich schon länger
zu einer Eliteschule für Kinder von
Leuten, die finanziell bessergestellt sind.
Beckmann: Aber alleinerziehende Mütter
oder Väter haben ganz andere Probleme. Die kommen um 18 Uhr von der
Arbeit. Und dann sitzen sie bis 21 Uhr mit
dem Kind am Tisch und üben. Wenn das
Geld für Nachhilfe nicht vorhanden ist,
kann das Kind vielfach nicht am Gymnasium
bestehen. Bildung wird so zu einer elitären
Sache: Das hat nichts mit Chancengleichheit
zu tun.
Schröder-Köpf: Wir können es uns einfach
nicht leisten, so viele Kinder zurückzulassen.
Jeder soll seine Talente entfalten
dürfen. All das, was nach meinem Verständnis
eine Schule auch bieten sollte,
Sport, Musik, Theater, organisieren die Eltern,
die das Geld haben, privat. Jemand,
der Vollzeit berufstätig ist, kann das allein
zeitlich gar nicht schaffen.
Beckmann: Ich glaube, das müsste nicht
unbedingt alles in der Schule passieren.
Manche entwickeln ihre musischen und
sportlichen Talente besser außerhalb.
Schröder-Köpf: Da muss ich widersprechen.
Es müsste nicht außerhalb der
Schule sein, wenn die Kinder innerhalb
einer Ganztagsschule diese Möglichkeiten
hätten. In England, wo Klara zurzeit eine
Schule besucht, gibt es Schulmannschaften,
die von Tennis bis Rudern vieles anbieten.
Diese Schulmannschaften sind legendär.
Viele Talente lassen sich innerhalb der
Schule entwickeln: Für Theater, Fotografie
und Filmemachen kann man AGs anbieten.
Dies kann man auch den Kindern von
Leuten eröffnen, die keine Zeit oder kein
Geld haben, diese Hobbys außerhalb der
Schule zu ermöglichen.
Beckmann: Aber zurück zu G8. Wir haben
ein schlechtes Gewissen aufgrund der
Pisa-Studie. Fixiert auf das Ranking, denken
wir: Irgendwie müssen wir Spitzenreiter
werden. Typisch deutsch!
Schröder-Köpf: Es ging aber schon früher
los. Pisa hat vielleicht den letzten
Anstoß gegeben, aber die Schulzeitverkürzung
ist schon seit Jahrzehnten CDU-Programm.
Beckmann: Frau Schröder-Köpf, wir machen
hier keinen Wahlkampf … (lacht)
Schröder-Köpf: Ich sage es jetzt auch
nicht als Sozialdemokratin. Ich sage nur,
dass die Turbo-Schule schon ein altes Gedankengut
der Konservativen ist - Hauptsache,
die Wirtschaft kriegt junge und passend
gemachte Leute. Pisa hat den letzten
Kick gegeben, dafür gesorgt, dass die Barrieren
fallen. Es ist grundsätzlich eine
falsche Entscheidung, wenn die Lebenserwartung
immer höher steigt - in Deutschland
wird eine Frau heute statistisch fast
doppelt so alt wie vor 100 Jahren -, dann
die Zeit für Bildung zu kürzen. G8 ist ja
nur das eine. Der nächste Hammer ist
schon in der Diskussion: Die Kinder sollen
generell früher eingeschult werden. Das ist
völlig falsch. Man sollte auf das einzelne
Kind gucken: Wann ist ein Kind reif für die
Schule? Manche sind mit fünf reif, manche
mit sechs, manche mit sieben.
Beckmann: Das liegt an diesem neuen
Verwertbarkeitsgedanken, den wir mit
Bildung verwechseln. Junge Leute sollen
möglichst mit 23 das Studium abgeschlossen
haben und auf den Arbeitsmarkt. Für
Lebensbildung, soziale Intelligenz bleibt
da wenig Zeit.
Schröder-Köpf: Es darf in der Schule
nicht länger nur um materielle Werte gehen.
In der Bayerischen Verfassung steht
ein Satz, wie man ihn schöner und deutlicher
nicht formulieren könnte: Die Schulen
sollen nicht nur Wissen und Können
vermitteln, sondern auch "Herz und Charakter"
bilden. Zu den darin formulierten
obersten Bildungszielen gehört übrigens
die Aufgeschlossenheit für alles "Wahre,
Gute und Schöne". Mehr sollte man dazu
nicht sagen müssen.
Beckmann: Da bin ich als norddeutscher
Katholik dabei. Doch es hilft uns jetzt nicht
bei der Diskussion. Diese Turbo-Schule …
Schröder-Köpf: … ist Quatsch, so wie
sie jetzt organisiert ist.
Beckmann: Die Kinder leiden. Es ist einfach
absurd: Wir stellen als Erwachsene
fest, dass wir in dieser veränderten Welt in
einer Geschwindigkeit leben und arbeiten,
der wir nicht gewachsen sind. Was machen
wir? Wir gehen in die Buchhandlungen
und kaufen uns alle diese Entschleunigungsbücher,
weil wir merken, dass wir
damit nicht mehr klarkommen. Aber
von unseren Kindern verlangen
wir, dass sie das hinkriegen.
Doris Schröder-Köpf machte nach ihrem Abitur in Dillingen (Bayern)
ein Volontariat bei der "Augsburger Allgemeinen".
Anschließend arbeitete die Journalistin unter anderem
bei "Bild" und "Focus". Schröder-Köpf, 44,
hat eine Tochter Klara, 17, aus einer früheren
Beziehung. Zusammen mit ihrem Ehemann, Altbundeskanzler
Gerhard Schröder, 63, adoptierte
sie zwei Kinder aus Russland: Viktoria, 6, und
Gregor, 2. Schröder-Köpf ist Schirmherrin der
Stiftung "Deutsche Kinder-, Jugend- und Elterntelefone".
Kinder und Jugendliche können unter
der kostenlosen Nummer 0800-1 11 03 33 einem
Erwachsenen ihre Sorgen anvertrauen. Rat für
Eltern gibt es unter der Telefonnummer 0800-
1 11 05 50.
Im Internet unter: Kinder- und Jugend-Telefon