Angela Merkel, die Unberührbare

21. Januar 2013, 15:17 Uhr

Unter der Führung von Angela Merkel hat die CDU Landtagswahlen in Serie verloren. Trotzdem sind ihre Beliebtheitswerte exorbitant. Wie passt das zusammen? Von Lutz Kinkel und Saskia Sperling

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Adenauert: Kanzlerin Angela Merkel (CDU)©

Und wieder hat die CDU eine Landtagswahl vergeigt. Minus 6,5 Prozent in Niedersachsen, David McAllister, der fesche Halbschotte, muss die Staatskanzlei räumen. Und das, obwohl Angela Merkel einen Auftritt nach dem anderen im Wahlkampf absolviert hat. Sie hatte sich richtig reingehängt - ohne Erfolg. Im vergangenen Jahr sah es nicht viel besser aus. Nur bei den Landtagswahlen im Saarland konnte sich die CDU behaupten. In Schleswig-Holstein musste sie die Macht abgeben. In Nordrhein-Westfalen kassierte sie - Gruß an Norbert Röttgen - eine furchtbare Klatsche. Und wie war das doch gleich 2011? Da stürmten die Grünen die konservative Trutzburg Baden-Württemberg.

Die Liste ließe sich fortsetzen, das Ergebnis ist, unterm Strich, eindeutig. 2005, als Merkel Kanzlerin wurde, war die Republik politisch schwarz-gelb gestreift. 2013, im Jahr der Bundestagswahl, ist Deutschland mehrheitlich rot-grün lackiert. Wer trägt dafür die oberste politische Verantwortung? Logisch: Merkel. Die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende.

Trotzdem steht sie außerhalb der Kritik. Die Wahlergebnisse in den Ländern deuten auf einen tiefgreifenden politischen Stimmungswandel hin, aber der erfasst Merkel nicht. Ihre Beliebtheitswerte sind exorbitant, höher als jemals zuvor. Die Bürger stehen hinter ihr. Die Partei auch. In ihrem Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern wurde sie soeben mit 100 Prozent der Stimmen aufgestellt. 100 Prozent! Und als sie sich im Dezember vergangenen Jahres als Parteivorsitzende wiederwählen ließ, bekam sie 97,94 Prozent, ihr bislang bestes Ergebnis. Das sind, mit Verlaub, Werte, wie sie in der DDR üblich waren. Nicht in der Bundesrepublik. Merkel, die Unberührbare.

Wie passt das alles zusammen?

Führungsfigur aus eigener Kraft

Nachfrage bei Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinsitutes Forsa: Können Sie das erklären? Güllner, der täglich die Bürger befragen lässt, skizziert das Bild einer "Präsidentenkanzlerin". Einer Frau, die in der Wahrnehmung der Deutschen über den Parteien schwebt. Die nicht haftbar gemacht wird für das Kleinklein der Politik und für das Versagen der CDU. Viele wüssten gar nicht, dass sie Parteivorsitzende ist, und für die Wissenden spiele es nur eine untergeordnete Rolle. Um sein These zu belegen, vergleicht Güllner die Kanzlerin mit dem Säulenheiligen der CDU, mit Konrad Adenauer. 1957 gewann er die Bundestagswahl mit absoluter Mehrheit, obwohl die SPD in den Bundesländern stark war. Paradox, aber möglich. Wenn der Kanzler oder die Kanzlerin es schafft, eine Führungsfigur aus eigener Kraft zu werden.

Dies scheint bei Merkel der Fall zu sein, was auch damit zu tun hat, dass in der CDU weit und breit kein ernsthafter Konkurrent zu sehen ist. Ihre namhaften innerparteilichen Kritiker haben sich entweder selbst zerlegt (Christian Wulff), sind von ihr abserviert worden (Norbert Röttgen) oder frustriert in die Wirtschaft abgewandert (Friedrich Merz). Was bleibt ist Merkel. Und die lässt jede Niederlage ihrer Partei in den Bundesländern einfach an sich abperlen. An ihr, so die gängige - und durch Daten schwer widerlegbare - Interpretation, hat es ja nicht gelegen.

Das Luxussyndrom der CDU-Wähler

Das Gegenteil gilt für ihren SPD-Herausforderer Peer Steinbrück. Er gestand am Sonntagabend, er trage eine "gewisse Mitverantwortung" dafür, dass seine Partei in Niedersachsen nicht besser abgeschnitten habe. Meinungsforscher Güllner beschreibt den Steinbrück-Effekt als "Mobilisierungsbremse". Heißt: Wähler, die eigentlich der SPD zugetan sind, blieben zuhause, weil sie sich über den Kandidaten und seine Patzer geärgert haben. Damit steht Steinbrück, anders als Merkel, in der Haftung. Und er muss, anders als Merkel, erst wieder ein positives Image kreieren. Wechselstimmung im Bund? Will einfach nicht aufkommen. Die Kanzlerfrage scheint geklärt - zugunsten von Merkel.

Was es für Steinbrück noch schwieriger macht: Unter den CDU-Wählern gibt es, so liest es jedenfalls Güllner aus seiner langjährigen Wahlbeobachtung heraus, eine Art Luxussyndrom. Bei Landtagswahlen erlauben sie sich schon mal politische Seitensprünge und votieren für den Kandidaten, der ihnen sympathisch ist, auch wenn er nicht der CDU angehört. Bei einer Bundestagswahl jedoch stehen sie stramm an der Seite ihrer Partei. Da geht es um die Verteidigung der Macht in Deutschland.

Die Erfolgsformel Merkels lautet: Stammwähler plus Sympathie plus positives Vorurteil. Trägt das bis zum Herbst, hat sie bei der Bundestagswahl wenig zu fürchten. Außer der Schwäche ihres Koalitionspartners.

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