Der Zöllner sagt "April, April!"

12. Dezember 2008, 22:32 Uhr

Die Schweiz ist ein Paradies für Steuerhinterzieher und dieses Paradies öffnet seine Pforten: Die Eidgenossen sind dem Schengenraum beigetreten. Doch was nach einer Einladung für Steuerpreller klingt, wird an den Zollkontrollen nichts ändern. Im Gegenteil. Von Mathias Rittgerott

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Zollbeamte durchsuchen ein Fahrzeug am Grenzübergang zur Schweiz in Konstanz am Bodensee. In Zukunft will der Zoll vermehrt auf mobile Kontrollen setzen©

Nur wenige Augenblicke und Marco Lottes, 34, hält 60.000 Euro in den Händen. Dicke Bündel Hunderter und Zweihunderter. Routiniert hatte er die Lederjacke eines Geschäftsmanns durchwühlt und das Bargeld gefunden. Geduldig hatte Lottes in der Kälte auf sein Opfer gelauert. Er ist Zöllner am Autobahnübergang Weil am Rhein. Hier fließt der Strom derer in die Schweiz, deren Ziel die Banken sind.

Der Holländer macht ein langes Gesicht. "Scheiße", denkt der bullige Mann mit gestreiftem Hemd wahrscheinlich und stammelt: "Mit einer Kontrolle habe ich nicht gerechnet." Das Geld sei kein Schwarzgeld, er habe es brav versteuert. Sein Vergehen: Er hat verschwiegen, dass er mehr als 10.000 Euro aus der Schweiz in die EU transportiert.

Von Freunden umgeben

Der Geschäftsmann ist es gewohnt, unbehelligt nach Deutschland, Frankreich, Belgien zu reisen. "Da fahre ich über Grenzen hinweg, ohne Schlagbäume", sagt er: "Ohne Kontrollen und Fragen nach Bargeld."

Am 12. Dezember ändern sich nun auch die Spielregeln an der Schweizer Grenze. Ohne großes Tamtam tritt der Alpenstaat dem Schengenraum bei. Systematische Personenkontrollen fallen weg, die Bundespolizei rückt ab. "Welch ein Jubel, welch ein Singen" im vorweihnachtlichen Reiseverkehr. Deutschland ist von Freunden umzingelt, die keine Pässe verlangen. Lediglich an Flughäfen wie Zürich und Genf müssen Passagiere noch bis zum Flugplanwechsel am 29. März ihre Ausweise zücken.

Ohne Passkontrollen vom Nordkap bis Gibraltar, das ist Alltag für 400 Millionen Europäer. In fast allen EU-Staaten, dazu Norwegen, gehört das lästige "Die Pässe bitte" der Vergangenheit an. Erkauft wird diese Freizügigkeit durch verstärkte Kontrollen an den Außengrenzen.

Startschuss für Steuerhinterzieher?

Allerdings wird man hellhörig, wenn es um die Schweiz geht. Keine Kontrollen? Zur Schweiz? Mit dem Schengenbeitritt fällt, so ist zu fürchten, der Startschuss für Steuerhinterzieher, die nach dem Skandal um Ex-Postchef Klaus Zumwinkel ihr Schwarzgeld daheim gelagert haben.

"Die Straftaten werden zunehmen", warnt Bernd Carstensen vom Bund der Kriminalbeamten. Seine Logik: Wo weniger kontrolliert wird, geschehen mehr Straftaten. Millionenbeträge werden zwar nicht im Handgepäck in den Alpenstaat geschafft. Der Chef der Steuergewerkschaft, Dieter Ondracek, winkt gar ab: "Ach, die Schweiz. Schwarzgeld geht heute nach Panama, nach Singapur." Doch Tag für Tag entdecken Zöllner zwischen dem Bodensee und dem Dreiländereck bei Basel Umschläge mit Zigtausenden Euro, Franken und Dollar in Jackentaschen, Schuhsohlen oder gar Inkontinenz-Windeln.

Angesichts der Bankenkrise könnte der Schengenbeitritt Wohlhabende ermuntern, einen Teil der 170 Milliarden Euro aus der Schweiz abzuziehen, die Deutsche dort geparkt haben. Schwarzgeld's coming home. Die Zollverwaltung sieht für diesen Heimwärtstrend weg vom Konto in den Bergen hin zur heimischen Matratze zwar keine Anzeichen. Doch Zöllner am Schlagbaum, die ein feines Gespür für ihre Klientel haben, meinen vermehrt Gold zu finden.

"Wir Zöllner sagen April, April"

Den Spielverderber bei der Grenzöffnung, der redliche Urlauber wie Schmuggler gleichermaßen foppen wird, gibt der Zoll. "Wir Zöllner sagen April, April und kontrollieren wie eh und je", betont Volker Künzle, Vorsteher des Hauptzollamts im Südbadischen Lörrach.

Die Schweizer Grenze bleibt EU-Außengrenze, da die Eidgenossen keine Zollunion mit der Europäischen Union eingehen wollen. Der Warenverkehr wird wie bisher kontrolliert und reglementiert. Das betrifft nicht nur schwere Lkw, sondern alle Reisenden. So darf jeder EU-Bürger nur ein Kilogramm Honig mit sich führen. Auch die Mengen an Fleisch und Milch, Zigaretten und Schnaps sind beschränkt.

Beamte, die an den Übergängen Dienst tun, sehen Ärger auf sich zukommen. Reisende verstünden unter Wegfall der Personenkontrollen den Verzicht auf alle Kontrollen - und würden zornig bis allergisch auf die Zöllner reagieren. "Die Leute werden uns anpflaumen, sie erwarten schließlich eine freie Grenze und nicht, dass wir sie filzen", sagt einer. Schmähungen dürften vor allem dann zunehmen, wenn Zöllner ihre Vollmachten ausschöpfen und Reisende zur Leibesvisitation abführen. Auch in Zukunft werden sie Ausweispapiere verlangen. Schließlich wollen sie nicht in Gefahr geraten, falls sie zufällig einen gesuchten Schwerverbrecher aus dem Reisestrom gezogen haben.

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KOMMENTARE (3 von 3)
 
Blacky007 (13.12.2008, 17:12 Uhr)
Wer sich erwischen lässt ist einfach nur dumm
Frage mich immer, wie es die Menschen geschafft haben, soviel Schwarzgeld zusammen zu bekommen, wenn sie nicht einmal die Intelligenz besitzen dieses Geld außer Landes zu bringen, ohne sich dabei ertappen zu lassen. Dabei gibt es nichts leichteres als Geld in Steueroasen zu verschieben.
knilch_59 (13.12.2008, 00:21 Uhr)
Diese Rosinenpickerei seitens der Schweiz muss aufhören!
Die hätte man beim Schengener Abkommen nie beitreten lassen dürfen. Jetzt haben wir den Salat: die Personenkontrollen fallen weg, aber der Warenverkehr wird weiter kontrolliert. Der potenziellen Gefahr, dass der Euroraum durch massenhafte Dumping-Importe mit Schweizer Gebirgsbananen überschwemmt wird, wird weiterhin mit Kontrollen entgegengewirkt, nach Geldköfferchen soll nicht gezielt gesucht werden.
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Die Mafia wird’s freuen, die Schweiz wird’s freuen – das ist doch – im Zusammenhang mit Liechtenstein – wie die halbamtliche Aufforderung zur Steuerhinterziehung. Aber wahrscheinlich braucht es diesen Weg – schließlich hat doch Hessens CDU noch jede Menge jüdische Vermächtnisse, die nur von ausländischen Bankern gut zu verwalten sind! Gelle, Roland Koch?
cybertanne (12.12.2008, 22:55 Uhr)
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Es ist schon interessant, wie rund um Deutschland die Grenzkontrollen wegfallen aber die Zahl der Bundespolizisten nicht geringer wird. Man fragt sich, was die zehntausende von Beamten eigentlich den ganzen Tag machen - außer "Sicherheitsschleier" spielen?
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