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18. April 2008, 14:35 Uhr

"Rechtsstaat auf der Rutschbahn"

Das BKA soll künftig in Wohnungen eindringen können, um dort Wanzen und Minikameras zu installieren; Bundestrojaner sollen Festplatten scannen. Die Opposition ist alarmiert, FDP-Innenexperte Baum erwägt eine Verfassungsklage. Der SPD-Mann Edathy sagte stern.de, Schäuble wolle eine Lizenz zum Wohnungseinbruch.

"Schnüffelstaat" - nicht nur Grünen-Vorsitzende Roth protestiert gegen das geplante BKA-Gesetz© Jens Büttner/DPA

Abhören, filmen, scannen. Die Bundesregierung plant, Terrorverdächtige mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen zu überwachen. Zum Teil werden sie in dem Entwurf für ein neues Gesetz für das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden beschrieben. Das BKA untersteht direkt dem Bundesinnenmister Wolfgang Schäuble (CDU). Von der Öffentlichkeit unbemerkt hatte Schäuble das Gesetz mit Justizministerministerin Brigitte Zypries (SPD) ausgehandelt.

Höchst umstritten ist jener Teil des BKA-Gesetzentwurfs, der vorsieht, dass Bundespolizisten künftig Wanzen und Minikameras in Wohnungen installieren dürfen - und zwar nicht nur bei Terrorverdächtigen, sondern auch bei allen, mit denen der Verdächtige Kontakt hat. Das würde bedeuten, dass auch die Privatwohnungen unbescholtener Bürger bis zu einem Monat lang total überwacht werden können.

"Eindeutig verfassungswidrig"

Der frühere Innenminister Gerhart Baum (FDP) erwägt, gegen dieses Gesetz - sollte es der Bundestag verabschieden - vor dem Verfassungsgericht zu klagen. "Der Staat will die Wohnungen völlig unverdächtiger Bürger öffnen, um Überwachungstechnik zu platzieren, also Mikrofone und Kameras. Das ist eindeutig verfassungswidrig", sagte Baum dem "Münchner Merkur". Mit einem solchen Gesetz würden die Grenzen zwischen Polizei und Geheimdiensten verschwimmen. Der Entwurf sei ein Beleg dafür, dass "der Rechtsstaat auf einer Rutschbahn" sei.

Auch Claudia Roth, Vorsitzende der Grünen, kritisierte den Vorstoß scharf. "Die Unverletzlichkeit der Wohnung und die Vertraulichkeit privater Gespräche müssen Schäubles großem Spähangriff weichen", sagte Roth in Berlin. Schäuble und seine Innenministerkollegen auf Länderebene wollten das Land in einen "Schnüffelstaat" verwandeln. "Vermeintliche Prävention ist alles, Bürgerrechte und Privatheit sind nichts."

Kritik an Online-Durchsuchung

Innerhalb der Regierungskoalition regt sich nur verhaltener Widerstand gegen den Späh-Angriff. "Ich halte das prüfbedürftig", sagte Sebastian Edathy, SPD, Vorsitzender des Innenausschusses im Bundestag, zu stern.de. "Besonders problematisch ist, dass diese Regelung nicht nur für Terrorverdächtige in Betracht kommen soll, sondern auch für Wohnungen von Dritten."

Auch die Online-Überwachung steht erneut in der Kritik. Auf der Konferenz der Innenminister von Bund und Ländern in Bad Saarow wurde deutlich, dass nicht einige Länder über das geplante Gesetz hinausgehen wollen. Dieses Gesetz verbietet es den Ermittlern in Wohnungen einzudringen, um Spionage-Programme auf Computer aufzuspielen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) nannte es unlogisch, dass Kameras und Wanzen, nicht aber Spionage-Programme installiert werden dürften. Dies soll mit einem Landesgesetz möglich gemacht werden. Die CDU-Innenminister aus Hessen und Baden-Württemberg unterstützen den Hermanns Position.

"Millimetergenaue Entscheidung"

SPD-Experte Edathy hingegen verteidigte die Einschränkungen bei der Online-Durchsuchung. "Wolfgang Schäuble wollte die Lizenz zum Wohnungseinbruch erwirken, die wird er nicht bekommen", sagte er stern.de. "Die jetzige Regelung ist klug und angemessen und entspricht millimetergenau der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts."

Zur Frage eines möglichen NPD-Verbots wurde auf der Innenministerkonferenz in Bad Saarow bekannt, dass die Innenminister der Union kein zweites Verbotsverfahren unterstützen. Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck hatte sich dafür ausgesprochen. Nach einer ZDF-Umfrage sind 74 Prozent der Bevölkerung ebenfalls für ein neues Verfahren.

Abstimmung

Steuert Deutschland auf einen Überwachungsstaat zu?

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DPA/AP/Reuters/lk
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
Klaus_P (19.04.2008, 14:37 Uhr)
Ist es Ironie des Schicksals?
Dass man wohl die Linke wählen muss um eine Opposition zu haben die dem Wahnsinn von Herrn Schäuble Paroli bieten kann?
Ich glaube anders kann man diesen Wahnsinn nicht stoppen. Die CDU ist da eh voll von überzeugt, die SPD ein Windrädchenverein, die Grünen hatten auch die Chance diesen Wahnsinn nicht mitzutragen, bei der FDP muss man hoffen dass die über die 5% kommen.
Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber ich werde die Linke wählen um diesen "StaatsTerror" zu stoppen.
adi35 (19.04.2008, 14:00 Uhr)
kein Unterschied
zur DDR und zur Stasi ist bald mehr vorhanden.
Die Behauptung die SED wäre ein Unrechtsregime gewesen und die ehemalige und heutige Bundesrepublik der einzig ware Rechtsstaat ist damit wohl endgültig widerlegt.
Ob Mielke oder Schäuble ist jetzt wohl endgültig die letzte Unterscheidung aufgehoben
Reinhard24 (19.04.2008, 11:29 Uhr)
CDU Hardliner
Ich kann mir kaum vorstellen, daß selbst hartgesottene Konservative so etwas wollen. Das untergräbt jegliche Freiheit und Demokratie und schafft massenhaft perverse Lebenssituationen.
Wie können sich Betroffene überhaupt vor Mißbrauch schützen? Nein, sowas sollte keiner wollen, was wir angesichts der neuen Techniken brauchen ist eine Bürgerrechtsoffensive, die klar Bürgern Mittel in die Hand gibt sich
gegen Datenmißbrauch zu wehr zu setzen, auch mit empfindlichen Haftstrafen für Beamte die hier Mißbrauch betreiben, den es zweifellos geben wird.Aus der Vielzahl der Einzelmaßnahmen die immer am Rande durchgedrückt werden,
würde mich mal intressieren, in wie weit der Entdemokratisierungprozess
denn schon fortgeschritten ist. Hier sollte der alte Spruch wieder herhalten, wir sind das Volk! Alles was über unsere Köpfe gegen unseren Willen geschieht sollte mal näher beäugt werden.
jockel_us (18.04.2008, 21:01 Uhr)
"SPD-Experte Edathy": Trau, schau, wem
...ist derselbe "Vorkämpfer für Freiheitsrechte" in der Sozialdemokratie, der diese Woche nicht davor zurückschreckte, eine unliebsame Journalistin mundtot zu machen, die ihn (angeblich!) falsch zitiert hatte. Keine Belege, auch nicht für die Behauptung, sie habe sich falsch bei ihm vorgestellt - s. http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27731/1.html.
Und ein neuer ZEIT Online-Chefredakteur wird zum willigen Vollstrecker: http://blog.zeit.de/zeitansage/
Solchen Typen überlaßt Ihr in Deutschland Euren Datenschutz und Eure Pressefreiheit?
Oh mei...
Josh67 (18.04.2008, 20:52 Uhr)
Umbau der Gesellschaft
Das ist doch ganz klar, Schäuble weiss das immer mehr Bürger in die Armut abrutschen. Das führt zu mehr Gewalt, und um dem entgegen zu wirken brauchen wir mehr Überwachung.
Ist doch logisch.
Ich bin immer mehr überzeugt, daß der 11.September von den Wirtschaftsfaschisten geplant und ausgeführt wurde!!!
Denkt mal darüber nach, das 4. Reich steht vor der Tür, wenn es nicht schon über die Schwelle getreten ist.
Arme Menschheit! :(
Gewissen (18.04.2008, 20:28 Uhr)
Warnung
Man muss vor unseren Politikern und Beamten warnen. So langsam wird es ein Staat im Staate!
Wer kann überhaupt in Deutschland noch die Arbeit unserer Staatsdiener kontrollieren?
Sie nehmen sich alles was sie kriegen können; ohne Rücksicht auf das Volk, welches das alles bezahlen muss.
Liebe Politiker und Beamten, mäßigt Euch in Eurer Gier!
Reality (18.04.2008, 20:00 Uhr)
Jetzt heißt es vorsichtig zu sein...
denn schnell ist man nun zum Terroristen gemacht.
Wer sich einmal in dieser unheilvollen Schlinge der Geheimdienste verheddert, wird nicht mehr glücklich.
Wie schnell kann nun jemandem etwas angehängt werden.
Es wird in der Zukunft mal eine Zeit geben, da werden Zeitzeugen vor Schulklassen auftreten und berichten wie alles mal ganz harmlos angefangen Hat mit einem Herrn Schäuble der überall Terroristen vermutet hat.
Es wird mal eine Zeit geben, da werden wir uns mit Sehnsucht an unsere demokratischen Freiheiten erinnern.
Genauso wie heute Zeitzeugen in Schulen über die Naziherrschaft Auskunft geben und unseren Jugendlichen erzählen wie es in dieser schrecklichen Zeit mal war und wie alles begann, so wird es mal ein Zeit in ferner Zukunft geben, nachdem wir viel Unheil erdulden mußten, in denen wiedermal Zeitzeugen vor Schulklassen auftreten und berichten von einem Herrn Schäuble und der Regierung damals unter der berüchtigten Kriegs-Kanzlerin "Merkel", und wie alles mit dem Terrorismus begründet wurde.
Und die jugendlichen Zuhörer werden fragen wie konntet ihr euch so weit unterwerfen lassen, wie konnte so etwas Menschenverachtendes passieren ????
bR4iNST0RM (18.04.2008, 18:45 Uhr)
@undjetztnochder
Sicherlich Richtig! Aber mit ihrem letzten Satz wäre ich vorsichtig!
undjetztnochder (18.04.2008, 18:40 Uhr)
Aufregung
Cool down! Also eigentlich steht die Grenzlinie doch fest: gezielte Überwachung ja, "Schleppnetzfahndung" nein. Natürlich muss ich auch als unbescholtener Bürger Eingriffe in meine persönliche Freiheit hinnehmen, wenn eine bestimmte Situation das erfordert. Aber diese Situationen sind doch klar definiert: unmittelbare Gefahr oder richterlicher Untersuchungsbeschluss. Diese Grenze muss weiterhin gelten, egal welche Medien man nutzt, also auch im Internet oder mit Überwachungskameras. Das hat das BVG wiederholt festgelegt und das wird auch so bleiben.
Necros (18.04.2008, 18:37 Uhr)
Zum Genießen
"Auf der Konferenz der Innenminister von Bund und Ländern in Bad Saarow wurde deutlich, dass nicht einige Länder über das geplante Gesetz hinausgehen wollen." Eigentlich werden alle Kommentare überflüssig, wenn man sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lässt. Wer schützt uns vor unseren Beschützern?
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