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2. März 2008, 10:10 Uhr

"Diese Turbo-Schule ... ist Quatsch!"

Schüler sind verzweifelt, Väter und Mütter gehen auf die Barrikaden: Die verkürzte Schulzeit bis zum Abitur wird für Familien zur Qual. Der stern lud Doris Schröder-Köpf und TV-Moderator Reinhold Beckmann zum Elterngespräch. Beide berichten von Stress, Versagensängsten und dem täglichen Leiden an der Schule.

Engagierte Eltern: Doris Schröder-Köpf und Reinhold Beckmann im Klassenzimmer der 5b an der Sophienschule in Hannover© Volker Hinz

Reden Sie zu Hause viel über Schule?

Schröder-Köpf: Jeden Tag. Wie bei allen Eltern von schulpflichtigen Kindern, die ich kenne. Meine große Tochter Klara geht in die 11. Klasse. Sie macht gerade ein Auslandsjahr. Und dann ihr Abi. Die Kleine, Viktoria, wird nach den großen Ferien eingeschult. Dann geht der Schulstress für uns alle wieder von vorn los.
Beckmann: Schule wird für Eltern und Kinder immer häufiger zur Belastung. Auch bei uns ist das bald jeden Tag ein Thema. Unsere beiden stecken gerade mittendrin im Schul- und Reformchaos. Mein Sohn geht in die 8. und meine Tochter in die 5. Klasse. Ständig erlebe ich, wie gewaltig der Druck auf Kinder und Eltern ist. Irgendwo habe ich gelesen, dass ein Kind nur einen Wunsch zum Geburtstag hatte: die Empfehlung fürs Gymnasium. Das gibt zu denken!

So wütend wie bei diesem Thema hat man Reinhold Beckmann ja noch nie erlebt. Kürzlich rasteten Sie sogar in Ihrer Talkshow aus ...

Beckmann: Na ja, ich hab da nur einen wunden Punkt angesprochen und war mir der Wirkung überhaupt nicht bewusst. Aber viele Zuschauer haben uns daraufhin geschrieben: "Richtig so!"

Sie haben die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur kritisiert. Die Kinder sollen nicht mehr nach neun Jahren Gymnasium, sondern schon nach acht Jahren Abi machen ...

Beckmann: Ich habe gar nichts gegen die Verkürzung der Schulzeit um ein Jahr. Ich hab etwas dagegen, wenn von oben was verordnet wird und man sich offenbar nicht gründlich überlegt, wie genau das umgesetzt werden soll. Es ist nicht in Ordnung, dass unsere Kinder zu Versuchskaninchen werden.
Schröder-Köpf: In Bayern, wo ich herkomme, würde man sagen: Das ist völlig schlampert gemacht worden. Aber keiner hat sich getraut, was zu sagen. Das ist wie mit Läusen bei Kindern: Wenn es die eigenen Kinder erwischt, ist es furchtbar peinlich. Aber wenn einer es zugibt, dann sind alle erleichtert und sagen: "Ach, bei euch auch!"
Beckmann: Diese Scham kennen wir Eltern doch alle. Viele haben Angst, beim Thema Schule das Gesicht zu verlieren. Es fällt eben schwer zuzugeben: Mein Kind kommt nicht mit, es braucht Hilfe. Die Erleichterung ist dann groß, wenn die ersten das Eis brechen und bekennen, Nachhilfe in Anspruch zu nehmen. Sofort ist von vielen Seiten zu hören: "Ja, das machen wir auch schon seit einem halben Jahr."
Schröder-Köpf: Auch wir haben Mathe- Nachhilfe für Klara organisiert. Ein früherer Mathe-Lehrer hat's gebracht.
Beckmann: Der entscheidende Punkt ist, dass die Eltern das nicht mehr allein als persönliches Versagen, sondern die Problematik vor allem auch in der Struktur des aktuellen Bildungssystems sehen. Die Kinder haben oft dreimal in der Woche bis 16 Uhr Schule. Das heißt, sie sind um 16.30 Uhr zu Hause. Dann beginnen die Hausaufgaben, und es muss oft bis in den Abend hinein gepaukt werden, um für die nächste Klassenarbeit fit zu sein. Das war doch bei uns früher etwas anders.
Schröder-Köpf: Stimmt. Bei mir haben die Eltern gesagt: "Wenn du aufs Gymnasium möchtest, dann musst du dich anstrengen." Ich war die Erste, die aufs Gymnasium ging, und musste halt schauen, wie ich das hinkriege. Mein Mann hat natürlich auch nie Druck gekriegt. Von wem auch?
Beckmann: Mein Vater hat einen kleinen Futtermittelbetrieb auf dem Land. Da stand Schule nie zur Debatte. Ich musste und konnte das allein schaffen.
Schröder-Köpf: Sie und ich kommen aus einfachen Verhältnissen und haben trotzdem Abitur gemacht. Solche Bildungsaufstiege gelingen heute immer seltener. Das Gymnasium entwickelt sich schon länger zu einer Eliteschule für Kinder von Leuten, die finanziell bessergestellt sind.
Beckmann: Aber alleinerziehende Mütter oder Väter haben ganz andere Probleme. Die kommen um 18 Uhr von der Arbeit. Und dann sitzen sie bis 21 Uhr mit dem Kind am Tisch und üben. Wenn das Geld für Nachhilfe nicht vorhanden ist, kann das Kind vielfach nicht am Gymnasium bestehen. Bildung wird so zu einer elitären Sache: Das hat nichts mit Chancengleichheit zu tun.
Schröder-Köpf: Wir können es uns einfach nicht leisten, so viele Kinder zurückzulassen. Jeder soll seine Talente entfalten dürfen. All das, was nach meinem Verständnis eine Schule auch bieten sollte, Sport, Musik, Theater, organisieren die Eltern, die das Geld haben, privat. Jemand, der Vollzeit berufstätig ist, kann das allein zeitlich gar nicht schaffen.
Beckmann: Ich glaube, das müsste nicht unbedingt alles in der Schule passieren. Manche entwickeln ihre musischen und sportlichen Talente besser außerhalb.
Schröder-Köpf: Da muss ich widersprechen. Es müsste nicht außerhalb der Schule sein, wenn die Kinder innerhalb einer Ganztagsschule diese Möglichkeiten hätten. In England, wo Klara zurzeit eine Schule besucht, gibt es Schulmannschaften, die von Tennis bis Rudern vieles anbieten. Diese Schulmannschaften sind legendär. Viele Talente lassen sich innerhalb der Schule entwickeln: Für Theater, Fotografie und Filmemachen kann man AGs anbieten. Dies kann man auch den Kindern von Leuten eröffnen, die keine Zeit oder kein Geld haben, diese Hobbys außerhalb der Schule zu ermöglichen.
Beckmann: Aber zurück zu G8. Wir haben ein schlechtes Gewissen aufgrund der Pisa-Studie. Fixiert auf das Ranking, denken wir: Irgendwie müssen wir Spitzenreiter werden. Typisch deutsch!
Schröder-Köpf: Es ging aber schon früher los. Pisa hat vielleicht den letzten Anstoß gegeben, aber die Schulzeitverkürzung ist schon seit Jahrzehnten CDU-Programm.
Beckmann: Frau Schröder-Köpf, wir machen hier keinen Wahlkampf … (lacht)
Schröder-Köpf: Ich sage es jetzt auch nicht als Sozialdemokratin. Ich sage nur, dass die Turbo-Schule schon ein altes Gedankengut der Konservativen ist - Hauptsache, die Wirtschaft kriegt junge und passend gemachte Leute. Pisa hat den letzten Kick gegeben, dafür gesorgt, dass die Barrieren fallen. Es ist grundsätzlich eine falsche Entscheidung, wenn die Lebenserwartung immer höher steigt - in Deutschland wird eine Frau heute statistisch fast doppelt so alt wie vor 100 Jahren -, dann die Zeit für Bildung zu kürzen. G8 ist ja nur das eine. Der nächste Hammer ist schon in der Diskussion: Die Kinder sollen generell früher eingeschult werden. Das ist völlig falsch. Man sollte auf das einzelne Kind gucken: Wann ist ein Kind reif für die Schule? Manche sind mit fünf reif, manche mit sechs, manche mit sieben.
Beckmann: Das liegt an diesem neuen Verwertbarkeitsgedanken, den wir mit Bildung verwechseln. Junge Leute sollen möglichst mit 23 das Studium abgeschlossen haben und auf den Arbeitsmarkt. Für Lebensbildung, soziale Intelligenz bleibt da wenig Zeit.
Schröder-Köpf: Es darf in der Schule nicht länger nur um materielle Werte gehen. In der Bayerischen Verfassung steht ein Satz, wie man ihn schöner und deutlicher nicht formulieren könnte: Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch "Herz und Charakter" bilden. Zu den darin formulierten obersten Bildungszielen gehört übrigens die Aufgeschlossenheit für alles "Wahre, Gute und Schöne". Mehr sollte man dazu nicht sagen müssen.
Beckmann: Da bin ich als norddeutscher Katholik dabei. Doch es hilft uns jetzt nicht bei der Diskussion. Diese Turbo-Schule …
Schröder-Köpf: … ist Quatsch, so wie sie jetzt organisiert ist.
Beckmann: Die Kinder leiden. Es ist einfach absurd: Wir stellen als Erwachsene fest, dass wir in dieser veränderten Welt in einer Geschwindigkeit leben und arbeiten, der wir nicht gewachsen sind. Was machen wir? Wir gehen in die Buchhandlungen und kaufen uns alle diese Entschleunigungsbücher, weil wir merken, dass wir damit nicht mehr klarkommen. Aber von unseren Kindern verlangen wir, dass sie das hinkriegen.

Doris Schröder-Köpf

Doris Schröder-Köpf machte nach ihrem Abitur in Dillingen (Bayern) ein Volontariat bei der "Augsburger Allgemeinen". Anschließend arbeitete die Journalistin unter anderem bei "Bild" und "Focus". Schröder-Köpf, 44, hat eine Tochter Klara, 17, aus einer früheren Beziehung. Zusammen mit ihrem Ehemann, Altbundeskanzler Gerhard Schröder, 63, adoptierte sie zwei Kinder aus Russland: Viktoria, 6, und Gregor, 2. Schröder-Köpf ist Schirmherrin der Stiftung "Deutsche Kinder-, Jugend- und Elterntelefone". Kinder und Jugendliche können unter der kostenlosen Nummer 0800-1 11 03 33 einem Erwachsenen ihre Sorgen anvertrauen. Rat für Eltern gibt es unter der Telefonnummer 0800- 1 11 05 50.
Im Internet unter: Kinder- und Jugend-Telefon

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