Keine nackten Bäuche, tiefer gelegte Jeans oder coole Designerjacken mehr: Immer öfter verpassen Schulen den Kindern einen einheitlichen Dress-Code. Willkommene Nebenwirkung: Schulkleidung ist der beste Werbeträger.

Für die Fünftklässler an der Staatlichen Realschule im oberbayerischen Haag sind seit dem neuen Schuljahr einheitliche Polohemden und T-Shirts Pflicht© David Steets
Als hätte auf seiner Stirn gestanden: Schlag mich", sagt seine Mutter. Irgendwann hatten sich alle in seiner Klasse auf Lukas eingeschossen, sogar die Mädchen. "Fette Sau!", riefen sie. Und: "Deine Klamotten sehen scheiße aus!"
Der Junge trug die "falschen" Sachen. No-Name-Zeug von Schlussverkauf und Wochenmarkt statt coole Teile von New Yorker oder Adidas. Wenn seine Mutter fragte, woher die blauen Flecken und Schürfwunden stammten, murmelte er nur: "Ich hab mich gestoßen." Die Lehrer, sagt Lukas, hätten weggeschaut. "Der Klassenlehrer sagte, geh zum Vertrauenslehrer. Der Vertrauenslehrer sagte, ich kümmere mich. Aber passiert ist nichts." Die Täter anzeigen? "Hätte nichts genutzt, die waren ja unter 14." Mehr als zwei Jahre lang ging das so.
Lukas wurde immer stiller - und immer dicker. Er stopfte Süßigkeiten in sich hinein, legte binnen zwei Jahren um 35 Kilo zu und wog mit 14 fast 100 Kilogramm. "Ein Frustfresser", sagt seine Mutter. Er brauchte ständig neue Kleider und neue Schuhe, weil die alten durchgelatscht waren. Seine Mutter kaufte Sonderangebote für 20 Euro. "Ich kann nicht 200 Euro für Turnschuhe ausgeben", sagt sie. "Und selbst wenn ich sie hätte, würde ich es nicht tun."
Frau Dude hat Multiple Sklerose und steife Knie, sie sitzt im Rollstuhl. Ihr Mini-Job als Projektbetreuerin und das Arbeitslosengeld bringen 1500 Euro ein. Die rollstuhlgerechte Wohnung kostet 900 Euro, 600 Euro müssen reichen für Essen, Kleidung, Versicherungen und den Rest des Lebens.
Lukas waren Marken egal. Anpassen wollte er sich nicht, von der Schule abgehen auch nicht: "Ich dachte: Wenn andere schuld sind, warum soll ich dann gehen." Doch als ihn im Januar drei Jugendliche zusammengeschlagen hatten und er mit Platzwunden am Kopf und einem Schuhabdruck im Rücken nach Hause kam, rief die Mutter die Polizei.
Lukas besucht jetzt die neunte Klasse der Haupt- und Realschule im Hamburger Stadtteil Sinstorf, ein paar Kilometer von seiner alten Schule in Wilhelmsburg entfernt. In seiner Klasse gibt es keinen Kleiderterror. Denn alle tragen das Gleiche. Polohemden oder T-Shirts mit dezentem Logo der Schule auf der Brust, dunkelblau oder weiß, dazu Trainingsjacken mit Doppelstreifen am Ärmel, Kapuzen- oder weiche Fleecejacken. 25 Euro kostet die Jacke, 7 Euro ein T-Shirt. Das ist drin im Etat der Mutter. "Die neue Schule tut ihm gut", sagt sie.

An der Haupt- und Realschule in Hamburg-Sinstorf tragen die Kinder blau-weiße Kleidung© Nicole Angstenberger
Auch seine Lehrerin Karin Brose trägt Blau-Weiß. Die Haupt- und Realschule Sinstorf gehörte vor fünf Jahren zu den Ersten, die Schulkleidung einführten, und ist dabei so konsequent wie keine andere Schule in Deutschland. "Viele Eltern melden ihr Kind deshalb bei uns an", sagt Schulleiter Klaus Damian. Schüler, die gegen den Dress-Code verstoßen, werden von Frau Brose ("Bist du farbenblind?") schon mal ins Büro des Schulleiters geschickt. "Es geht schließlich nicht, dass ein einzelner Vogel aus der Gemeinschaft ausschert", sagt ihr Schüler Samet. "Nein, das kann es nicht geben", sagt Frau Brose.
Einmal pro Schuljahr, am "Private Day", darf jeder in privaten Kleidern kommen, "um uns daran zu erinnern, wie es war", sagt Karin Brose. "Bunt" nennen ihre Schüler die Kleidung, die sie früher trugen. "Sieht aus wie an Fasching", sagt die dunkelhaarige Gülistan.
Üble Geschmacklosigkeiten habe sie früher erlebt, sagt Frau Brose, irgendwann habe sie dann die Nase voll gehabt von nackten Bäuchen und neckischen Pogrübchen über tiefer gelegten Jeans. "Der nächste Jahrgang kriegt bei mir eine Schuluniform", beschloss sie. Die Schüler ihrer Klasse waren nicht besonders begeistert über die erste Kollektion, grüne Sportpullover. "Frösche" lästerten Mitschüler anderer Klassen. Auch Kollegen rümpften zunächst die Nase. Schuluniform, das klang nach Strammstehen und Kratzstrümpfen. Deshalb strich Karin Brose das Wort aus ihrem Vokabular. "Mit Uniform hat das alles nichts zu tun." Sie spricht lieber von "Arbeitskleidung".
Es gibt 19 Modelle für Jungs und 26 für Mädchen, Mützen und Schals inklusive. Hosen und Schuhe sind Privatsache. Die Basisausstattung kostet 80 Euro. Schüler reden bei der Auswahl neuer Teile mit. Sie werden jedes Jahr bei einer Modenschau mit "kleinem Catwalk" vorgestellt. In der Pausenhalle warten an einem Dienstagmorgen die neuen Fünftklässler mit ihren Eltern auf die Modenschau. Frau Brose spricht. "Die Schule ist nicht die Disco, die Schule ist ein Arbeitsplatz", sagt sie. Und: "Das hier ist kein Wunschkonzert, sondern wir tragen die Schulkleidung Tag für Tag."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 43/2005