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22. April 2008, 10:08 Uhr

Mehr Rente heißt nicht mehr Wähler

Nicht der Geldbeutel entscheidet, welche Partei ein Rentner wählt, sondern die Gewohnheit. Wer mal "Willy, Willy" gerufen hat, macht sein Kreuzchen nicht so schnell bei Angie. Und das, obwohl immer mehr Senioren in Deutschland von ihrer Rente kaum leben können. Von Hans Peter Schütz

Rast im Sonnenschein: Droht Deutschland eine Rentnerdemokratie?© Jens Schlueter/DDP

Die neue politische Horrorvision heißt "Rentnerdemokratie." Alle Macht den Alten wird ängstlich gefragt? Statt Demokratie eine Gerontokratie, die darauf abzielt, die Jüngeren auszuplündern? Thematisiert hat das Wort Alt-Bundespräsident Roman Herzog im Zusammenhang mit der außerplanmäßigen kommenden Rentenerhöhung um 1,1 Prozent. In "Bild" drohte er: "Die Älteren werden immer mehr, und alle Parteien nehmen überproportional Rücksicht auf sie. Das könnte am Ende in die Richtung gehen, dass die Älteren die Jüngeren ausplündern."

Nun ist die umstrittene Rentenerhöhung sicherlich ein Wahlgeschenk der Großen Koalition für die Rentner mit Blick auf die Wahl im nächsten Jahr. Wobei allerdings die Frage gestellt werden darf, ob sich mit einer Rentenerhöhung von drei bis 15 Euro im Monat die Oldies an der Wahlurne "kaufen" lassen. Für Pro wie Contra gibt es zudem Argumente. Pro: In den vergangenen fünf Jahren ist die Kaufkraft der Renten um rund zehn Prozent gefallen. Insofern sei die Erhöhung "sehr maßvoll", argumentieren Politiker der Union wie der SPD. Contra: Die "lächerliche" Erhöhung, monieren die Kritiker der Aktion, sei es nicht wert, dass "alle vorangegangenen Bemühungen zur Sicherung der Rente wieder zunichte gemacht werden". Populismus habe über die rentenpolitische Glaubwürdigkeit gesiegt, kritisierte die "Stiftung Markwirtschaft."

Die Volksparteien vergreisen

Wissenschaftler indes lächeln nur über das Drohwort "Rentner-Demokratie". Der Politikwissenschaftler Achim Goerres: "Ob ein Rentner einen Politiker wählt, hängt von so vielen Faktoren ab, dass eine kleine Rentenerhöhung das Wahlverhalten gar nicht beeinflussen kann." Das Renten-Geschenk könne sich durchaus als "Schuss ins Knie" der Politiker entpuppen.

Tatsache allerdings ist, dass beide Volksparteien ihre stärksten Bataillone bei Wahlen in der Gruppe der über 60-Jährigen haben. Sie nehmen ihre Wahlpflicht ernster als Jüngere. Die SPD kam bei der Bundestagswahl 2002 bei den Oldies auf über 33 Prozent. Die CDU erreichte in dieser Altersgruppe sogar 40 Prozent Zustimmung; die CSU kam auf 36 Prozent. Bei der Bundestagswahl 2005 holten Union und SPD bei den Wählen ab 60 zusammen 77 Prozent der Stimmen. Beide Parteien vergreisen außerdem stetig: Beinahe die Hälfte ihrer Mitglieder sind 60 Jahre und älter.

Görres ist gleichwohl der Auffassung, dass die Rentenpolitik ohne Einfluss auf das Wahlverhalten ist. Es sei ein Irrtum der Politiker, dass die Rentner als großer Block votierten. Genau dies seien sie jedoch in ihrer sozialen Struktur eben nicht. Vielmehr bestünden alle sozialen Unterschiede, die sich während des Erwerbslebens aufgebaut hätten, unverändert weiter. Nach Ansicht aller Politikwissenschaftler hat das Wahlverhalten der Rentner viel mehr zu tun mit den Bedingungen, unter denen sie zum ersten Mal zur Wahl gegangen sind. In der jetzigen westdeutschen Rentner-Generation war dies die Adenauer-Ära. Bis heute wählen diese Rentner verstärkt Union. Doch die SPD kann hoffen: Sie wird mehr Stimmen unter den Alten bekommen, wenn die Willy-Brandt-Generation Rente kassiert. Wer mal "Willy, Willy" gerufen hat, macht sein Kreuzchen nicht so schnell bei Angie. Die SPD hat damit gegenüber der Union die bessere Perspektive - vorausgesetzt, sie verliert nicht weiter an die Linkspartei.

Gerade mal 550 Euro Rente

Der Gedanke "Mehr Rente, mehr Stimmen" ist also aus der Sicht der Wissenschaft eine Milchmädchenrechnung. Der Rat von Görres an die Politik: "Eine nachhaltige, zwischen den Generationen ausgewogene Politik wird für die Wahlergebnisse besser sein als Wahlgeschenke an Rentner." Der Akzent des Wissenschaftlers liegt hier auf "nachhaltig". Das ist allerdings das jetzt praktizierte Aussetzen des Riester-Faktors genau nicht.

Die seriöse Diskussion über eine nachhaltige Rentenpolitik findet an ganz anderer Stelle statt. Sie dreht sich um das Thema "Sockelrente". Konkret geht es dabei um die Frage: Soll jemand, der mehr als 35 Jahre gearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt hat, am Ende in der so genannten Grundsicherung landen? Diese beträgt zurzeit 647 Euro im Monat (347 Euro Hartz IV, 250 Euro Mietzuschuss, 50 Euro Heizkostenzuschuss). Diese Grundsicherung bekommt auch, wer sein Leben lang nicht gearbeitet hat.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass 25 Prozent künftiger Rentner, die 35 Jahre und mehr eingezahlt haben, später gerade mal auf 550 Euro Rente kommen, und mithin auch sie auf die Grundsicherung angewiesen sind. Allein in Nordrhein-Westfalen hat sich in den vergangenen drei Jahren die Zahl der Rentner, die nur die Grundsicherung beziehen auf 100.000 erhöht. Tendenz: stark steigend.

"Warum überhaupt noch arbeiten"

Das ist zwar auch ein Problem für einige der Rentner von heute, aber voll getroffen werden die von morgen. Denn der Niedriglohnsektor in der Bundesrepublik weitet sich in einem bisher nicht vorstellbaren Tempo aus. Rund 25 Prozent der Arbeitnehmer arbeiten inzwischen zu Niedriglöhnen. Für diese Arbeitnehmer fordert ein Teil der SPD, vor allem der linke Flügel um Andrea Nahles und Karl Lauterbach und der SPD-Arbeitnehmerflügel um Ottmar Schreiner, eine Sockelrente von 800 Euro im Monat. Lauterbach: "Das jetzige System ist ungerecht. Bei der Sockelrente von 800 Euro bekäme ein Arbeitnehmer, der sein Leben lang gearbeitet hat, wenigstens 150 Euro mehr als jemand, der nicht gearbeitet hat und Grundsicherung bezieht." Mit der Sockelrente, so ihre Befürworter, werde die Jugend von heute vor Altersarmut geschützt. Der Niedriglohnsektor sei die entscheidende Gerechtigkeitslücke im Rentensystem.

Die Chance, sich an dieser Stelle einmal mehr als "Arbeiterführer" der CDU zu profilieren, hat wieder einmal Jürgen Rüttgers erkannt. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident hat sich mit dem Ruf zu Wort gemeldet: "Wer lange in die Rentenkasse eingezahlt hat, muss mehr Rente bekommen als nur die Grundsicherung." Sonst stelle sich der Bürger die Frage: "Warum soll ich überhaupt noch arbeiten, wenn es auch ohne Arbeit die gleiche Rente gibt?"

Was Rüttgers damit als neue Debatte über die Zukunft des Rentensystems verkauft, hat allerdings Lauterbach bereits in seinem Buch "Der Zwei-Klassen-Staat" thematisiert. Wenn Rüttgers seinen Vorstoß ernst meine, so Lauterbach gegenüber stern.de, dann "soll er doch eine entsprechende Gesetzesinitiative über den Bundesrat einbringen. Die SPD-regierten Länder werden dann ganz gewiss zustimmen." Aber Lauterbach vermutet, der Appell von Rüttgers werde sich am Ende als "Geschwätz" entpuppen - "der CDU-Mann blufft doch nur."

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
JePi (23.04.2008, 11:15 Uhr)
Sockelrente
Bei allem Verständnis und Einsicht, dass eine Sockelrente von 800 € Sinn macht. Die Frage bleibt: Wer soll das bezahlen? Etwa die, die in ihrem Arbeitsleben ausreichend vorgesorgt hatten für ihre Rente? Sollen wieder die Fleißigen die Dummen sein?
Mule (22.04.2008, 15:11 Uhr)
an MALT
Jau, so ist´s recht, denn wir haben schließlich fast 40 Jahre dafür gebuckelt. Wir fanden es übrigens auch merkwürdig, daß Rentner die dicksten und schnellsten Autos fuhren, aber uns sagte man wenigstens, daß man ein Leben lang dafür zu arbeiten hat oder als Sohn/Tochter geboren werden muß. Wäre das für Sie auch nachvollziehbar????
Angste (22.04.2008, 12:26 Uhr)
Wie nett..
Wie nett, daß hier immer wieder Leute über Rentner( 1176 Euro Männer,650 Euro Frauen) schreiben, aber die Pensionen (2500 Euro) der Staatsdiener meinen.
Uuuunheimlich kompetent.
Malt (22.04.2008, 12:06 Uhr)
@OutbackerAS
So sieht's aus... die dicksten Autos, die man auf der Straße antrifft, werden von Rentnern mit 70 KM/H über die Landstraße jongliert.
.
Und wenn man noch tiefer in die Statistik schaut, dann wird man sehen, dass die Konsumentengruppe der
sog. Bestager (Rentner) die Kaufkräftigste überhaupt ist...
OutbackerAS (22.04.2008, 11:55 Uhr)
Die Mär von der Altersarmut
Wieder mal ein Versuch, den deutschen Rentner arm zu reden. Ein Blick auf die statistischen Zahlen hilft: natürlich gibt es Altersarmut - aber nur in ganz geringem Ausmaß. Die Wahrscheinlichkeit, einen armen Rentner zu treffen ist wesentlich geringer, als ein armes Kind zu treffen. Oder wie mein Vater - der selbst Rentner ist - zu sagen pflegt: eine Rentenkürzung hätte gravierende Folgen für die meisten: nur noch 4- anstatt 5mal im Jahr in den Urlaub fahren!
Fairplayonly (22.04.2008, 11:46 Uhr)
Willy, Willy, forever
dass da bloß kein Irrtum aufkommt! Hätschelt und hudert Euch und Eure Staats-Pensionäre nur weiter so. Wir haben es schon getan und werden mit Sicherheit auch weiterhin den seit 20 Jahren an uns verbrochenen Rentenbetrug mit dem Stimmzettel in der Hand quittieren!
Malt (22.04.2008, 11:45 Uhr)
Es hilft nur noch...
...die Rentenkassen und Rentenversicherung komplett aufzulösen, die jetzigen Rentner per Steuergeld versorgen, dafür die Rentenabgaben den arbeitenden Menschen zur eigenen Vorsorge in die Hand drücken.... anders werden wir aus dieser Abwärtsspirale nie ausbrechen können. Wird aber Blut und Tränen kosten...
Asteriskina (22.04.2008, 11:24 Uhr)
Kreuzchen
gut, wenn Rentner das Kreuzchen dann bei der CDU machen würden, bliebe es ebenfalls bei einer Armutsgrenze, ggf. sogar hinsichtlich ds Betrags noch darunter. Das Kernproblem ist doch ein ganz anderes. Deutschland hat es, gemessen an anderen europäischen Ländern, nicht geschafft, gesellschaftsverträgliche Rahmebedingungen zu schaffen. das betrifft alle Bereiche. Unter dem Deckmantel vermeintlicher Globalisierungsfaktoren ist uns eine gesunde Plattform abhanden gekommen. Zwar sind wir in Sachen Bürokratie Weltmeister, mit Vernunft hat das aber wenig zu tun. Sinnvoll sind Modelle der skandinavischen Länder mit steuerfinanzierten Renten, deren unterste Grenze bei 900 Euro liegt. Wer mehr will, muss privat zusätzlich vorsorgen. Mit diesem Betrag kann der Bürger dann auch agieren, wie er will und muss sich dann nicht noch im hohen Alter mit sinnlosen bürokratischen Gegenrechnungs-Tortouren auseinandersetzen und kann sich das Leben so einrichten, wie er will. Während er eine lieber eine größere Wohnung hat, lebt ein anderer gerne beengter und reist umher. Soviel Freiheit sollte schon sein, wenn ein Mensch an der letzten Etappe seines Lebens angekommen ist. Die Bundesrepublik, bzw. deren Volksvertreter haben sich jedoch in allen sozialen Bereichen dafür entschieden, ganz auf Fremdbestimmung und bürokratische Abhängigkeiten zu setzen. Eine schreckliche Entwicklung und ein Weg in die weite Vergangenheit zurück. Einige wenige wollen ganz viele permanent an der Kandarre halten und es wird täglich schlimmer. Allerdings ist bei der Obrigkeitshörigkeit auch daran nicht viel zu ändern.
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