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Aufstand der anonymen Spießer

Johannes Ponader, führender Kopf der Piratenpartei, ist wegen einer Spendenaktion bei der Basis in Ungnade gefallen. Die Kritiker von Anonymous beweisen dabei vor allem ihr Gespür für den Stammtisch.

Ein Kommentar von Niels Kruse

  Ein bisschen Nerd, ein bisschen unangepasst: Johannes Ponader (M.)

Ein bisschen Nerd, ein bisschen unangepasst: Johannes Ponader (M.)

Dass sich lautes Revolutionsgeschrei und konservative Wertvorstellungen nicht grundsätzlich ausschließen, hat schon der Sozialphilosoph Theodor W. Adorno bewiesen. Als die Studenten des 68er-Vordenkers begannen, seine Ideen reichlich unzivilisiert auf die Straße zu tragen, stand der Frankfurter angewidert daneben und musste erkennen, dass auf schöne Worte manchmal hässliche Taten folgen. Ähnlich ergeht es nun einem unübersichtlichen Politgebilde namens Piratenpartei und Anonymous. Die Vordenker der digitalen Gesellschaft müssen gerade schmerzhaft lernen, dass es einen Unterschied gibt, ob man alternative Lebensmodelle denkt oder sie auch lebt. Und dass längst nicht jeder zum Freigeist taugt, nur weil er eine Guy-Fawkes-Maske trägt.

Konkret geht es um Johannes Ponader, seit April dieses Jahres politscher Geschäftsführer der Piratenpartei. Erstmals öffentlich aufgefallen war der 35-Jährige, als er bei Günther Jauch unablässig twitterte und mit seinen Sandalen genauso aussah, wie man sich einen Piratenpolitiker vorstellt: ein wenig nerdig, ein wenig selbstgefällig, ein wenig unangepasst. Seitdem ist Ponader ein Gesicht der selbsternannten Themenpartei und vielleicht ist auch das einer der Gründe, warum er bei vielen Netzaktivisten nicht gut gelitten ist. Übrigens auch nicht bei allen stern-Autoren.

Stilecht mit einem Shitstorm niedergemacht

Mittlerweile aber spitzt sich der Streit um den bekanntesten Piraten auf geradezu absurde Weise zu. Im ganz großen Stil wird er niedergemacht - von den eigenen Leuten, stilecht per Shitstorm und ausgerechnet mit Hilfe von Argumenten, wie sie schlichter von keinem angeschickerten Stammtischbruder kommen könnten: "Wie kann man jemanden der erfolgreich das Studium der Pädagogik und der Theaterwissenschaften abgeschlossen hat, aber aus purer Bequemlichkeit nicht gewillt ist Arbeiten zu gehen, … noch im Amt halten?" - so empört sich seit kurzem einer der größten Anonymous-Gruppen bei Facebook. Der Blog "Netzpolitik.org" titelte kurz darauf martialisch: "Anonymous erklärt Piratenpartei den Krieg". Beide Beiträge lockten innerhalb von kürzester Zeit Hunderte von Kommentatoren und Gefällt-mir-Klickern an.

Grund für die hausgemachte Auseinandersetzung ist Johannes Ponaders unkonventioneller Lebenstil. Er selbst versteht sich als eine Art Künstler, der, wie er selbst sagt, sich ungern in Hierarchien einordnet und lieber von Job zu Projekt zu Ehrenamt zu Projekt wechselt. Und dazwischen immer wieder von Hartz IV lebt oder leben muss. Mit einer Spendensammlung in eigener Sache treibt seine Selbstvermarktung nun bis zum Äußersten. Sein freies Mäandern ohne Kinder und Karriere und ohne geregeltes Einkommen ist nicht ungewöhnlich für die zahllosen Großstadt-Indianer im "Irgendwas-mit-Medien" und "Eigentlich-bin-ich Schauspieler"- Mikrokosmos von Hamburg bis Berlin. Selbst Fernsehstars wie Ulrike Folkerts geben unumwunden zu, sich von Zeit zu Zeit vom Staat alimentieren zu lassen. Oder lassen zu müssen, um zum Beispiel keine Rentenansprüche zu verlieren.

Fundraising statt Festanstellung

So gesehen ist Ponader auch nur ein Bohèmian unter vielen. Aber Ponader ist auch ein cleverer Bursche mit 1er-Abitur, und deshalb bereits weiter: Um sich nicht länger den Vorwurf auszusetzen, sich auf der Hartz-Hängematte auszuruhen, sammelt er mit freundlicher Unterstützung einiger Piraten Spenden von Mitgliedern ein, um das, unbezahlte, Amt des politischen Geschäftsführers ausüben zu können. Fundraising statt Festanstellung ist offensichtlich zu alternativ für die selbsternannten Weltenretter von Anonymous: "Hatte zufällig an dem Tag als die Spendenaktion für Ponader vom Parteivorstand abgesegnet wurde, die Klapse wieder Wandertag?", heißt es krawallig im Facebook-Beitrag der Netzaktivisten.

Offenbar erfreuen sich Teile der Anonymous-Basis, die wiederum in großen Teilen die Basis der Piratenpartei ist, an den populistischen Schmähungen. Unter dem Facebook-Post schreibt ein Nutzer: "Was soll dabei rauskommen, wenn ein so weltfremder (Parasit) Pirat was zu sagen hat?" Bei Twitter bemüht jemand den Rechtsaußenklassiker: "In Deutschland kann jeder arbeiten", ein anderer bemerkt hämisch: "Sage den Kindern jetzt immer, dass sie ihre ungegessenen Pausenbrote direkt an Johannes Ponader schicken sollen." Freilich: Große Teile der Diskutanten kritisiert die Schärfe der Anonymous-Worte und bemängelt die Engstirnigkeit des Beitrags. Auch die Piratenpartei selbst geht das Posting zu weit, wie sie in einer Reaktion schreibt. Aber offenbar trifft Ponaders Art der Lebensfinanzierung einen empfindlichen Nerv der Aktivisten.

Trauriger Umgang mit Ehrenamtlern

Traurig ist dabei nicht, dass auch die maskentragende Unterstützermasse noch immer noch nicht so richtig weiß, was sie eigentlich will. Ihr Ja zum bedingungslosen Grundeinkommen steht dabei im krassen Widerspruch zum Umgang mit den Ex-Hartzer und Ehrenamtler Ponader. Traurig ist die Art und Weise wie Teile der Basis neidvoll und kleinkariert mit Leuten umgeht, die sich nicht ins Korsett traditionell bürgerlicher Werte zwängen lässt und gleichzeitig ihr Kreuz bei einer Partei macht, die verkündet: "Jeder Mensch muss sich frei für den selbstgewählten Lebensentwurf entscheiden können."

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