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28. Oktober 2009, 13:36 Uhr

Merkel auf der Holperstrecke

Angela Merkel hat bei der Kanzlerwahl nicht alle Stimmen aus dem eigenen Lager bekommen. Ein Vorgeschmack auf die kommenden Jahre. Schwarz-Gelb ist von der "Politik aus einem Guss" weit entfernt. Ein Kommentar von Axel Vornbäumen

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Angela Merkel nach ihrer Wiederwahl zur Kanzlerin© Berthold Stadler/DDP

Kurz war das Lächeln der Kanzlerin, fast geschäftsmäßig. Und so doll war das eingefahrene Ergebnis bei Angela Merkels Wiederwahl an diesem Mittwoch ja tatsächlich nicht. 332 Abgeordnete zählt die mittelgroße Koalition aus CDU/CSU und FDP, die sich in der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit mit zum Teil völlig unterschiedlichen Vorstellungen für vier Jahre zusammen finden muss. 323 Schäflein hat Merkel in geheimer Abstimmung hinter sich vereint - ein paar Enttäuschte werden dabei gewesen sein, aus alten und ganz neuen Zeiten.

Ob beispielsweise der Abgeordnete Michael Glos (CSU), der sich zu Jahresanfang als Wirtschaftsminister von seiner Chefin nicht mehr so recht ernst genommen fühlte und daraufhin sein Amt entnervt zu Verfügung stellte, noch mal die Kraft zum geheimen Treuebeweis hatte? Eher nicht. Auch ein paar andere mit hohen Ambitionen sind nix geworden. Da wird der Urnengang schnell zum klammheimlichen Tritt gegen das Kanzlerinnenschienbein.

Politik ist so. Die persönlich und die inhaltlich Enttäuschten, sie bilden Koalitionen im Schattenfeld der Politik. Sie machen Stimmung und sie haben die Lizenz, es Angela Merkel in ihrer zweiten Regierungsperiode schwer zu machen. 323 von 332 also, das ist nicht mehr als eine nüchterne 3- des Vertrauens. Lässt sich aus dem Stotterstart etwas für die kommenden Legislaturperiode ablesen?

Schwarz-Gelb wird viele Kratzer bekommen

Ja. Diese Koalition wird nicht "Durchregieren" - wie vor langen, längst vergessenen Zeiten einmal geträumt wurde. Auch das gern genommene Bild von der "Politik aus einem Guss" wird viele Kratzer bekommen. Diese schwarz-gelbe Koalition wird die vor ihr liegende Holperstrecke vermutlich eher so unharmonisch bewältigen wie ein Fahrschüler, der sich im Stop-and-Go durch den Feierabendverkehr quälen muss. Zu unterschiedlich sind die Geschwindgkeitsvorstellungen der beiden Partner, die sich in den vergangenen vier Jahren doch stärker voneinander entfremdet haben, als sie das je geglaubt hätten.

Das gilt für den Politikstil der beiden Frontfiguren, Merkel und FDP-Chef Guido Westerwelle. Sobald beim FDP-Chef die demonstrative Freude darüber gewichen ist, endlich ins Außenamt einziehen zu dürfen, wird er merken, dass das von ihm favorisierte Pathos nur schwer zur Merkelschen Nüchternheit passt. Wer je geglaubt hat, die Kanzlerin habe sich in der Großen Koalition mit der SPD sozusagen zwangssozialdemokratisiert, der wird in der neuen Legislaturperiode merken, wie viel Merkel pur darin doch schon enthalten war. Ein zurück zu den kalten Reformvorstellungen des Leipziger CDU-Parteitags wird es mit ihr nicht geben. Eine mit diesem Image fast verlorene Bundestagswahl 2005 sowie eine souverän gewonnenen Wahl unter den daraufhin überarbeiteten Politikvorstellungen geben Merkel die Sicherheit, auf richtigem Weg zu sein.

Koalition der bescheidenen Möglichkeiten

Die heimlichen Nein-Sager von diesem Mittwoch, sie werden also Zulauf bekommen, in nächster Zeit schon: Von all den Wirtschaftsflügel-Leuten, die unter CDU-pur etwas anderes verstehen als die Kanzlerin; und von denjenigen Liberalen, die im Siegsrausch ihrer fast 15 Prozent Stimmanteil bei der Bundestagswahl geglaubt haben, sie könnten nun den Sound der Regierung bestimmen. Auch sie werden bald eines besseren belehrt werden.

Es sieht durchaus danach aus, als ob die wiedergewählte Kanzlerin sich damit zufrieden gibt, aus dem schwarz-gelben Bündnis eine Koalition der bescheidenen Möglichkeiten zu machen. Mit Wolfgang Schäuble hat sie als neuem Finanzminister den am besten zum Zerberus geeigneten Politiker an die entscheidende Stelle gesetzt, um die steuerpolitischen Vorstellungen der Liberalen bei nächster Gelegenheit einzudämmen. Im neuen stern schließt Schäuble sogar Steuererhöhungen für die kommende Legislaturperiode nicht aus - denn auch ein Koalitionsvertrag könne "die künftige Entwicklung nicht komplett vorwegnehmen". Zur Harmonie zwischen den neuen Partnern wird das nicht beitragen.

Ein Kommentar von Axel Vornbäumen
 
 
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Neues Kabinett
KOMMENTARE (10 von 16)
 
Benkku (28.10.2009, 22:41 Uhr)
So nimmt das Unheil seinen Lauf.
Warum tut die Provinzlerin dem deutschen Volk das an? Ein ungutes Gefühl entsteht dabei zu wissen, daß diese Frau schon wieder die Prestigegeilheit beschlichen hat. Es ist zu befürchten, daß sie sich dort in Abenteuer verstrickt, zumindest dazu hinreißen läßt, Druck auf Länder auszuüben, mit denen wir bisher keine Probleme hatten. Sie ist hinreichend dafür bekannt, US-Probleme in der Welt lösen zu wollen durch weitere Zusagen zur Beteiligung an Kriegsabenteuern. Diese Frau biedert und bietet sich wie damals bei der SU an, und das ist widerlich.
knilch_59 (28.10.2009, 21:24 Uhr)
@Prologo (28.10.2009, 20:14 Uhr) - Durchstarten?
In einer Zeit, in der Autoritäten zunehmend nicht akzeptiert werden, verkümmert das Knüpfen politischer Kontakte zunehmend zum meet-and-greet. Leute, die keine Zusagen geben können, treffen sich mit Leuten, die keine Zusagen treffen können und versichern sich gegenseitig ihrer Wertschätzung. Das nennt man zwar noch Politik, ist aber eher eine neue Form von Gesellschaftsberichterstattung. Dort trifft sich reich und schön, in der Politik alt und hässlich. Die Aussagekraft ist die Gleiche, siehe Klimagipfel und Verabredungen gegen die Finanzkrise, Solidarität gegen Unrechtsstaaten usw.
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Unser Kanzlerwesen (m/w) ist natürlich Musterbeispiel für dieses allseits akzeptierte Handeln, Protagonistin der Beliebigkeit und der nonkommunikativen Verbalisierung. Ob wir bereit sind, das als Politik zu akzeptieren, hängt von uns ab. In der freien Wirtschaft würde ein Laden mit solcher Führung einfach untergehen, weil unsere Überflussgesellschaft dieses Produkt substituieren würde. Schon clever von unserem Kanzlerwesen (m/w), sich die Politik als unersetzliches Produkt zum Betätigungsfeld zu machen - nicht regiert werden geht eben nicht, auch wenn Sie dem recht nahe kommt.
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Wenn Dr. Merkel jetzt "durchstartet", dann ist das mehr als verstopfen der Kanäle für andere zu werten: nicht dass noch jemand auf die Idee kommt, auch nur irgend etwas zu tun zu wollen.
Prologo (28.10.2009, 20:26 Uhr)
Habe mich vertippt.
Mein Kommentar wurde schon abgeschickt.
Prologo (28.10.2009, 20:14 Uhr)
Merkel holpert nicht, Merkel startet durch!
Das haben nicht mal die Presseschlauen des Stern gemerkt.
Merkel verläßt die Doofen, die sie selbst ausgewählt hat. Die sind erst mal mit sich selbst beschäftigt. Sie stellt sich nicht den
nächsten provokativen Fragen der Presse und den Angriffen der Opposition.
Nein, sie läßt diese jetzt allein in ihrem unnützen Gemetzel.

Während sich die gegenseitig auf den Schädel schlagen und sich neu sammeln, macht sie Weltpolitik.

Sie, und nicht Frau Westerwelle besucht die wichtigsten Partner Frankreich und USA. Damit stellt sie schon von der ersten Sekunde klar, wer der Chef ist.
Herr Merkel ist der Chef, das ist damit schon mal klar.

Während die neuen Minister und Strategen
umziehen und ihre neuen Büros einrichten,
redet Merkel mit Napoleon und Martin Luther King.

Soviel zum holperigen Start von Herrn Merkel.

MfG,
Tobi

Benkku (28.10.2009, 19:41 Uhr)
Wozu die Antrittsbesuche?
Sie verschwindet sogleich sehr zum Ärger des Parlaments, anstatt dort wie bisher üblich erst einmal zur Richtung ihrer Politik Stellung zu nehmen. Mangels Masse verdrückt sie sich im Anschluß an die Vereidigung nach Frankreich in Sachen Antrittsbesuch, und danach will sie sich sofort gleichermaßen ihren Segen beim US-Präsidenten holen.
auwei (28.10.2009, 16:45 Uhr)
@ganzbaf
Griechenland ist ein Sonderfall (Papandreou auch). Dort zeigen sich die Regierungen abwechslend, wie es NICHT geht. Ansonsten: In Frankreich ist die Linke zerstritten, in Italien formiert sie sich gerade neu. In Skandinavien und Benelux siehts auch nicht rosig aus - was aber eher daran liegt, dass dort auch die Konservativen halblinke Politik machen und ansonsten mit dem Thema Ausländerfeindlichkeit punkten. In Spanien hätte der von mir hochgeschätzte Bambi keine Chance gehabt, wenn der beschruppte Schnauzbart vor ihm nicht so einen Mist gebaut hätte. Übrigens: Ein hervorragender Artikel zu dem Thema steht z.Zt. auf Zeit online (italienische Verfasserin).
auwei (28.10.2009, 16:36 Uhr)
@ich
Richtig, die Fundamentalopposition der SPD gegen die Linke ist ...unsäglich dämlich. Die Sozen müssen deswegen aber nicht nach ganz links rücken - schließlich klappt das Good Cop Bad Cop-Spiel bei den Konservativ-Gierigen auch ganz gut. Grausam finde ich die Vorstellung, dass in des Wählers Augen nur eine Totalverweigerung politischer und ökonomischer Realitäten in die eine (Linke) oder andere (CDU/FDP) Richtung Gnade findet. Wen es nix dazwischen gibt - wandere ich lieber aus!!!
ganzbaf (28.10.2009, 16:36 Uhr)
@auwei

Das ist vor allem der Fluch der deutschen Linken, auch weil hier immer das DDR-Totschlagargument kommt ;-S
In anderen Ländern waren Sozialisten sehr wohl schon stärkste Partei.

Aktuell gibt es in Griechenland eine starke Linke mit gut 51% Sozialisten und Kommunisten ;-)
-ich- (28.10.2009, 16:28 Uhr)
@auwei
Das einzige Problem ist doch das es die spd Führung ist, welche permanent Fundamentalopposition gegen die Linke fährt. Nur deshalb kann sich das Merkel ins Fäustchen lachen.
Kattzoff (28.10.2009, 16:07 Uhr)
@erichmonika
Na wo sind denn die Stimmen für die ach so Tüchtige SPD Ministerriege?Wohl eine rosa Parteibrille auf,so geht Politik nicht.
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