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3. März 2010, 17:50 Uhr

SPD empfiehlt Regierung ein "Anti-Gewalt-Training"

Die Regierung ist so zerstritten, dass selbst die Opposition kaum mehr kritisiert, sondern spottet. Und was macht die Kanzlerin? Abwarten. Tagebuch aus dem Berliner Tollhaus. Von Lutz Kinkel und Hans Peter Schütz

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Die Drei von der Regierungsstelle: FDP-Chef Guido Westerwelle, Kanzlerin Angela Merkel, CSU-Chef Horst Seehofer© Hannibal/DPA

Am Mittwochmittag war die Kanzlerin wieder da, wo sie sich am liebsten aufhält - bei den langen Linien der Politik. Im prächtigen Konferenzsaal des Berliner Hotels Adlon redete sie über das Jahrbuch des Meinungsforschungsinstituts Allensbach. Halb amüsiert, halb besorgt zitierte sie einige Zahlen, wie Westdeutsche und Ostdeutsche denken. Klar: Ostdeutsche halten sich für ängstlich und bescheiden und meinen, die Wessis seien arrogant. Die Westdeutschen halten sich für selbstbewusst und werfen den Ossis vor, sie seien unzufrieden. Sprich: Es gibt noch viel zu tun auf der Baustelle der deutsch-deutschen Befindlichkeiten. Und das dauert. 10, 20, 30 Jahre, wer weiß.

Angela Merkel, das war ihr anzumerken, denkt gerne in diesen Kategorien. "Das hat mir sehr, sehr gut gefallen", sagte sie über die Statistik, korrigierte aber sofort, dass "gefallen" wohl das falsche Wort sei. Später sagte sie es trotzdem noch mal.

Angela Merkel, und auch das war ihr anzumerken, setzt das Kleinklein des Regierungsalltags reichlich zu. Selten sah die Kanzlerin derart übermüdet und gestresst aus. Es ist, als sei sie in den vergangen Wochen um Jahre gealtert.

Oppermann und Clausewitz

Wenige Stunden vor Merkels Auftritt veranstaltete Thomas Oppermann, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD, das traditionelle Pressebriefing zur Sitzungswoche. Geradezu lustvoll schmähte er die Arbeit der schwarz-gelben Regierung. "Ich bin geneigt, an Clausewitz zu denken", höhnte Oppermann, "der Koalitionskrieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln." Er empfahl den Union und FDP, ein "Anti-Gewalt-Training" zu absolvieren.

Das hatten Merkel und ihre Regierungspartner, CSU-Chef Horst Seehofer und FDP-Chef Guido Westerwelle, eigentlich gerade hinter sich. Am vergangenen Mittwoch saßen sie zum nunmehr zweiten Krisengespräch im Kanzleramt zusammen, um die Reibereien zu beenden. Tags darauf beteuerte Seehofer: "Die CSU ist nicht der Störfaktor." Fügte aber in kleiner Runde den Satz hinzu: "Guido Westerwelle, mein Duzfreund, schadet uns gemeinsam." Der FDP-Chef, der am Freitag vor die Presse trat, bemühte sich, die Contenance zu waren. Es habe im Kanzleramt Fruchtsaft und alkoholfreies Bier gegeben - und es sei im Übrigen eine ganz normale Arbeitssitzung der Parteichefs gewesen, sagte Westwelle. Ein "konstruktives" Gespräch.

Ein heißes Wochenende

Doch schon am Wochenende flogen wieder die Fetzen. Diesmal ging es um die Kopfpauschale, ein Lieblingsprojekt der FDP. Seehofer teilte barsch mit, das sei mit ihm nicht zu machen. Der bayerische Gesundheitsminister Markus Söder kartete nach, die nun eingesetzte Kommission zur Reform des Gesundheitswesens sei überflüssig. Am Montag gab die FDP eine Pressemitteilung heraus, die den ganzen Zorn und die Verbissenheit des Streits spüren lässt. Hier der Wortlaut:

FDP-Generalsekretär Christian Lindner erklärte zu Äußerungen des CSU-Generalsekretärs, eine Gesundheitsprämie sei nicht Gegenstand des Koalitionsvertrags: "Das erklärt manches. Der CSU-Generalsekretär sollte den Koalitionsvertrag noch einmal aufmerksam lesen: siehe Zeilen 4073 bis 4079, Herr Kollege."

Doch es sollte noch verrückter kommen.

Spaltung der CSU

Am Montagabend trafen sich die CSU-Bundestagsabgeordneten zu ihrer üblichen Sitzung. Der niederbayerische CSU-Abgeordnete Max Straubinger hob zu einer langen Rede an und erklärte lautstark: "I hob die Nasn endgültig voll." Er meinte damit aber nicht die Zusammenarbeit mit der FDP, sondern seine eigenen Leute, namentlich Seehofer, Söder und die bayerische Sozialministerin Christine Harderthauer. Deren "Geschwätz" gegen die Gesundheitsreform und die Kopfpauschale könne er nicht mehr hören. Die 40 anwesenden CSU-Parlamentarier jubelten und trampelten mit den Füßen auf dem Boden. Tags darauf diktierte der CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich den Journalisten ganz offiziell in die Blöcke: "Es ist nicht gut, wenn Parteifreunde wie Söder oder Harderthauer ausschließlich destruktiv sind."

Da hob selbst Theo Waigel, der sich zufällig in die Runde verirrt hatte, seine buschigen Augenbrauen. Das alles sei ja nicht "vergnüngssteuerpflichtig", sagte er stern.de.

Unnötig zu erwähnen, dass Söder sofort konterte. Friedrich sei eben nicht in den "Tiefen der Gesundheitspolitik" bewandert. Soll heißen: Der Mann ist komplett ahnungslos.

Rüttgers als Cocktailkirsche

Die innere Zerrissenheit, die die CSU in diesen Tagen in bislang nicht gekannter Deutlichkeit demonstrierte, ist indes auch ihren Koalitionspartnern zu finden. Die CDU streitet erbittert über den Kurs von Umweltminister Norbert Röttgen, der die Atomkraftwerke 2030 abschalten will. Dass drei Landesumweltminister - aus Hessen, Bayern und Nordrhein-Westfalen - in Berlin eine Pressekonferenz geben, deren einziger Zweck es ist, ihren Parteifreund Röttgen zurechtzuweisen, war auch ein politisches Novum. Und die FDP? Dort hat sich viel Unmut über Westerwelle aufgestaut. Er habe Nachwuchsstar Philipp Rösler ohne Not mit einem Himmelfahrtskommando betraut, als er ihm das Gesundheitsministerium andiente. Die Besetzung des Entwicklungshilfeministeriums, das die Liberalen eigentlich abschaffen wollten, sei auch ein Fehler gewesen. Zudem trete Westerwelle entschieden zu laut auf, zum Beispiel in der Hartz-IV-Debatte.

Die Sponsoring-Affäre des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Norbert Rüttgers, CDU, wirkt da nur noch wie eine giftige Cocktailkirsche auf der Spitze. Rüttgers hat durch die Affäre persönliches Ansehen eingebüßt, seine Partei fiel im jüngsten stern-RTL-Wahltrend um drei Prozentpunkte. Schwarz-Gelb hat damit im bevölkerungsreichsten Bundesland keine Mehrheit, und das wenige Wochen vor der Landtagswahl. Andererseits hat die CDU mehrere Koalitionsoptionen - sie könnte mit den Grünen zusammengehen, auch mit der SPD. Genau das macht die FDP aber nur noch nervöser. Sie ist sklavisch an die CDU gekettet. "Selbst wenn wir mit der SPD wieder anbändeln wollten - mit diesen schwächelnden Genossen gibt es doch nirgendwo eine Mehrheit", stöhnt ein Mitarbeiter der FDP-Fraktionsführung.

Und wo bleibt Merkel?

Die SPD registriert all das aufmerksam, lehnt sich zurück und genießt. Sie kann nun dieselbe Rolle einnehmen wie die CDU zur Zeiten der Großen Koalition, als sich die Sozialdemokraten mit permanenten Führungswechseln und inneren Querelen selbst zerlegten. Oppermann leistet es sich inzwischen gar, manchen Auftritt von Westerwelle nicht zu kommentieren. Das spreche doch für sich, lautet in solchen Fällen seine Antwort.

Je verheerender die Lage für das schwarz-gelbe Koalition wird, desto brennender wird das Interesse an Kanzlerin Merkel. Was macht sie, was tut sie, wie stabilisiert sie die Lage? Führt sie endlich?

Die Kanzlerin hat sich, so scheint es, wieder einmal auf das Abwarten verlegt. Bis nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Verliert Schwarz-Gelb, sieht die politische Landschaft ohnehin ganz anders aus. Die Mehrheit im Bundesrat wäre dahin, Grüne und SPD hätten wieder ein Wörtchen mitzureden. Merkel könnte dann das tun, was sie am besten kann: zwischen den Lagern moderieren.

Ein demoskopischer Befund

Dann wäre sie tatsächlich wieder die Kanzlerin aller Deutschen. Denn die Bürger wollen eigentlich gar nichts anderes. Merkel hat es vermutlich gerne gehört, als Renate Köcher, Geschäftsführerin von Allensbach, bei der Präsentation des Jahrbuches diesen Befund heraus strich: "Die deutsche Gesellschaft ist sehr nüchtern und pragmatisch geworden, die Freude über ideologische Auseinandersetzungen hat deutlich abgenommen."

Doch was Merkel weiß, müssen CSU und FDP deswegen noch lange nicht beherzigen.

Von Lutz Kinkel und Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
Administrator (04.03.2010, 16:53 Uhr)
Liebe User,
wir haben an dieser Stelle einige Kommentare und Antworten darauf gelöscht. Bitte diskutieren Sie das Thema sachlich und verzichten sie auf Beleidigungen.

Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
Prologo (04.03.2010, 16:06 Uhr)
Im Prinzip haben sich unsere Politiker auch ein Hartz IV eingerichtet,....

......ein fünf Sterne Hartz IV, mit voller Rundumversorgung, denn sie arbeiten auch nicht !!

Also kann man unsere Politiker als Luxus Sozialschmarotzer mit 100 % Kündigungsschutz und unverfallbarer Höchstrentenversorgung nenen.

Und damit die Rente nicht nach dem Tode verfällt, wird am Schluß noch eine 30 jährige geheiratet. So bringt es ein Politiker locker hin, dass für ihn bis 140 Jahre Rente bezahlt wird. (Höchstrente, versteht sich)
Das Wort Sozialschmarotzer ist hier natürlich fehl am Platze, man kann das höchstens Fürsorgepflicht nennen.

MfG,
T.
erichmonika (04.03.2010, 15:51 Uhr)
Ätsch
Ihr habt sie gewählt. Ihr wart zu schlau und hattet Tomaten auf den Augen.
knilch_59 (04.03.2010, 13:26 Uhr)
Politik ist nicht nur Glätten der Wellen
Manchmal muss man auch Gräben aufreißen, Spannungen erzeugen. Das ist nämlich die Voraussetzung für das Gestalten. Zum Moderieren, Themen aufgreifen und Sachverhalte einvernehmlich Festhalten haben wir die Repräsentanten in Person des Bundespräsidenten (gibt es den eigentlich noch? Lange nichts mehr gehört), des Bundesratspräsidenten und vielleicht noch des Präsidenten des Bundestags (der aber momentan mit dem Zusortieren von Parteispenden beschäftigt ist).
.
Und fehlt jemand, der uns sagt, wie es denn gehen könnte. Nicht in 10 oder 20 Jahren, sondern in 6 Monaten. Das nicht zu können, beschreibt das Komplettversagen von Frau Dr. Merkel. Bei ihr gilt immer noch das Wort aus dem Herbst 2008, wonach man ?auf Sicht? fährt. Kann man auch mal kurz machen, aber anderthalb Jahre. Oder verspricht uns eine Blinde den Sichtflug? Dann wäre es höchste Zeit für eine Panik!
.
Ich wünsche mir endlich mal wieder eine Aussage der Politik im Sinne eines nachprüfbaren Ziels. Wenn die Regierung das nicht leistet, kann es auch keine Opposition geben. Aber dann stellt sich die Frage, wozu wir Parlament und Regierung überhaupt noch brauchen. Als Versorgungseinrichtung und zur Selbstverwaltung ist das doch etwas zu teuer!
rathals (04.03.2010, 12:06 Uhr)
Merkel
Der Schröder hatte schon damals recht:

"Die kann es einfach nicht !"

Wie lange kann sich Deutschland eine
derartige unfähige und deshalb aufgeblähte Regierung ( Bund und 16 Länder) noch leisten ?
stasicom (04.03.2010, 12:04 Uhr)
Auch diese Zahl...
sollte noch wachsen...

http://www.petitiononline.com/mod_perl/signed.cgi?hj1964
Hamskibamski (04.03.2010, 11:03 Uhr)
Merkel und "Anti-Gewalt-Training"
Dann hören wir ja gar nichts mehr von der Dame, wenn sie nicht geweckt wird.

Merkel ist die erste Politikerin weltweit, die nach der Wahl ins Koma viel und bis heute nicht aufwachte !
elvis2000 (04.03.2010, 10:12 Uhr)
merkel
ist einfach nicht tragbar, solange andere ihr die arbeit abgenommen haben, war sie das kleinere übel...aber jetzt zeigt das diese frau einfach nur eins ist ...absolut ungeeignet für das kanzleramt da total inkompetent
alice_42 (04.03.2010, 09:36 Uhr)
Och ...
... jetzt stellt das Merkel auf einmal fest, dass Regieren tatsächlich mit Arbeit verbunden ist. Blöd, wenn Steinbrück und -meier, die ihr in der GroKo die Arbeit abgenommen haben, auf einmal auf der Oppositionsbank sitzen und man die "Wunschkoalition" am Halse hat.

Das einzige was man aktuell hoffen kann ist, dass das Affentheater in Berlin munter so weitergeht, damit auch der letzte Wähler endlich begreift, dass in unserer Demokratie grundsätzlich etwas schief läuft. Ich empfehle bei der nächsten Wahl Parteien, die bei der Stimmenauszählung bisher immer unter "Sonstige" gelandet sind.
Prologo (04.03.2010, 09:35 Uhr)
Merkel ist ein Schaden für das Land, das.....

.....beweist sie ständig wenn sie mal was tut, und wenn sie nichts tut. Sie kann aber das Land vor weiteren Schaden bewahren, indem......

.....endlich zurück tritt, aber dann gleich in den unverdienten Ruhestand geht. Schlimmer gehts nimmer.

MfG,
T.
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