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Undercover bei Scientology

Fünf Monate lang recherchierte Fredy Gareis für den stern hinter den Kulissen der Berliner Repräsentanz. Er erlebte, mit welchen perfiden Methoden die Organisation Menschen anwirbt, bedrängt und schließlich vereinnahmt. Sein schockierender Bericht.

Während hinter Berlin die Sonne untergeht, feiern die Scientologen Geburtstag. Den 97. ihres Gründers L. Ron Hubbard, gestorben 1986. Fackeln säumen den roten Teppich, der in die Scientology-Repräsentanz in Charlottenburg führt. Der Bau an der Otto-Suhr-Allee ist ein Komplex aus Glas und Stahl, über dem Eingang das Scientology-Kreuz. Die Scientologen - dunkle Anzüge, Abendkleider - lachen ausgelassen im Foyer. Berlin, heißt es intern, läuft angeblich zehnmal besser als geplant. Und: Berlin soll weiter wachsen.

Für die Scientologen bin ich Thorsten Brock, ein arbeitsloser Amerikanist, Fan von Tom Cruise und dessen Erfolg. Mit meiner Freundin, gebe ich vor, lebe ich in einer Zweizimmerwohnung in Prenzlauer Berg. Sandra ist gegen Scientology. Insgesamt fünf Monate habe ich meine wahre Identität geheim halten können. Habe eine winzige Videokamera eingeschmuggelt. Ich bin Journalist und will dokumentieren, was tatsächlich hinter der Glasfront vor sich geht.

Rund 250 Scientologen, unter ihnen offensichtlich auch etliche Neulinge, sind an diesem Samstag Ende März zusammengekommen. Sie wollen das vergangene Jahr Revue passieren lassen und die Marschroute für die Zukunft festlegen. Es wird eine Videoaufzeichnung aus Los Angeles geben, dann ein Büfett im sechsten Stock.

"Der Start für eine neue Zivilisation"

Im ersten Stock tritt Irmi Tjarks, Executive Director Berlin, vors Publikum. Ihr roter Bob schimmert im Licht, ihr Lachen ist breit. Gerade war die ehemalige Maklerin in den USA. Sie hat einen goldenen Pokal mitgebracht, auf dessen Spitze ein Pferd galoppiert. Im weltweiten Vergleich der Scientology-Organisationen - ein jährliches Rennen um Abschlüsse, Verkäufe, Statistiken - ist Berlin Nummer eins geworden. Angeblich. Damit haben noch nicht mal die örtlichen Scientologen gerechnet. "Der Start für eine neue Zivilisation", sagt Irmi Tjarks, "hier in Berlin und in ganz Deutschland." Heftiger Applaus. "Und damit drehen wir auch Europa!"

Derlei Aussagen bekommt die Öffentlichkeit normalerweise nicht zu hören. Auch in dem Film geht es um Expansion. David Miscavige, Ron Hubbards Nachfolger, stellt 13 neue "Orgs" vor - so nennen Scientologen ihre "Gemeinden" - sowie die Pläne für Afrika und China. Selbstsicher umreißt er das Wesen von Scientology: "Wir sind ein Zug ohne Bremsen, und wir schmeißen noch Kohlen drauf." Als ich danach aus dem Saal gehe, fängt mich einer im dunklen Anzug ab. "Ich bin Sören", sagt er, "Direktor Personal." Kennen wir uns? "Nein", antwortet er lächelnd, "aber ich weiß von dir - komm mit."

Es fing im vergangenen Jahr an. Eine Scientologin namens Corinna sprach mich auf der Straße vor dem Berliner Stützpunkt an. Enges weißes Hemd, schwarze Hose, Kraushaar, 19 Jahre alt. Sie öffnete den Mund zu einem strahlend weißen Lächeln und fragte mich, ob ich nicht reinkommen wolle. Sie war sehr nett, süß sogar. Also ging ich rein und füllte einen Persönlichkeitstest aus. Das Ergebnis war "inakzeptabel". Alle Werte im Keller. Aber man könne mir helfen. Mit einem Kurs namens "Probleme der Arbeit". Gleich zahlen, sofort anfangen. Tom Cruise habe den auch gemacht, hieß es.

"Immer häufiger klingelte das Telefon"

Mein vorläufiger Mitgliedsausweis datiert vom 22. November 2007. Seitdem absolvierte ich vier Kurse, und die Scientologen zogen den Kreis um mich immer enger. Immer häufiger klingelte das Telefon, immer öfter sollte ich kommen, immer länger dableiben. Vier Monate ging das so, zunächst mit lockerer Leine, die dann immer straffer gezogen wurde - und jetzt, auf Hubbards Geburtstag, wollen sie den Fang einholen. Ich soll Teil des Systems werden.

Während die anderen sich ans Büfett begeben, führt mich Sören über die Hintertreppe in den zweiten Stock. Das Fenster ist offen, es ist kalt. Sören ist blond, Anfang 20 und hält plötzlich ein Formular in der Hand. "So sieht ein Mitarbeitervertrag aus", sagt er, und seine grünen Augen bohren sich in mich hinein. Er hält meinen Blick, bis ich ihn abwende. Ein Trick der Scientologen. Wer wegschaut, gibt nach. Sören will, dass ich unterschreibe.

In meiner Not schiebe ich Hunger vor, um Sören zu entgehen. Im sechsten Stock lege ich mir ein paar Salamischeiben auf den Teller, mehr geht nicht, mein Magen ist eine Faust. Als mein Teller leer ist, taucht Sören wieder auf, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er lässt mich nicht aus den Augen. Allen anderen, die ebenfalls relativ neu sind, geht es genauso. Sie werden bearbeitet von Scientologen mit Klemmbrettern in der Hand. Es geht um Spenden, Kurse, Mitarbeit.

Sören will mit mir noch mal in den zweiten Stock. Er tippt auf den Vertrag und sagt, dass es im Gegensatz zu einer normalen Firma kein Geld gebe. Firma? Ich dachte immer, dass sie sich als Kirche bezeichnen. Irgendwann erzählt Sören von seinen Eltern. Die waren gegen Scientology, bis er sie "gehandhabt" hat. Ein Wort, das mir noch öfter begegnen wird. Im Scientology-Jargon heißt das: jemanden für die Sache gewinnen. Zeit vergeht, und es wird anstrengender, Sören abzuwehren. Als ich kurz vor Mitternacht das Gebäude verlasse, ist es, als würde ich einen schweren Mantel abstreifen.

"Scientologen wurden sogar schon gefoltert"

Dienstag, 1. April. Auf dem Weg zum Kurs fängt mich Sören im Foyer ab. "Ich will dir einen Film zeigen", sagt er, "über die Bedeutung von Berlin." Sören schiebt eine DVD ein. Der Film zeigt Kennedy, er spricht seine berühmten Worte vor dem Schöneberger Rathaus. Berlin habe Ethikpräsenz, argumentiert der Film, Berlin stehe für Freiheit. Sören schaut mich bedeutungsvoll an. Wir gegen die, erzählt der Film. Und vom Widerstand, auf den sie stoßen. "Was wir schon alles erleben mussten in Deutschland", sagt Sören. Was denn? "Scientologen wurden sogar schon gefoltert, um sie umzuprogrammieren." Von wem? "Von der Kirche, Geheimdienst, Interpol. Von denen, die Geld haben."

Geld wollen sie auch. Im Film ruft Hubbard dazu auf, die Leute zu Abschlüssen zu drängen, sie auf Kurse zu setzen, ihnen Bücher zu verkaufen: Lasst euch nicht stoppen. Egal, welche Ausrede sie haben. "Clear Deutschland!" Damit endet der Film. "Clear" bedeutet bei Scientology die Befreiung der Psyche vom Unterbewusstsein. Sören schaltet den Fernseher aus und hält mir den Arbeitsvertrag hin. Das ist kein Job, macht er mir klar. Das ist ein Kreuzzug.

"Attestieren", dass man alles verstanden hat

Ich zögere. Sören wechselt die Taktik. Er zeigt mir auf dem Organigramm, als was ich arbeiten könnte. Org-Sicherheit zum Beispiel. Was macht die? Sörens Hände berühren sich an den Fingerspitzen: "Die Presse kann ja alles schreiben", sagt er, "aber jemand muss die Informationen auch rausgeben - wir finden diese Leute und stellen sie vor Gericht." Ich nicke. Ich höre Schreie: "Let me go! Let me go!" Es muss im Raum um die Ecke sein. Ich schaue Sören fragend an. Ist das Zufall? Er lächelt nur und zuckt mit den Schultern. "Ich erwarte eine Entscheidung bis Donnerstag, 14 Uhr", sagt er.

Mittwoch, 2. April. Kursraum. Mein aktueller Kurs heißt "Selbstanalyse". Eine Mischung aus Philosophie, Psychologie, Banalität und Lügen. Das Ziel: Dressur bis zur Widerstandslosigkeit. Stelle ich zehn Minuten keine Frage, bin ich suspekt. Dann taucht der Kursüberwacher an meiner Seite auf, blättert durch mein Buch, stellt Fragen. Bis die Antwort deckungsgleich mit Hubbards Vorgabe ist. Schaue ich kurz aus dem Fenster, steht der Kursüberwacher wieder neben mir. Sagt vielleicht, dass ich das "Demokit" benutzen soll - eine Schale mit einer Art Bauklötzen -, um "mehr Masse" zu erhalten. Mache ich das nicht, werde ich wieder und wieder dazu angehalten.

"Du musst deine Freundin handhaben"

Ich beantworte Fragen in den Büchern und schreibe Aufsätze. Solange ich die Hubbard'schen Schlüsselwörter benutze, ist alles in Ordnung, dann kann der Rest auch der größte Mist sein. Jede kritische Auseinandersetzung mit dem Inhalt endet in etwa so: "Wer glaubt, alles zu wissen, lernt nie das Richtige." Um einen Kurs zu beenden, muss man sich an das berüchtigte "E-Meter" schließen lassen, das zentrale Instrument der Scientologen, eine Art Lügendetektor. Man muss "attestieren", dass man alles verstanden hat. Man bekommt ein Zertifikat und hält eine Rede im Kursraum. Der Applaus tut vielen gut. Danach gleich zum "Registrar", zahlen für den nächsten Kurs. Eine meiner ersten Lektionen war: Lass dich kontrollieren.

Ich lerne, dass man als Scientologe Krankheiten heilen kann. "Auch Hautkrankheiten?", frage ich Kursüberwacher Hermias. Er: "Genau." Ich: "Und wenn ich weitermache: Kann ich dann Krebs heilen?" Er: "Total. Du bist dann die Ursache über das physikalische Universum." Hermias ist nicht der Einzige, der mir das so wirr erzählt. Ab wann, denke ich, hört man auf, Fragen zu stellen? Ab wann beginnt man, diesen Unsinn zu übernehmen?

Donnerstag, 3. April. Sörens Büro. Das Rekrutierungsformular, das mir Sören beim letzten Mal mitgegeben hat, habe ich nicht ausgefüllt. Zehn Seiten persönliche Fragen. Zum Beispiel Frage 41: "Haben Sie irgendwelche Straftaten begangen, derer Sie nicht überführt wurden?" Frage 42: "Hatten Sie jemals mit Prostitution, Homosexualität, illegalem Sex oder irgendwelcher sexuellen Perversion zu tun? Geben Sie bitte bei jedem Vorkommnis an, mit wem, wo und wann das war."

Ich erzähle Sören, dass meine Freundin die Papiere gefunden und zerrissen hat. "Hm", sagt Sören. "Am besten machst du jetzt einen anderen Kurs." Sofort. "Die Auf und Abs im Leben überwinden." 90 Euro und 50 Cent. "Hast du das Geld?" Natürlich nicht. "Ich bin doch arbeitslos." Er: "Gut, dann treib es auf. Denn du musst wieder Ursache werden. Du musst deine Freundin handhaben. Und wenn nicht, dann muss man sich trennen." Wir gegen die also. Sören schaut mir tief in die Augen. "Hast du schon mal darüber nachgedacht, ob deine Freundin dich betrügt?" Dann führt mich Sören raus, sagt "Sicherheitscheck" und übergibt mich an Philipp. Blond, harter Blick, um die 30. "Nimm bitte die Dosen in die Hand", sagt er. Schon wieder das E-Meter, der Lügendetektor.

Bei Verdacht kommt der Lügendetektor

"Bist du hier, um Geschichten für Zeitungen zu finden?" Ich versuche, die Frage mit ein bisschen Empörung wegzulachen. Bloß an nichts denken, keinen Druck auf die Dosen des E-Meters ausüben. Durch die wird ein schwacher Strom geleitet, der den Hautwiderstand misst. Wenn die Messnadel ausschlägt, sieht man, dass etwas in einem vorgeht, aber nicht, was.

Primitiv. Mein Herz klopft. Der andere hat die Kontrolle, ich nicht. "Gibt es etwas, dass du mir nicht erzählst?" Wieder und wieder stellt er solche Fragen. Wie lange bin ich jetzt schon hier drin? Meine Hände sind klamm. Ich werde aggressiv. Will raus. "Du kannst mir alles sagen", sagt Philipp, "es bleibt unter uns." Von jeder Sitzung wird ein Protokoll angefertigt. Intimste Geheimnisse werden archiviert und bei Bedarf als Druckmittel eingesetzt. "Irgendwas ist da noch", sagt Philipp und schaut mich argwöhnisch an, als ich gehe. Zu Hause muss ich erst mal einen Schnaps trinken. Die Methoden der Scientologen gehen an die Substanz. Sich geistig abzuschotten kostet Kraft. Wie lange hält man so etwas aus? Sören hat gesagt, ich soll vor meiner Freundin zu Hause sein. Damit sie nicht merkt, dass ich weg war.

Das Handy wird als Kontrollinstrument benutzt

Mittwoch, 9. April. Mein Telefon läutet bis spät in die Nacht. Es klingelt, dann wird aufgelegt. Wieder und wieder. Für Scientologen endet die Woche am Donnerstag um 14 Uhr. Dann werden die Leistungen ausgewertet, die jeder für die Organisation erbracht hat. Für die Expansion müssen die Zahlen steigen. Alle stehen unter diesem Druck und geben ihn weiter.

Donnerstag, 10. April. Heute Morgen geht es gleich wieder los. Ich lasse es 20 Mal klingeln, bevor ich rangehe. "Hallo Thorsten, hier ist Carina. Wann kannst du denn wieder reinkommen?" Carina vertritt Sören. Ich sage, ich komme sowieso um 14 Uhr. "Ach nee, ein bisschen früher." - "Ich muss noch ein paar Sachen erledigen." - "Wir kommen auch dahin, wo du bist." - "Nein, das ist doch Zeitverschwendung." - "Es gibt da einen Zettel, denn du unterschreiben müsstest. Und zwei Uhr ist definitiv zu spät!" - "Wir sehen uns um zwei", sage ich und beende das Gespräch. Zwei Minuten später klingelt es wieder.

Es geht nicht um "Freiheit" und "Unsterblichkeit"

"Wir möchten das einfach noch schnell erledigen, dann gehen unsere Statistiken rauf, das hat was mit der Größe der Org zu tun, damit unser Einfluss auf Berlin wächst." Als wäre das Telefonat vorher nicht gewesen. "Was ist das denn für ein Formular?" Carina: "Ähm, das zeige ich dir." Als ich frage, wo sie gerade ist, setzt mein Herz einen Schlag aus: Obwohl ich mehrmals Nein gesagt habe, sind sie bereits auf dem Weg in meinen Stadtteil. Wir vereinbaren den S-Bahnhof Bornholmer Straße als Treffpunkt. Auf dem Weg dorthin klingelt mein Handy noch fünfmal.

In der Bahnhofshalle fordern mich Carina und Cornelius auf, den Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Jetzt. Carina ist 19, Cornelius 21. Sie würden in einer Drückerkolonne jeden Konkurrenten in die Tasche stecken. Ich sage, dass ich nichts hinter dem Rücken meiner Freundin machen will. Carina zeigt auf den Vertrag, in der Hand einen Kugelschreiber.

"Die Unterschrift ist schon mal ein Schritt in die richtige Richtung." Ich zögere. "Wie wäre es, wenn du deinen Namen hier schon mal hinsetzt? Wir tragen noch kein Datum ein." - "Nein. Wir machen das, wie ich will." Carina: "Ich bin für die andere Richtung. Trag einfach hier deinen Namen ein." Und tippt wieder auf den Vertrag. "Nimm mal den Kugelschreiber." Sie versucht mich mit ihrem Blick zu zwingen. Ich behalte die Hände in den Taschen. "Jetzt nimm mal den Kugelschreiber!"

Ich sehe immer öfter Kinder

Samstag, 12. April. Kursraum. Die Einheiten dauern bis zu drei Stunden. Ich lese über potenzielle Schwierigkeitsquellen (ich) und unterdrückerische Personen (meine Freundin und alle Kritiker von Scientology). Kursüberwacher Reinhold fragt ein Kind ab. Wie alt wird es sein, vielleicht acht? Aber es ist so störrisch, dass sie es isolieren und in den nächsten Raum bringen müssen. Immer öfter sehe ich Kinder hier. Mal gehören sie zu den Mitarbeitern, mal zu Eltern, die hier studieren.

Ich muss an Carinas Blick denken, als ich am Donnerstag den Vertrag - tatsächlich - unterschrieben habe. Natürlich, ich hätte auch gehen können. Das ist die einzige Möglichkeit. Aber ich wollte sehen, wie weit sie gehen. Dieser Blick, den Carina Cornelius zugeworfen hat. Eiskalt. Hart. Es ging nicht um mich. Es ging nicht um "die völlige Freiheit und Unsterblichkeit", die Scientology angeblich allen Menschen schenken will. Ich war nur eine Nummer, ein Abschluss. Wie muss es erst Menschen gehen, die in die Fänge von Scientology geraten.

Berlin soll in der internen Scientology-Struktur aufrücken

Dienstag, 15. April. Sörens Büro. Carina redet auf mich ein. "Wann kannst du anfangen?" - "Am Montag." - "Warum nicht jetzt?" - "Ich habe noch was zu tun." "Ich will, dass du jetzt anfängst!" Carina schnappt sich einen Zettel. Ich habe ihr erzählt, dass ich einen neuen Job an der Uni anfangen werde. Vier Tage à acht Stunden. Sie macht ein paar schnelle Striche mit dem Kuli, fertig ist mein Stundenplan. 52,5 Stunden die Woche soll ich arbeiten - neben meinem Uni-Job. Gehalt? Kann sie nicht genau sagen. Sie selbst verdiene 50 Euro die Woche, noch. Dann kommt Sören rein. Sie grillen mich zu zweit. Am Ende bringen sie mich sogar dazu, die Jahre einzutragen, für die ich mich verpflichte. Nur damit ich meine Ruhe habe. Angeblich hätte ich die Wahl zwischen 2,5 und 5 Jahren. Aber als ich dann 2,5 schreibe, sagt Carina lächelnd: "Dann trägst du halt am Montag 5 ein."

Kurz darauf betritt Executive Director Irmi Tjarks das Büro. Wie abgesprochen, denke ich. Sie sagt, dass wir den Planeten retten müssen, wer soll es denn sonst tun? "Weißt du", sagt sie, "das ist, wie wenn man einen Ertrinkenden rettet, der gar nicht gerettet werden will, aber du tust es trotzdem." Die Scientologen lachen. Ich denke, wie mein Leben wohl in zweieinhalb Jahren aussehen würde, wenn ich mich gerade tatsächlich verpflichtet hätte.

"Wir sind wie Rottweiler"

Montag, 21. April. Altberliner Kneipe "Haus der 100 Biere". Ich kann nicht mehr. Wie lange hält man es aus, bevor man einknickt, geistig, und plötzlich ein anderer wird? Ein halbes Jahr, ein ganzes? Heute soll der letzte Tag sein, an dem ich mich mit ihnen treffen werde. Carina kommt, um meine Freundin zu "handhaben". Sie bringt Corinna mit. Wir warten auf Sandra. Carina erzählt, dass Berlin in der internen Scientology-Struktur aufrücken soll, auf gleicher Höhe mit Kopenhagen, wo derzeit die Europa-Zentrale sitzt. Dafür müssen noch 55 neue Mitarbeiter her. 125 haben sie bereits. Bis zum 6. Juni soll das erledigt sein. Die beiden ziehen mich ins Vertrauen. "Wir haben richtig gute Kontakte", sagen sie leise, "nicht nur zu Schauspielern, sondern auch zu richtig hohen Politikern - die warten nur auf ein Zeichen, damit es vorwärtsgeht und sie aus dem Schatten treten können." Wer weiß, was davon stimmt. Scientology beherrscht Propaganda nicht nur nach außen, sondern vor allem auch nach innen.

Als Sandra kommt, lehnen wir uns wieder zurück. Sandra stellt Fragen, und die beiden Mädchen lachen - und lügen. Dass man Krankheiten heilen könne? Quatsch, das erzählt keiner. Druck? Nie im Leben. Die Presse? Die lügt doch. Dann versuchen sie, Sandra in die Repräsentanz zu locken. Sandra sträubt sich, sagt, dass sie nicht will. Dass ich keine Zeit mehr für sie hätte, dass ihr die vielen Anrufe auf den Wecker gingen. Carina und Corinna halten nur die Hand unters Kinn und nicken artig. Sie haben offenbar das Gefühl, wenigstens mich am Haken zu haben.

Zweifel am Partner wecken

Dann steht Sandra auf. "Du kennst meine Meinung", sagt sie zu mir und geht. So war es abgemacht - Sandra wird von einer Kollegin gespielt. Corinna sagt, ich soll sofort in die "Org" kommen. Damit ich "stabil" werde. Sie wollen mich "drillen", damit ich Sandra zu Hause bearbeiten kann. Wollen mir zeigen, wie ein "Beistand" funktioniert. Eine Psychotechnik, die ich bei Sandra anwenden soll. Das habe bei Corinnas Freund auch geklappt. Carina streut Zweifel, wie zuvor schon Sören: "Schon mal überlegt, ob deine Freundin dich betrügt?"

Ich schaue die beiden an. Wie kann das sein, dass hier zwei 19-Jährige lächelnd versuchen, meine Beziehung zu zerstören, um mich finanziell und geistig auszunehmen? Licht fällt von draußen in Carinas blondes Haar. Die 19-Jährige entblößt ihre Zähne zu einem Lächeln und sagt: "Wir sind wie Rottweiler. Wir lassen nicht mehr los."

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