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Thierse erntet Kritik für Schrippen-Patriotismus

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse sieht den Prenzlauer Berg in Gefahr und hat Zugezogene als Ursache des Verfalls ausgemacht. Prominente Schwaben wollen die Kritik nicht auf sich sitzen lassen.

  Das Ohr schmeckt mit: eine Schrippe ist keine Wecke - zumindest nicht akkustisch

Das Ohr schmeckt mit: eine Schrippe ist keine Wecke - zumindest nicht akkustisch

Sie trinken Club Mate, tragen Jutebeutel und sind Web-Designer oder Werbetexter. So weit, so Berlin: Aber wenn beim Bäcker nicht mehr Schrippen bestellt werden, droht dem Multi-Kulti-Hipster-Stadtteilen der Hauptstadt der kulturelle Untergang. Diese wenig herzliche Befürchtung hegt Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD). In einem Interview mit der "Berliner Morgenpost" beklagte Thierse, dass sein Heimatstadtteil Prenzlauer Berg seine Identität verliere. Schrippen würden oft als Wecken bestellt und der Pflaumenkuchen soll auch als Pflaumenkuchen bekannt bleiben und nicht zum Pflaumendatschi werden.

Schuld an der Endzeitstimmung sind die 90 Prozent von Thierses Nachbarn, die in den letzten 20 Jahren zugezogen sind - im Zweifelsfall Schwaben. Thierse selbst wohnt seit 40 Jahren in Prenzlauer Berg. "Ich habe gegen das Schwäbische und Bayerische nichts, das soll da gesprochen werden, wo sie wohnen, hier in Berlin möchte ich gerne, dass das Berlinerische noch eine Chance hat", bekannte sich der 69-Jährige zu einer "ein bisschen lokalpatriotischen" Gesinnung. Sprache sei für ihn eben "auch ein Ort von Heimat". Das bedeute jedoch nicht, dass er "eine Käseglocke über den Prenzlauer Berg stülpen" wolle.

"Ich esse es ja, aber nicht unter falschem Namen"

Es erinnert etwas an Loriots kleinkarierten Herrn Lohse aus "Papa Ante Portas", der seine Birne Helene nicht essen will, weil sie aus Äpfeln angerichtet wurde. Tatsächlich steckt hinter Thierses Bemerkung aber ein andauernder Kulturkampf, der schon in "Schwaben raus"-Graffiti und brennenden Kinderwagen eskaliert ist. Gentrifizierung, Mietenwahnsinn und Verdrängung sind die Schlagwörter, mit denen der Kulturkampf in den angesagten Vierteln Berlins inbrünstig geführt wird.

Entsprechend gereizt fallen die Antworten auf Thierses Interview aus dem Ländle aus. In bester "Wir können alles, außer Hochdeutsch"-Manier sagte der EU-Energiekommissar und Ex-Regierungschef von Baden-Württemberg, Günther Oettinger (CDU), der "Bild"-Zeitung: "Ohne die Schwaben wäre die Lebensqualität in Berlin nur schwer möglich. Denn wir zahlen da ja jedes Jahr viel Geld über den Länderfinanzausgleich ein." Leni Breymaier, baden-württembergische Landeschefin von Verdi und wie Thierse in der SPD, sagte: "Wir in Baden-Württemberg profitieren sehr von unseren Migranten. Auch beim Essen. Das tut den Berlinern auch gut."

Auf Facebook empfahlen Stern-User mehr Offenheit und spotteten, dass Thierse sein Bemerkungen überdenken solle, bevor sich der "Zentralrat der Schwaben" einschalten müsste.

Und nur der Vollständigkeit halber: In Hamburg gibt es beim Bäcker das Rundstück, in Sachsen die Semmel und in Bayern reicht notfalls einfach eine Brez'n, wenn die Brötchen alle sind.

ono/AFP/DPA/DPA

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